Der Fall von Collien Fernandes hat eine Debatte über digitale sexualisierte Gewalt ausgelöst. Moderatorin und Aktivistin Melanie Winiger redet mit Expertin Agota Lavoyer über die Gründe für diese Gewalt, die Machtlosigkeit der Opfer, sowie das Vertrauen in Männer.
SRF: Was genau ist digitale sexualisierte Gewalt?
Agota Lavoyer: Alles, was sexualisierte Gewalt ist und im digitalen Raum passiert. Dazu gehören unerwünschte «Dickpics», belästigende Kommentare oder KI-generierte Deepfakes wie bei Collien Fernandes.
Wie erging es Ihnen, als Sie von Schauspielerin Collien Fernandes' Vorwürfen gegen ihren Ex-Partner hörten?
Melanie Winiger: Ich war weder erstaunt, noch schockiert. Das ist nicht der erste Fall dieser Art. Es ist gut, dass man jetzt darüber redet.
Was steckt hinter dieser Art von Gewalt?
Lavoyer: Es geht um Macht und Dominanz, und nicht etwa um sexuelle Vorlieben.
Wingier: Die Anonymität spielt bei digitaler Gewalt eine grosse Rolle. Müssten die Täter vorweisen, wer sie sind, würde die Gewalt weniger stattfinden. Das hat auch mit Feigheit der Täter zu tun.
Digitale Gewalt wird manchmal kleingeredet, da es sich nicht um körperliche Gewalt handelt.
Winiger: Das finde ich problematisch, denn eigentlich ist es das Gleiche. Man muss Betroffene ernst nehmen. Gewalt ist Gewalt – ob online oder offline.
Lavoyer: Die Ursachen bleiben immer die gleichen, der Nährboden ist Sexismus und Frauenfeindlichkeit. Ausserdem gibt es fliessende Übergänge. Diejenigen, die Deep-Fake Pornos generieren, sind die gleichen, die zum Beispiel auf dem Arbeitsplatz jemanden sexuell belästigen.
Jede zweite Frau, die sexualisierte Gewalt erlebt hat, schweigt. Warum?
Lavoyer: Als Opferhilfeberaterin habe ich erlebt, dass Betroffene nicht mehr zum Familienfest eingeladen oder aus dem Freundeskreis verstossen wurden, nachdem sie über ihre Erfahrungen geredet haben. Man wirft ihnen vor, sich falsch zu kleiden oder zu naiv zu sein. Das hält viele davon ab, darüber zu reden und erst Recht Anzeige zu erstatten.
Besteht die Gefahr, dass man sich als Frau manchmal selbst einschränkt?
Lavoyer: Ich habe junge Frauen gefragt, was sie machen würden, wenn es 24 Stunden keine Männer gäbe. Es kamen Antworten wie nachts Zugfahren oder im Wald joggen, aber auch ein Raketenglacé in der Öffentlichkeit essen oder keinen BH mehr anziehen. Frauen schränken sich ein in allen Lebensbereichen. Viele machen es in der Hoffnung, das Risiko von sexualisierter Gewalt mindern zu können.
Verlieren Frauen das Vertrauen in Männer?
Lavoyer: Es ist eine verständliche Reaktion. So gut wie jede Frau hat in irgendeiner Form bereits sexualisierte Gewalt erfahren. Das bedeutet, dass es auch eine Menge gewaltausübender Männer gibt.
Winiger: Ich finde es gefährlich, wenn man verallgemeinernd wird. Auch Männer sind teil der feministischen Bewegung.
Auf was sollten Eltern bei der Erziehung von Söhnen achten?
Winiger: Ich habe meinem Sohn immer gesagt, dass seine körperliche Überlegenheit gegenüber Frauen nicht Macht bedeutet, sondern Verantwortung. Ich finde den Ausdruck «protect your daughters» falsch, es muss «teach your sons» heissen.
Lavoyer: Bei der Erziehung ist die ganze Gesellschaft gefragt. Je empathischer ein Mensch ist, desto weniger Gewalt übt er aus.
Das Gespräch führte Urs Gredig.