Wohin läuft Tajon Buchanan bei der Angriffsauslösung? Für welchen Stellungsfehler ist Tarik Muharemovic anfällig? Und welchen Trick zeigt Yusuf Abdurisag besonders gerne? Mit solchen Fragen haben sich Kevin Ehmes, Adnan Alicajic und Julian Lauer in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv auseinandergesetzt.
Sie haben Daten ausgewertet, Hintergrundinformationen recherchiert und unzählige Videos angeschaut, um das Schweizer Nationalteam auf seine WM-Gegner vorzubereiten.
«Ob die Spieler dann auch wirklich alles anschauen, ist eine andere Frage», sagt Ehmes. Einige von ihnen schnappen sich die Tablets mit den entsprechenden Videos und schauen sie auf dem Spinning-Bike an.
«Manchmal, wenn es uns besonders wichtig erscheint, gehen wir aber auch gezielt auf bestimmte Spieler zu und weisen sie auf unsere Beobachtungen hin.» Je unbekannter der Gegner, desto gefragter sind die Analysen.
Weniger Reisen nötig
Ehmes arbeitet seit 2016 beim Schweizer Fussballverband (SFV). Unter Trainer Murat Yakin stieg der heute 34-Jährige zum Chefanalysten mit eigener Stabsstelle auf. Alicajic und Lauer stiessen für diese WM zum Team.
Alicajic war zuvor bereits beim SFV tätig und unter anderem für die Matchanalysen an der Frauen-EM 2025 verantwortlich. Lauer arbeitete früher schon mit Ehmes zusammen und war zuletzt Assistent von Sandro Wagner beim FC Augsburg.
Für die WM haben sie sich die Arbeit aufgeteilt: Ehmes übernahm die Analyse des katarischen Nationalteams, Alicajic widmete sich auch aufgrund seiner Wurzeln Bosnien und Lauer konzentrierte sich auf Kanada.
Ein Analyst pro Gruppengegner. Der Zeitaufwand dafür lasse sich nur schwer in Stunden beziffern, hält Ehmes fest. «In der Qualifikation haben wir definiert, dass wir uns fünf bis sieben Tage pro Gegner nehmen.»
Auch im Training stets dabei
Während der Endrunde bleiben Ehmes, Alicajic und Lauer jedoch stets beim Schweizer Nationalteam. Denn ihre Arbeit dreht sich nicht nur um die gegnerische, sondern auch um die eigene Analyse. Sie filmen die Trainings und stellen die Aufnahmen den Spielern ebenfalls zur Verfügung.
Gleichzeitig sammeln die drei Daten zu den möglichen Gegnern im Sechzehntelfinal. Dies sind aufgrund der Turniervergrösserung und des neuen Modus nicht weniger als 28 potenzielle Teams. Ein riesiger Aufwand. Deshalb nehmen Ehmes und Co. auch die Hilfe von daheimgebliebenen Verbandskollegen in Anspruch.
Den eigenen Limiten bewusst
Yakin schätzt die Arbeit sehr. Anders als noch unter Vorgänger Vladimir Petkovic sitzt Ehmes während der Spiele sogar mit den Coaches auf der Bank. Dabei steht er weiterhin mit Alicajic und Lauer in Kontakt, die ihre Inputs von der Tribüne aus liefern.
Solch eingehende Auswertungen sind aber nicht überall gleich gefragt. Kritiker heben gerne hervor, dass im Fussball noch immer der Zufall – oder auch das berühmte Momentum – eine zentrale Rolle spiele.
Auch Ehmes, Alicajic und Lauer beschäftigt die Frage nach ihrem Einfluss auf den Erfolg immer wieder. Der Limiten ihres Wirkens seien sie sich bewusst, sagt Ehmes. «Wir versuchen, die Dinge bestmöglich vorzubereiten, damit die Erfolgswahrscheinlichkeit maximiert wird. Am Ende liegt aber alles in den Füssen der Spieler auf dem Platz.»