Rösser, Themene und Lehrers. Leidet die Mundart an «Pluralitis»?

Die Klagen über falsche Mehrzahlformen nehmen zu. In Glossen und Kommentaren ergiessen Journalisten und Sprachexperten ihren Spott über Pluralformen wie «Frauene», «Gospelchors» oder «Örter». Was sagen Sprachwissenschaftler zu diesem Phänomen?

Tatsächlich werden immer mehr eindeutige Mehrzahlformen gebraucht, bestätigt Helen Christen, Dialektologin von der Universtität Freiburg. Bei weiblichen Substantiven dehnt sich die Endung «-ene», die früher auf bestimmte Wörter wie «Chuchene» oder «Höchene» begrenzt war, auf immer mehr Wörter aus. Dazu gehören die vielgescholtenen «Frauene», «Tüürene» und «Muurene». 
Die «Pluralitis» unterscheidet nach Geschlechtern
Männliche Substantive tendieren zu einem Umlaut im Plural, wo vorher keiner war. Anstelle des sogenannten Nullplurals «d Ort», also eines Plurals, der gleich lautet wie die Singularform «dr Ort», wird «d Ört» gesagt oder sogar «d Örter». Sächliche Substantive wie «s Chind» oder «s Ross» erhalten tendenziell neu eine «-er»-Endung: «d Chinder», «d Rösser». 

Der «Familiennamengenitiv» wird zum Plural
Und das Plural-s, das aus «d Velo» «d Velos», aus «d Bäbi» «d Bäbis» und aus «d Lehrer» «d Lehrers» macht? Da spielt der Druck des Englischen sicher eine Rolle, auch das Hochdeutsche, in dem das Plural-s dank norddeutschem Einfluss auch vorhanden ist (Jungs, Kommas). Aber noch stärker könnten laut Helen Christen unsere Familien-Sammelbezeichnungen wie «s Müllers» oder «s Meiers» sein. Das war ursprünglich eine Genitivform «s Müllers Tochter» oder «s Müllers Huus». Heute wird die Form «s Müllers» aber nicht mehr als Genitiv, sondern als Plural aufgefasst - die Gesamtheit der Müller-Familie. Und diese Form ist so verbreitet, dass sie Vorbild wird für analoge Pluralformen wie eben «Velos» oder «Bäbis».
Die «unsichtbare Hand» des Sprachwandels
Helen Christen ordnet diese «Pluralitis», wie sie das Phänomen scherzhaft nennt, in einen grösseren Kontext ein: Seit Jahrhunderten schwächen sich im Deutschen ehemals starke Endungen bei Substantiven ab, die früher den grammatischen Fall angezeigt haben. Im Althochdeutschen sind für den Nominativ Singular von Zunge zunga, für den Dativ und den Akkusativ Singular zungun überliefert. Heute kennen wir für alle Fälle nur noch die eine Form Zunge. Diese Nivellierung oder Vereinfachung bei den Fallformen ziehe automatisch eine Verstärkung der Mehrzahlformen nach sich: Je weniger die Fälle (Nominativ, Dativ etc.) am Wort erkennbar seien, desto mehr wachse das Bedürfnis, Einzahl und Mehrzahl eindeutig zu unterscheiden, sagt Christen.
In anderen Worten: Die «Pluralitis» ist nicht Ausdruck davon, dass die Menschen nicht mehr richtig Deutsch können, sondern eine Folge der «unsichtbaren Hand» des kontinuierlichen Sprachwandels.

Moderation: Marietta Tomaschett, Redaktion: Markus Gasser