Das künstliche Kniegelenk – Wunsch und Wirklichkeit

Zunehmend setzen Ärzte bei Arthrose im Knie künstliche Gelenke ein. In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der Eingriffe mehr als verdoppelt. Doch nicht immer werden die hohen Erwartungen der Patienten erfüllt.

Gelenke, Knorpel und Knochen verschleissen im Laufe der Jahre – das ist normal. Macht sich das jedoch deutlich schmerzhaft bemerkbar, stellt der Arzt die Diagnose Arthrose. Viele kommen mit ihren Gelenksproblemen im Alltag zurecht, doch bei fortgeschrittener Arthrose mit starken Schmerzen bleibt ein Gelenkersatz oft die letzte Möglichkeit. Bevor zum Skalpell gegriffen wird, ist eine sorgfältige Diagnose wichtig – mit manueller Untersuchung, Röntgen, Ultraschall oder MRI/CT. Der Zeitpunkt der Operation muss dann für jeden Patienten individuell bestimmt werden. Der Entscheid hängt davon ab, wie stark die Arthrose die Patienten in Beruf, Freizeit und Alltag einschränkt. Wenn Physiotherapie oder entzündungshemmende Medikamente nicht mehr helfen, ist in der Regel die Zeit für eine Operation reif.

Verschiedene Modelle

Eine Knieprothese ersetzt die natürlichen Gleit- und Oberflächen des Kniegelenks. Es gibt verschiedene Prothesenmodelle, die sich durch Form, Material und Verankerungsart (mit oder ohne Zement) etwas unterscheiden. Eine Vollprothese besteht aus zwei Metallteilen, die am Ober- und Unterschenkel befestigt werden. Dazu werden während der Operation die abgenutzten Gelenksoberflächen abgesägt, um Platz für die Implantate zu schaffen. Zwischen den beiden Metallteilen liegt eine Kunststoffscheibe. Der Orthopäde wählt für jeden Patienten die für ihn geeignete Prothese aus. Welche Prothese sinnvoll ist, hängt unter anderem von der Knochenqualität ab. Unter bestimmten Voraussetzungen kann auch eine Teilprothese eingesetzt werden. Sie hat den Vorteil, dass die Patienten im Allgemeinen beweglicher sind – allerdings ist die Komplikationsrate etwas höher.

Nationales Register

Bisher gibt es jedoch keine genaue Übersicht über die in der Schweiz eingesetzten Kunstgelenke. Demensprechend schwierig ist eine Einschätzung der Qualitätsunterschiede der verschiedenen Prothesentypen und Modelle. Bislang kannte man allein die absolute Anzahl eingesetzter Implantate, wusste jedoch nicht, um welche Modelle es sich dabei handelt. Ein nationales Register soll dies nun ändern. Seit dem ersten September werden alle neuen Hüft- und Kniegelenke noch im Operationssaal in eine Datenbank eingetragen. Bei späteren Behandlungen ergänzen die Ärzte die Datensätze laufend. So können allfällige Implantat-Schäden frühzeitig erkannt und Patienten besser behandelt werden. Ausserdem lässt sich mit dem Register die Qualität der Behandlung messen. Das Schweizerische Implantat-Register wurde vom Verein für Qualitäts-Entwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) in Auftrag gegeben. Insgesamt haben sich bereits über 140 Kliniken beim Register angemeldet.

Starke Zunahme

2001 wurden in der Schweiz 6‘804 sogenannte Totalendoprothesen des Kniegelenks eingesetzt. 2010 waren es bereits deren 15‘565. Eine rasante Entwicklung, die vor allem auf die immer älter werdende Bevölkerung zurückzuführen ist – aber nicht nur. So zeigt ein genauer Blick auf die Zahlen: Die Anzahl Knieprothesen hat in der Alterskategorie der 40- bis 59-Jährigen mit einer Verdreifachung der Eingriffe in den letzten zehn Jahren überproportional zugenommen. Auch über 80-Jährige erhielten überdurchschnittlich viele künstliche Kniegelenke. Die meisten Prothesen bekamen aber nach wie vor 60- bis 79-Jährige eingesetzt. Rund zwei Drittel aller Operationen entfallen auf diese Altersklasse. Die Knieprothese ist mittlerweile Routine im Operationssaal, denn viele wollen bis ins hohe Alter ein aktives Leben führen. Oft soll das künstliche Gelenk ermöglichen, was wegen Arthrosebeschwerden zunehmend schwerfällt.

