Vom Putzfimmel zur Zwangserkrankung

Rituale gehören zum Leben, sie beruhigen und schaffen Sicherheit. Bei Kindern gehören sie zur normalen psychischen Entwicklung. Doch wenn der Fimmel den Alltag eingeschränkt, wenn Betroffene und Familie darunter leiden, liegt eine Zwangserkrankung vor.

Zwei Hände in gelben Gummihandschuhen mit Putzmittel und Lumpen beim Reinigen einer Badewannenarmatur. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bis alles glänzt – und dann noch weiter: Menschen mit Putzzwang werden nie fertig. imago

Die Frau saugt möglichst täglich Staub, wischt nach jedem Duschen die Badewanne aus und achtet penibel darauf, dass sich im Waschbecken keine Spuren abzeichnen: Ein solcher Ordnungsdrang nimmt zwar viel Zeit in Anspruch – kann die Person aber die Haustür hinter sich zumachen und den Haushalt vergessen oder das tägliche Putzritual spontan einmal nach hinten verschieben, ist alles in Ordnung.

«Oft haben solche Spleens damit zu tun, dass man jemand ist, der viel Ordnung braucht und perfekt sein möchte und man gern ein Gefühl von Kontrolle hat», erklärt Christine Poppe, Chefärztin Psyochotherapie und ambulante Psychiatrie an der Klinik Kilchberg.

«Auf der anderen Seite sind solche Marotten auch gelernte Verhaltensweisen, die einem ein gutes Gefühl geben.» Macken haben also durchaus ihre Funktion: Sie geben Struktur, machen das Leben leichter, können Sicherheit geben und Angst und Nervosität reduzieren.

Verlust der Flexibilität

Kann man aber dem normalen Alltag nicht mehr nachgehen, wird es bedenklich. «Sprich: Wenn man seinen Haushalt nicht mehr machen kann, wenn man seinen Beruf nicht mehr ausüben kann oder seine sozialen Kontakte deswegen vernachlässigt – wenn man also anfängt, darunter zu leiden und man nicht mehr flexibel handeln kann», beschreibt Christine Poppe den schmalen Grat zwischen Marotte und Zwang.

Muss die Frau also das Waschbecken aber wieder und wieder kontrollieren und putzen, kann sie das Haus nicht mehr rechtzeitig verlassen und kommt immer später zur Arbeit, muss auch hinter ihrem Partner beständig wie unter Zwang für absolute Reinheit sorgen, spannt sich die Situation an.

Betroffene beschäftigen sich sieben bis acht Stunden pro Tag mit ihren Zwängen. Männer und Frauen sind gleichermassen betroffen, 95 Prozent der Fälle erkranken vor dem 40. Lebensjahr daran.

Bis heute sind die Ursachen für Zwangserkrankungen nicht wirklich geklärt. Es scheinen genetische, psychische wie soziale Faktoren eine Rolle zu spielen, zudem sollen die Rinde des Stammhirns und die Basalganglien beteiligt sein sowie Serotonin und Dopamin mit verantwortlich sein.

Frühzeitige Abklärung

Häufig sind mehrere Zwangssymptome gleichzeitig vorhanden. Zudem kommen, vor allem bei einem längeren Verlauf, Depressionen hinzu sowie häufig zusätzliche Angststörungen beziehungsweise Phobien. Um einer Chronifizierung vorzubeugen, muss möglichst frühzeitig ein Facharzt hinzugezogen werden.

Meistens hilft eine kognitive Verhaltenstherapie. Wirkt diese nicht ausreichend, können auch bestimmte Antidepressiva helfen, sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Sie wirken auch dann gegen Zwangsstörungen, wenn keine zusätzlichen Depressionen vorliegen.

Hilfe für Angehörige

Angehörige wissen oft nicht, wie sie mit dem Problem umgehen sollen. Am besten ist, das Thema ruhig anzusprechen und allenfalls gemeinsam zu überlegen, wie sich die Situation verändern lässt, zum Beispiel mit der Beratung durch eine Fachperson.

Nicht jeder Psychiater und Psychologe ist spezialisiert auf dem Gebiet der Zwangsstörungen. Die Schweizerische Gesellschaft für Zwangsstörungen hilft bei der Suche.

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