Machen Gesundheitssendungen krank?

Zwickt es Sie nach jedem Bericht über eine Krankheit just an eben dieser Stelle? Klingt nach Morbus Mohl.

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Morbus Mohl

3:13 min, aus 100 Sekunden Wissen vom 26.08.2015

Bekennende Zuschauer der SRF-Gesundheitssendung «Puls» kennen den Spruch aus ihrem Bekanntenkreis zur Genüge: «Das schaue ich nie! Davon werde ich bloss krank!». Oder das Seufzen befreundeter Ärzte: «Jetzt rennen mir die Leute wieder die Praxis ein...» Das Phänomen hat einen Namen: Morbus Mohl.

Seriöser, älterer Fernsehmoderator vor einem stilisierten Aeskulap-Stab Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hans Mohl 1990 in den Kulissen seiner Sendung «Praxis – das Gesundheitsmagazin». imago

Fast 30 Jahre lang, von 1964 bis zu seiner Pensionierung 1993, moderierte Hans Mohl im Zweiten Deutschen Fernsehen die Sendung «Gesundheitsmagazin Praxis». Darin gab der Journalist Tipps zur Krankheitsfrüherkennung und bereitete medizinisches Wissen für das TV-Publikum daheim auf der Couch auf.

Die Sendung war enorm erfolgreich: Zum einen deckte Hans Mohl in den insgesamt 375 Folgen zahlreiche Missstände im deutschen Gesundheitswesen auf, was ihm diverse Preise und sogar einen Ehrendoktor eintrug. Zum anderen war das Publikum gross und treu und sehr interessiert – so interessiert, dass viele Ärzte am Tag nach der Sendung ein erhöhtes Patientenaufkommen in ihrer Praxis feststellten. Patienten, welche die tags zuvor im «Gesundheitsmagazin Praxis» geschilderten Symptome einer Krankheit bei sich selbst entdeckt zu haben glaubten und die entsprechenden Beschwerden glaubhaft schilderten.

Was Mohl, das Google

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Morbus

«Morbus» ist das lateinische Wort für «Krankheit». In der Medizin wird der Begriff mit dem Namen des Entdeckers einer Erkrankung kombiniert. (Beispiel: Morbus Alzheimer). In der Umgangssprache wird «Morbus» oft weggelassen.

Dieses, damals neue, Phänomen erhielt bald die scherzhafte Bezeichnung Morbus Mohl. Der Journalist Mohl wurde also zum Namensgeber der von der Medienberichterstattung geförderten Hypochondrie: Man bekommt eine Krankheit dermassen plastisch geschildert, dass man selbst daran zu leiden glaubt.

Hans Mohl ist tot, seine Sendung längst eingestellt – aber das nach ihm benannte Phänomen ist heute aktueller denn je. Nur nennt man es heute Morbus Google: Menschen, die sich krank wähnen, googeln online nach ihren Symptomen, finden passende, meist verheerende Diagnosen und rennen bald mit grössten Ängsten zum Arzt. Der – zum Glück – oft Entwarnung geben kann.