Fehlende Schilddrüsen-Hormone durch künstliche ersetzen

Die Schilddrüse ist der «Motor» des Stoffwechsels: Ohne Schilddrüsen-Hormone kommt der Stoffwechsel zum erliegen und dann geht gar nichts mehr – von der Verdauung über den Fettabbau bis zum Hirn und den Muskeln. Darum leidet der gesamte Organismus, wenn die Schilddrüse zu wenig Hormone produziert.

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Hormoneinstellung: Eine Gratwanderung

14 min, aus Puls vom 2.5.2011

Mindestens zehn Prozent der Bevölkerung haben eine Schilddrüse, die zu wenig Hormone produziert. Viele werden es gar nicht wissen, denn zu diffus und vielfältig sind die Symptome. Frauen sind dreimal häufiger betroffen als Männer, im Alter steigen die Zahlen an. Allerdings sind auch viele junge Menschen betroffen, und selbst Kinder können bereits eine Schilddrüsen-Unterfunktion haben.

Hauptgrund: «Hashimoto»

Um die beiden Hormone T3 und T4 produzieren zu können, braucht die Schilddrüse Jod. Früher war Jodmangel der häufigste Grund für eine Unterfunktion. Heute gilt als häufigste Ursache die Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis, bei der das eigene Immunsystem die Schilddrüse angreift. Das führt zu einer chronischen Entzündung und Zerstörung der Schilddrüse.

Die Veranlagung, an einer Hashimoto-Thyreoiditis zu erkranken, ist vererbbar. Wird die Krankheit in einem frühen Stadium erkannt, besteht eine kleine Heilungschance. Meist müssen Betroffene jedoch ein Leben lang Ersatz-Hormone einnehmen.

Regelkreis von Hormonen aus Schilddrüse und Gehirn

Bei Verdacht auf Unterfunktion der Schilddrüse wird als wichtigster Marker das TSH (Thyreoidea stimulierendes Hormon) getestet. Das ist ein Botenstoff, den die Hypophyse im Gehirn ausschüttet und damit die Bildung der Schilddrüsenhormone steuert.

Ein hoher TSH-Wert im Blut zeigt an, dass die Schilddrüse von sich aus zu wenig produziert, also in Unterfunktion ist. Ein niedriger Wert deutet eine Überfunktion an.

Zusätzlich bestimmt man im Blut den Anteil der Hormone T3 und T4, die direkt aus der Schilddrüse kommen. Bei Hashimoto-Thyreoiditis lassen sich Autoantikörper gegen die Schilddrüse ebenfalls im Blut nachweisen.

Normwerte

Die Normwerte für TSH liegen bei 0,3 bis 4 mU/l (Milli-Units pro Liter), für T3 bei 3 bis 7 mU/l und für T4 bei 11 bis 26 mU/l. Die meisten Menschen, deren Werte sich innerhalb dieser Normen befinden, fühlen sich gesund. Es gibt aber geschätzte 20 Prozent Schilddrüsenpatienten, die Symtpome einer Unterfunktion zeigen, obwohl ihre Werte «normal» sind.

Immer wieder gibt es Berichte über Patienten, die Psychopharmaka verschrieben bekommen, bei denen sich später herausstellt, dass die psychischen Probleme durch eine nicht erkannte Unterfunktion der Schilddrüse verursacht worden sind.

Vor allem die TSH-Normwerte sind darum umstritten. So fordert die Schilddrüsengruppe Schweiz eine Senkung der Obergrenze, so dass eine Betroffene auch bei einem Wert von zum Beispiel 3,0 mU/l und typischen Symptomen eine Hormonersatztherapie ausprobieren könnte. Es liegt letztlich im Ermessen des Arztes, wie grosszügig er die Werte interpretiert.

Einstellung braucht Geduld

Ist eine Unterfunktion diagnostiziert, wird mit einer kleinen Dosis Ersatzhormone begonnen, die langsam gesteigert wird, bis die richtige Einstellung gefunden ist. Ist die Dosis zu hoch, kommt der Patient in eine Überfunktion. Weder in der Über- noch in der Unterfunktion fühlt sich der Patient wohl.

Den schmalen Grat der richtigen Einstellung zu finden, kann sich hinziehen: Es kann ein paar Wochen gehen, es gibt aber auch immer wieder Fälle, bei denen es bis zu einem Jahr dauert, bis die Werte und das Wohlbefinden des Patienten optimal sind.

Mögliche Symptome einer Schilddrüsen-Unterfunktion

  • Müdigkeit, allgemeine körperliche Erschöpfung, fehlende Belastbarkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Gewichtszunahme
  • Verstopfung
  • Trockene, rauhe, teigige Haut
  • Struppige, brüchige Haare
  • Anschwellende Gliedmassen ,
  • Gelenksschmerzen
  • Angst- und Panikattacken, depressive Stimmungen
  • Leichtes Frieren
  • Zyklusstörung bei der Frau, unerfüllter Kinderwunsch, Neigung zu Fehlgeburten
  • Abnahme des sexuellen Verlangens
  • Nächtliches Kribbeln und Einschlafen von Händen und Unterarmen
  • Pigmentflecken im Gesicht, vermehrtes Auftreten von dunklen Flecken am Körper
  • Nackenverspannung, Nackenschmerzen