Hohe Erwartungshaltung

Die Patienten haben heute sehr hohe Erwartungen an den Eingriff. Nebst Schmerzfreiheit versprechen sich zunehmend auch Ältere eine Rückkehr zum aktiven Leben mit mehrtägigen Bergwanderungen, Tennis oder Joggen. Oft sind es die Hersteller der Prothesen selbst, die die Erwartungen hochtreiben. Sie werben mit sorgfältig ausgewählten Beispielen von Patienten mit überdurchschnittlich gutem Operationsergebnis. Die Realität sieht meist anders aus. Orthopäden betonen deshalb, dass es in erster Linie das Ziel ist, dem Patienten mit einer Knieprothese zu ermöglichen, möglichst lange seinen Alltag alleine bewältigen zu können. Ein Patient kann nebst Schmerzlinderung realistischerweise davon ausgehen, dass er ein Jahr nach dem Eingriff auf ebenem Gelände gehen, sein Knie strecken und ca. 115 Grad beugen und etwa zwei Stockwerke Treppensteigen kann.

Viele Unzufriedene

Doch wer von der OP erwartet, wieder über Stock und Stein wandern zu können, ist verständlicherweise enttäuscht, wenn bereits nach dem zweiten Stockwerk das Knie zwickt. Dabei geht vergessen, dass das Knie eines der komplexesten Gelenke des menschlichen Körpers ist, das nur dank des feinen Zusammenspiels von Muskeln, Bändern und Nerven Beugen und Drehen ermöglichen kann. Dieses natürliche Zusammenspiel kann ein künstliches Gelenk nie gleichwertig ersetzen. Eine deutsche Studie zeigt denn auch, dass rund 20 Prozent der Patienten mit ihrer Knieprothese nicht zufrieden sind. Internationale Studien sprechen davon, dass 10 bis 34 Prozent der Patienten mit einer Knieprothese über Langzeitschmerzen klagen. Diese Schmerzen können auf gelockerte Prothesen oder Infektionen im Gelenk zurückgehen, doch in den meisten Fällen ist das nicht die Ursache des Problems. Spezialisten betonen denn auch, dass dieser Eingriff keine Garantie auf Schmerzfreiheit gibt.

Wichtige Aufklärung

Umso wichtiger ist das Gespräch zwischen Orthopäde und Patient im Vorfeld der OP, um Nutzen und Risiko des Eingriffs mit den Wünschen des Patienten abzugleichen und realistische Erwartungen zu wecken. Dabei gilt: Der Einsatz einer Knieprothese ist umso erfolgreicher, je höher der Leidensdruck vor dem Eingriff ist, da dann bereits geringere Verbesserungen ein Erfolg sind. Wird jedoch zu früh und mit zu hohen Erwartungen operiert, dann ist der Misserfolg meist vorprogrammiert.

Auch wenn das so ist: Die starke Zunahme der Eingriffe lässt darauf schliessen, dass immer mehr Patienten immer früher operiert werden. Dabei kann der steigende Konkurrenzdruck unter den Spitälern ebenso eine Rolle spielen wie die Zunahme an praktizierenden Orthopäden. Auch der Druck von Seiten der Patienten, die eine schnelle Lösung ihrer Probleme erwarten, kann Ärzte dazu verleiten, früher zum Skalpell zu greifen. Es kann sich deshalb lohnen, vor der Entscheidung zur Operation eine Zweitmeinung einzuholen.

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