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Sexismus im Netz «Digitale sexualisierte Gewalt hat mit viel Feigheit zu tun»

Der Fall von Collien Fernandes hat eine Debatte über digitale sexualisierte Gewalt ausgelöst. Moderatorin und Aktivistin Melanie Winiger redet mit Expertin Agota Lavoyer über die Gründe für diese Gewalt, die Machtlosigkeit der Opfer, sowie das Vertrauen in Männer.

SRF: Was genau ist digitale sexualisierte Gewalt?

Agota Lavoyer: Alles, was sexualisierte Gewalt ist und im digitalen Raum passiert. Dazu gehören unerwünschte «Dickpics», belästigende Kommentare oder KI-generierte Deepfakes wie bei Collien Fernandes.

Agota Lavoyer

Expertin für sexualisierte Gewalt

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Agota Lavoyer ist selbstständige Beraterin und Expertin für sexualisierte Gewalt. Als Beraterin, Referentin, Autorin und Kolumnistin engagiert sie sich für eine bessere Unterstützung von Opfern sexualisierter Gewalt und die Prävention von sexualisierter Gewalt.

Wie erging es Ihnen, als Sie von Schauspielerin Collien Fernandes' Vorwürfen gegen ihren Ex-Partner hörten?

Melanie Winiger: Ich war weder erstaunt, noch schockiert. Das ist nicht der erste Fall dieser Art. Es ist gut, dass man jetzt darüber redet.

Melanie Winiger

Schauspielerin

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Melanie Winiger, geboren 1979, ging 1996 als jüngste Titelträgerin in die Geschichte der «Miss Schweiz»-Wahlen ein. Die geborene Zürcherin ist heute als Schauspielerin, Moderatorin und Model international erfolgreich.

Ihr Filmdebüt hatte sie 2003 in der Schweizer Komödie «Achtung, Fertig, Charlie!». Anschliessend besuchte sie eine Schauspielschule in Los Angeles. In der deutschen Krimi-Reihe «Mordkommission Istanbul»gehört sie zur festen Besetzung. 2018 war Melanie Winiger Co-Produzentin des erfolgreichen internationalen Dokumentarfilms «#femalepleasure» von Barbara Miller.

Melanie Winger hat einen Sohn (*2002) und ist seit 2017 mit Reto Ardour verheiratet.

Was steckt hinter dieser Art von Gewalt?

Lavoyer: Es geht um Macht und Dominanz, und nicht etwa um sexuelle Vorlieben.

Wingier: Die Anonymität spielt bei digitaler Gewalt eine grosse Rolle. Müssten die Täter vorweisen, wer sie sind, würde die Gewalt weniger stattfinden. Das hat auch mit Feigheit der Täter zu tun.

Digitale Gewalt wird manchmal kleingeredet, da es sich nicht um körperliche Gewalt handelt.

Winiger: Das finde ich problematisch, denn eigentlich ist es das Gleiche. Man muss Betroffene ernst nehmen. Gewalt ist Gewalt – ob online oder offline.

Lavoyer: Die Ursachen bleiben immer die gleichen, der Nährboden ist Sexismus und Frauenfeindlichkeit. Ausserdem gibt es fliessende Übergänge. Diejenigen, die Deep-Fake Pornos generieren, sind die gleichen, die zum Beispiel auf dem Arbeitsplatz jemanden sexuell belästigen.

Jede zweite Frau, die sexualisierte Gewalt erlebt hat, schweigt. Warum?

Lavoyer: Als Opferhilfeberaterin habe ich erlebt, dass Betroffene nicht mehr zum Familienfest eingeladen oder aus dem Freundeskreis verstossen wurden, nachdem sie über ihre Erfahrungen geredet haben. Man wirft ihnen vor, sich falsch zu kleiden oder zu naiv zu sein. Das hält viele davon ab, darüber zu reden und erst Recht Anzeige zu erstatten.

«Gredig direkt» neu als Podcast

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Urs Gredig empfängt in seiner wöchentlichen Talkshow prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft, Unterhaltung, Sport und Gesellschaft. Seit Januar dieses Jahres gibt es seine Sendung auch als Podcast.

Besteht die Gefahr, dass man sich als Frau manchmal selbst einschränkt?

Lavoyer: Ich habe junge Frauen gefragt, was sie machen würden, wenn es 24 Stunden keine Männer gäbe. Es kamen Antworten wie nachts Zugfahren oder im Wald joggen, aber auch ein Raketenglacé in der Öffentlichkeit essen oder keinen BH mehr anziehen. Frauen schränken sich ein in allen Lebensbereichen. Viele machen es in der Hoffnung, das Risiko von sexualisierter Gewalt mindern zu können.

Verlieren Frauen das Vertrauen in Männer?

Lavoyer: Es ist eine verständliche Reaktion. So gut wie jede Frau hat in irgendeiner Form bereits sexualisierte Gewalt erfahren. Das bedeutet, dass es auch eine Menge gewaltausübender Männer gibt.

Winiger: Ich finde es gefährlich, wenn man verallgemeinernd wird. Auch Männer sind teil der feministischen Bewegung.

Auf was sollten Eltern bei der Erziehung von Söhnen achten?

Winiger: Ich habe meinem Sohn immer gesagt, dass seine körperliche Überlegenheit gegenüber Frauen nicht Macht bedeutet, sondern Verantwortung. Ich finde den Ausdruck «protect your daughters» falsch, es muss «teach your sons» heissen.

Lavoyer: Bei der Erziehung ist die ganze Gesellschaft gefragt. Je empathischer ein Mensch ist, desto weniger Gewalt übt er aus.

Das Gespräch führte Urs Gredig.

SRF 1, 09.04.2026, 22:25 Uhr ; 

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