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Wendy Bruce-Martin: Die neue Cheftrainerin im Porträt
Aus Sportpanorama vom 08.05.2022.
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Neue Cheftrainerin Kunstturnen Wendy Bruce-Martin: Nicht mehr wie immer

Wendy Bruce-Martin hat das alte Kunstturn-System hinter sich gelassen. Die neue Cheftrainerin der Schweizer Kunstturnerinnen kennt aus eigener Erfahrung den Weg heraus aus den Mitteln und Umgangsformen, die in ihrem Sport viel zu lange viel zu selbstverständlich waren.

Es brauchte ihren Mann. Vor acht Jahren beobachtete Wendy Bruce-Martin ein Kunstturn-Training, ging nach Hause und erzählte dort, dass sie bei den Athletinnen keinerlei Freude gesehen habe. Worauf ihr Mann zwei simple Fragen stellte: Warum gehen sie denn überhaupt hin? Und: Wenn alle das Training boykottieren würden, müsste sich dann nicht etwas ändern? Was für dumme Fragen, dachte Bruce-Martin zunächst. Und begann dann nachzudenken.

Wendy Bruce, so hiess sie mit ledigem Namen, gewann mit dem US-Team an den Olympischen Spielen 1992 die Bronzemedaille. Sie war so tief in ihrem Sport drin, dass sie nicht sah, wie schlecht es eigentlich um das Frauenkunstturnen stand. Um ein System, in dem nur die eine Strategie erfolgversprechend schien: Dass man eine Athletin zunächst brechen müsse, um sie dann in Richtung Erfolg wieder aufzubauen. Das hat viele Turnerinnen nachhaltig seelisch geschädigt. Aber es hat auch bei einigen funktioniert, also muss es wohl richtig sein. Dachte man.

Negative Erfahrungen nicht mehr als Ausgangspunkt

Bruce-Martin studierte nach ihrer Turnkarriere Psychologie. Doch selbst das fundierte Wissen über Seelenstrukturen führte nicht unmittelbar zum Ausbrechen aus dem System, das für Coaches, Eltern, Turnerinnen halt einfach der harte Weg war, den es zu gehen galt, wenn man Erfolg haben wollte. Es brauchte zwei Fragen ihres Ehemannes, eines Aussenstehenden.

Wendy Bruce-Martin.
Legende: Steht für eine neue Philosophie in Magglingen Wendy Bruce-Martin. imago images/STV/Thomas Ditzler

Dann begann Bruce-Martin klar zu werden, dass es schon nur aus Sicht des Coachings keinen Sinn macht, jemanden zu brechen, bevor man ihn aufbaut. Mit dem ersten Teil geht bloss Zeit verloren. Es werden Erfahrungen mit negativen Emotionen verknüpft, Triggerpunkte geschaffen, die den Umgang mit dem Gelernten erschweren. Und da ist die seelische Komponente noch nicht mit dabei.

 Positives Coaching als Schlüssel

In der Kunstturnhalle von Magglingen geht das Vormittagstraining zu Ende. Es wurde zwei Stunden lang viel gelacht und trotzdem intensiv und fokussiert trainiert. Bruce-Martin steht bei den Geräten und sagt, ihre grösste Sorge sei, dass sie ihren Athletinnen die bestmöglichen turnerischen Inputs geben könne.

Die Sache mit dem respektvollen Umgang, die Sorge um das Seelenheil der Turnerinnen, das muss sie sich nicht vornehmen. Das hat sie längst verinnerlicht, in den Jahren seit ihrem Ausbruch aus dem alten System. Da steht eine Cheftrainerin, die positives Coaching lebt, was die Stimmung rund um die Turnerinnen in wenigen Monaten massgeblich verändert hat.

Kritik weiterhin hart, aber konstruktiv

Kuschelpädagogik? Im Gegenteil, erklärt Bruce-Martin. Wenn die Athletinnen sie mögen, wenn sie selber die Athletinnen gern hat, dann lässt sich voneinander trennen was man tut und wer man ist. Turnen ist knallhart, es passieren Fehler, es braucht ungeschminkte Feedbacks.

Das geht viel besser, wenn dabei eine junge Athletin nicht jedes Mal um Zuneigung und Anerkennung fürchten muss. So lernt eine Turnerin zwar verbal einzustecken, aber auch zu argumentieren, lernt mitzudenken, was letztlich stärkt, statt dass es einen bricht. Die innere Motivation nimmt zu, die Einsatzbereitschaft steigt und so am Ende die Leistungsfähigkeit.

Ein logischer Sinneswandel

Die neue Kultur im Frauenkunstturnen dient einerseits der Menschlichkeit. Keine Athletin soll, so sagt die Cheftrainerin, irgendwann Magglingen mit geschundener Seele verlassen. Aber die neue, positive Kultur wird andererseits auch die Leistungen verbessern. Das macht alles so viel Sinn, dass man sich fragen muss, warum sich das alte System so lange halten konnte. Zum Glück hat Bruce-Martin vor acht Jahren ihrem Mann von diesem freudlosen Training erzählt. Denn damit sind genau solche Trainings für die Schweizer Turnerinnen kein Thema mehr.

SRF zwei, Sportpanorama, 08.05.2022, 18:00 Uhr

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