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Gesundheitswesen Psychische Probleme durch Hirnstrommessung erkennen?

Wer im Kanton Luzern eine Invalidenrente wegen einer psychischen Störung beantragt, kann zusätzlich zur herkömmlichen psychiatrischen Untersuchung zu einem Hirntest aufgeboten werden. Ob diese Hirntests tatsächlich etwas aussagen über psychische Störungen, ist wissenschaftlich mehr als umstritten

Legende: Video Hirnstrommessung bei IV-Bezügern? abspielen. Laufzeit 6:00 Minuten.
Aus Puls vom 13.01.2014.

Eine Invalidenrente wegen einer psychischen Störung erhalten? Das ging letztes Jahr für 60 Antragstellerinnen und Antragssteller im Kanton Luzern nicht ohne einen zusätzlichen Test. Dabei wurden ihre Hirnströme gemessen und in Kurvendiagrammen dargestellt. Der verantwortliche leitende Arzt beim Regionalärztlichen Dienst, Peter Balbi, erklärt: «Es gibt typische Kurven, die Hinweise geben können, ob eine hirnorganische psychische Störung vorliegt, allenfalls in welchem Ausmass oder nicht.»

Legende: Video Mit dem Hirn-Scanner IV-Betrüger entlarven abspielen. Laufzeit 4:40 Minuten.
Aus 10vor10 vom 07.01.2014.

Und weil die Hirnströme nicht bewusst beeinflussbar seien, lasse sich damit auch herausfinden, ob jemand allenfalls gar nicht so krank sei, wie er es vorgebe. So hätten die Hirntests mitunter entschieden, ob und in welchem Ausmass einzelne Antragssteller eine IV-Rente erhielten. Die Hirntests werden übrigens von einer privaten Firma ausgewertet.

Messung noch keine Diagnose

Doch lässt sich eine psychische Störung tatsächlich an den Hirnströmen erkennen? «Nein, das kann man nicht. Man kann keine Diagnose stellen anhand von Hirnströmen», sagt Erich Seifritz, Direktor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. «Es wäre eine grosse Errungenschaft, wenn es uns gelingen würde in der Psychiatrie Biomarker zu entdecken und zu entwickeln, mit welchen wir psychische Erkrankungen und die Grundlagen von psychischen Erkrankungen besser verstehen.»

Doch so weit sei man bisher leider nicht, eindeutige biologische Zeichen für eine psychische Erkrankung, sogenannte Biomarker, kenne man bisher nicht. Auch von einem Verfahren, das IV-Betrüger anhand von Hirnstrommessungen entlarven könne, hat Seifritz noch nichts gehört.

Zünglein an der Waage

Auch Peter Balbi betont zwar, dass die Hirnmessungen immer im Kontext der psychiatrischen Untersuchung gesehen werden müssten. Doch das Zünglein an der Waage für den Nachweis, dass jemand in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sei, können sie durchaus spielen. Erich Seifritz – und mit ihm viele Wissenschaftler – finden das problematisch: «Ob es möglich sein wird, die Arbeitsfähigkeit zu quantifizieren, ist nicht ausgeschlossen. Ich glaube jedoch, wir sind davon im Moment noch relativ weit entfernt.»

Die IV-Stelle des Kantons Luzern will das Projekt trotzdem auch dieses Jahr weiterführen. Obwohl sie sich dabei auf wissenschaftlich dünnem Eis bewegt.

Messen und vergleichen

Messen und vergleichen

Bei Hirntests werden Patienten Bilder gezeigt oder sie müssen bestimmte psychologische Aufgaben lösen. Dabei werden ihre Hirnströme gemessen. Das Bild der elektrischen Hirnaktivität wird dann mit einer durchschnittlichen Aktivität bei gesunden Personen verglichen. Interessant sind die Abweichungen.

6 Kommentare

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  • Kommentar von Franz Josef Neffe, Ulbering
    Ich finde bemerkenswert, dass wir offenbar so mit den Potentialen hinter den Problemen umgehen, dass diese sich vor uns verstecken und die Flucht vor unseren Hilfs- und Fördermaßnahmen ergreifen. Das habe ich schon in der Pädagogik beobachtet und untersucht und in allen Berufen, wo wir mit GEIST & SEELE umgehen. Von E.COUÉ habe ich gelernt, auf SUGGESTIV-Wirkung zu achten und diese ggf. so zu korrigieren, dass sie zum gewünschten Erfolg führt. Dann weiß ich nicht nur sondern KANN. Guten Erfolg!
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  • Kommentar von M. Kohler, Thurgau
    Ein etwas flaues Gefühl habe ich dabei wenn man sich auf solche Test verlässt.Auf der Anderen Seite ist es auch sehr asozial wenn Simulanten sich auf Kosten der Anderen eine Rente erschleichen! Ein umstrittener Test als Indikator für weitere Beobachtungen ist sicher angebracht, aber als Kriterium für die Rente? Es ist nicht automatisch jeder ein Betrüger - es kann auch nicht sein, dass sich Behinderte generell Ihre Rechte vor Gericht erstreiten müssen - etwas mehr Mass wäre angebracht liebe IV!
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  • Kommentar von Bruno Hochuli, Reinach BL
    Wenn es hilft die die Hirnschäden abzuklären, sollte eigentlich nichts dagegen sprechen. Nur wer ein schlechtes Gewissen hat, wehrt sich dagegen. Diese Untersuchung ist nur ein kleiner Stein in der Abklärung der ganzen Prozedur. So können Leistungen viel besser abgeklärt werden. Das hat mit Armut überhaupt nichts zu tun. Es zählen nur die Resultate.
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    1. Antwort von A.Käser, Zürich
      Es sind ja gerade die Resultate die fragwürdig sind.Ausserdem ist das ganze Prozedere"menschenverachtend".Wenn sich eine Person dieser Prozedur freiwillig unterstellt und gewillt ist,an deren Auswertung zu glauben,ist dies in Ordnung.Wenn ihr aber unterstellt wird,dass ihre eigenen Wahrnehmungen und Gefühle irrelevant sind oder auf einer Lüge basieren,sie etwas verberge und man dies nun mittels Messungen im Gehirn feststellen werde,ist dies Menschenverachtung in höchstem Masse.Lieblosigkeit pur!
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