Anfang April war Marlen Reusser bei der Flandern-Rundfahrt schwer gestürzt und hatte zwei Frakturen im Rücken erlitten. Rund zweieinhalb Monate später trat sie dennoch an der Tour de Suisse an – und wie. Dank eines starken Zeitfahrens am Samstag und des Siegs auf der Königsetappe am Sonntag konnte Reusser diese nach 2023 und 2025 zum 3. Mal in ihrer Karriere gewinnen.
Das Mitfiebern und das Interesse zu spüren und dann etwas zeigen zu können, ist sehr, sehr speziell.
«Irgendein anderes Rennen hätte ich ausgelassen», stellte Reusser im Interview mit SRF nach dem Gesamtsieg klar. Die Hauptgründe, weshalb Reusser die Rundfahrt im eigenen Land dennoch bestritt, liegen ausserhalb des sportlichen Werts: «Wir sagten, die Tour de Suisse mache ich ohnehin. Weil es mir emotional etwas bedeutet, auch alle Leute, die mit Freude zuschauen.» Hier wisse sie, dass die gesamte Schweiz zuschaue und in ihrem Land viel Aufmerksamkeit auf dem Rennen sei – mehr als bei Rennen mit vergleichbarem Standing im Ausland.
«Das Mitfiebern und das Interesse zu spüren und dann etwas zeigen zu können, ist sehr, sehr speziell», meinte die nun dreifache Siegerin der Schweizer Landesrundfahrt. Die Bedeutung des eigenen Erfolgs spielte sie aber herunter. Ihr wäre es egal gewesen, um Rang 20 herum zu fahren. Eine Aussage, die ihr als ehrgeiziger Athletin wohl leichter über die Lippen geht nach dem Gesamtsieg.
Mit tiefen Erwartungen ins Rennen gegangen
«Ich habe eine schwierige Phase hinter mir. Es wäre vermessen gewesen, hinzustehen und zu sagen, dass ich das Rennen gewinnen würde», so Reusser im Interview. Sie habe auch ihre physischen Probleme in den Griff bekommen müssen – was ihr in der letzten Zeit immer besser gelungen sei.
Ein besseres Szenario als das eingetretene mit dem Gesamtsieg und den zwei Etappensiegen hätte sie sich nicht vorstellen können: «Ich hatte schon auch Glück und es ist einiges zusammengekommen.»
An einen kleinen Schönheitsfehler in ihrem Tour-de-Suisse-Reinheft dachte sie nach diesem Ausgang gar nicht mehr: In Locarno war sie am Ende der 2. Etappe mit Kasia Niewiadoma falsch abgebogen und vergab die Chance auf eine besser Platzierung auf ärgerliche Art und Weise. Letztlich fiel dieser Fauxpas aber nicht mehr ins Gewicht.
Den Blick in Richtung Tour de France
Reusser sieht den Event in der Schweiz jedoch nicht als Hauptprobe für die Tour de France. «Es ist sicherlich noch ein grosser Schritt notwendig», drosselte sie die Erwartungen. Ihr Fahrplan bis zur französischen Landesrundfahrt steht aber: Sie werde nun die Schweizer Meisterschaften bestreiten, einige Etappen der Tour de France rekognoszieren und danach ins Höhentrainingslager gehen. Dort gelte es noch einige Schritte zu machen, weil die Tour «doch nochmal etwas anderes» sei.