Das Magenband hält nicht, was es verspricht

Noch vor zehn Jahren galt das Magenband als die Lösung gegen Übergewicht. Heute ist die Ernüchterung gross: 80 Prozent der Patienten klagen langfristig über Probleme und benötigen eine weitere Operation.

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Problemfall Magenband – Übergewichts-OPs aufs Geratewohl?

13 min, aus Puls vom 17.6.2013

Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht Übergewicht als das grösste chronische Gesundheitsproblem überhaupt. In den meisten westlichen Industrienationen hat der Anteil übergewichtiger Menschen die 30-Prozent-Hürde überschritten. In der Schweiz belaufen sich die Kosten für Folgeerkrankungen zwischen fünf und sechs Milliarden Franken pro Jahr.

Ein BMI von 30 und mehr gilt grundsätzlich als behandlungswürdiges Übergewicht. Ab einem BMI von 35 sollte eine Operation als Behandlungsstrategie ins Auge gefasst werden, wenn Folgeerkrankungen wie Zuckerkrankheit, hoher Blutdruck, Störungen der Blutfette, Schlafapnoe oder gravierende Probleme der Gelenke auftreten.  

Für einen chirurgischen Eingriff gilt in der Schweiz als untere Grenze ein BMI ab 35. Ausserdem muss nachgewiesen sein, dass ärztlich kontrollierte Therapien zur Gewichtsreduktion zwei Jahre lang keinen Erfolg gezeitigt haben.

Magenband, Magenbypass oder Schlauchmagen?

Das Magenband wird heute praktisch nicht mehr eingesetzt. Langzeitstudien und Erfahrungen zeigen, dass bis zu 80 Prozent der Patienten nach zehn Jahren Probleme damit haben. Oft dehnt sich die Speiseröhre aus, was zu Schluckproblemen oder Reflux (Zurücklaufen des Mageninhalts in die Speiseröhre) führt. Das Band kann verrutschen oder ist zu eng. Wird es gelockert, nimmt der Patient jedoch wieder zu. Für welche Patienten das Magenband noch in Frage kommt, ist aktuell wissenschaftlich nicht geklärt und es besteht keine Einigkeit unter den Experten.

Inzwischen ist der Magenbypass der «Goldstandard» und wird meistens für die Übergewichtschirurgie gewählt. In der Regel nehmen Patienten damit 50 bis 70 Prozent des Übergewichts ab. Die Datenlage für diese Operation ist bislang sehr positiv – auch langfristig gesehen. Der Eingriff ist aber im Vergleich zum Schlauchmagen deutlich aufwändiger.

Beim Schlauchmagen fehlen bislang die Langzeitdaten. Eine neue Studie aus der Schweiz zeigt jedoch, dass die Operationsmethoden nach zwei Jahren in etwa die gleichen Resultate erzielen. Der Bypass wird klar bevorzugt bei Personen mit Typ-2-Diabetes oder Refluxproblemen. Der Schlauchmagen hingegen ist die erste Wahl bei sehr hohem BMI, Morbus Crohn, relevantem Mikronährstoffmangel und wenn weiterhin eine Magenspiegelung vonnöten ist.

Sind dicke Menschen «selber schuld»?

Krankhaftes Übergewicht ist eine Erbkrankheit. Es ist «polygenetisch» bedingt, das heisst, es sind verschiedene Defekte an verschiedenen Genen möglich. Je nach Ausmass und Verteilung der Gendefekte entsteht das Übergewicht schon im Kleinkindalter oder es tritt irgendeinmal im Laufe des Lebens auf.

Das Ausmass des Übergewichts hängt nur zum Teil von der Art der Ernährung ab. Bei etwa 25 Prozent sind sozio-kulturelle Einflüsse beteiligt. Die veränderte Erbsubstanz trägt zu 40 bis 75 Prozent zur krankhaften Adipositas bei. Die molekularbiologische Forschung konzentriert sich nun auf die Suche nach den Gendefekten. Es gibt aber noch keine Therapie in Form von Tabletten, die diese defekten Gene «repariert».

Natürlich gibt es auch nicht-genetische Faktoren in der Entwicklung des Übergewichtes. Typisch ist eine Kombination aus genetischen Faktoren, ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel.

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Dr. Philippe Beissner: Wie entsteht Adipositas?

3:23 min, vom 17.6.2013

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