Wenn Joel Wicki in den Sägemehlring trat, wusste man immer: Jetzt geht es zur Sache! Abwarten und Taktieren war für den Schwinger kaum jemals ein Thema. Die offensive Schwingart, das Selbstvertrauen, einen Gang unmittelbar nach dem «Guet!» des Kampfrichters gewinnen zu können. Es waren nicht zuletzt diese Attribute, die den 28-Jährigen während seiner Laufbahn so erfolgreich machten.
Mit Wicki gab am Sonntag der wohl beste Innerschweizer Schwinger aller Zeiten seinen Rücktritt bekannt. Er ist einer von nur zwei ISV-Athleten überhaupt, die Schwingerkönig wurden. Unvergessen der Schlussgang 2022 in Pratteln, als Wicki Matthias Aeschbacher nach spektakulären und hochintensiven 12:41 Minuten auf den Rücken legte. Es war im Alter von 25 Jahren die Krönung und der Höhepunkt einer zu diesem Zeitpunkt bereits sehr erfolgreichen Karriere.
In Pratteln hatte Wicki nämlich bereits zu den erfahrenen Schwingern und zweifellos zu den heissesten Favoriten auf den Königstitel gezählt. Besonders, nachdem er diesen drei Jahre zuvor in Zug noch knapp verpasst hatte. Im Schlussgang musste er sich Christian Stucki geschlagen geben und mit dem Titel des Erstgekrönten vorliebnehmen.
Mit 16 Jahren der erste Kranz, mit 18 der erste Festsieg
Wickis Talent war schon früh erkennbar gewesen. 2013 schwang der damals 16-Jährige erstmals bei den Aktiven mit – und holte sich bei seiner Kranzfestpremiere am Luzerner Kantonalen sogleich sein erstes Eichenlaub ab. Der bodenständige Entlebucher sollte in den folgenden Jahren einen rasanten Aufstieg erleben. Schnell gehörten die Kränze für den mit 1,82 Metern eher kleinen, aber technisch ungemein versierten Schwinger zur Norm.
Auch Festsiege purzelten bei Wicki bald fast am Laufmeter. Nur zwei Jahre nach seinem ersten Kranz gewann er am Schwarzsee erstmals ein Fest, das erste von letztlich 28. Und es hätten noch weit mehr werden können, wäre Wickis Karriere neben den Erfolgen nicht auch immer wieder von Rückschlägen geprägt gewesen.
Verletzungshexe schlägt mehrmals zu
Wickis Verletzungshistorie begann, als er sich bei der ESAF-Hauptrobe 2016 auf der Schwägalp das Wadenbein brach. In Estavayer konnte er nicht antreten. Weniger als ein Jahr später verletzte er sich auf der Rigi am Sprunggelenk. Fünf Wochen später – pünktlich zum Unspunnenfest 2017 – war er aber wieder fit und verpasste den Sieg hinter Stucki nur knapp.
Es folgten verletzungstechnisch ruhigere Jahre, in denen Wicki keinen Saisonhöhepunkt – etwa das ESAF 2019, den Kilchberg-Schwinget 2021 oder das triumphale Eidgenössische 2022 – verpasste. Bis er sich am Brünig 2023 am Ellbogen verletzte und später für das Unspunnen im selben Jahr Forfait erklären musste.
Die letzte Blessur zog sich Wicki im vergangenen Jahr zu: eine Knie-Verletzung, die den Saisonstart um einige Wochen verzögerte. Das Jahr 2025 war für Wicki dennoch ein erfolgreiches. Am Innerschweizerischen kehrte er erfolgreich ins Sägemehl zurück – und am Brünig holte er endlich den ersehnten Sieg. Ende August errang er im Glarnerland seinen dritten eidgenössischen Kranz.
Es war der letzte grosse Auftritt des 28-Jährigen. Nun hat Wicki genug vom aktiven Schwingsport, den Hochs und Tiefs, die ihn über seine ganze Karriere hinweg begleiteten und zu dem formten, der er heute ist: König Wicki, der als Legende in die Annalen der Schwingerschweiz eingehen wird.