Am Ende kommt dann doch wieder etwas Stimmung auf. Als Sofia Goggia in Cortina als 3. ins Ziel fährt, brandet auf der Piazza Cavour im 300 km entfernten Bormio Applaus auf. Mehrere hundert Zuschauende haben sich vor der Grossleinwand versammelt, um die Olympia-Abfahrt aus der Ferne mitzuverfolgen.
Ist die Stimmung nun wieder ausgelassen, herrschte noch kurz zuvor Entsetzen. Nach dem heftigen Sturz von Lindsey Vonn war es plötzlich mucksmäuschenstill geworden.
Still war es in Bormio auch in den Tagen davor oft gewesen. Das 4000-Seelen-Dorf im Veltlin wirkte noch kurz vor dem Olympia-Start wie ausgestorben. Die 5 Ringe gibt es zwar auch hier als Deko oder in grösserer Form zu bestaunen, so richtig spürt man das «Olympia-Feeling» beim Schlendern durch die pittoreske Altstadt aber nicht. Zu weit weg scheint das Epizentrum in Cortina zu sein – eine wohl logische Folge dieser dezentralen Spiele. In Bormio finden schliesslich «nur» die Skirennen der Männer statt.
Wenig Stimmung bei der Abfahrt
Kommt man mit Fans aus der Schweiz ins Gespräch, so spürt man eine gewisse Ernüchterung. «Wir haben uns das schon etwas anders vorgestellt», sagt eine Gruppe aus St. Gallen unisono. Für ihre Abfahrtstickets am Pistenrand hatten sie je 100 Euro bezahlt. «Es war keinen Franken wert», echauffiert sich ein Mitglied. Sowohl die Stimmung als auch die Sicht hätten zu Wünschen übrig gelassen. Die auf der Gegenseite angebrachte Leinwand wird zum Teil vom Sicherheitszaun verdeckt.
Das ärgert auch den Fanklub von Dominik Paris, der sich mit rund 25 Mitgliedern ebenfalls an diesem Ort versammelt hat. Als der Südtiroler als 3. ins Ziel fährt, realisiert das zuerst niemand. Erst ein Blick in die FIS-App bringt Licht ins Dunkel.
Ähnlich klingt es bei Caro aus Zürich, die sich ein «Upgrade» gönnte: Sie ergatterte sich eine Woche zuvor noch einen Tribünenplatz, für ihr anderes Ticket fand sie auf der Resale-Plattform problemlos einen Abnehmer. Hat sich die zusätzliche Investition von 120 Euro gelohnt? «Nicht wirklich», antwortet die Zürcherin. «Die Sicht war zwar gut, die Stimmung hat mich aber nicht richtig abgeholt. Ich hatte das Gefühl, es hatte wenig ‹richtige› Skifans.»
Gerne hätte sie am Abend den kleinen Bormio-Ableger des «House of Switzerland» besucht. Die Location, die während der Olympia-Zeit von der Schweizer Sporthilfe betrieben wird, ist aber bereits voll. Aus Feuerschutzgründen erhalten nicht mehr als 120 Personen Einlass. Dass Abfahrts-Olympiasieger Franjo von Allmen an diesem Abend nicht vorbeischaut, ist dabei nur ein schwacher Trost.
Die Medaillenzeremonie fehlt
Zurück auf der Piazza Cavour. Ich komme mit drei Frauen aus dem Raum Zürich ins Gespräch. Für sie ist diese Olympia-Erfahrung bisher eine äusserst positive. «Wir standen beim Rennen neben dem Vater von Giovanni Franzoni, das war speziell. Und auch danach konnte man sehr gut feiern», sagt eine von ihnen stellvertretend. Es ist überliefert, dass auch Bronzemedaillen-Gewinner Paris zu den Partygästen gehörte.
A propos Medaillen: In einem Punkt sind sich alle Schweizer Fans einig: Sie vermissen eine offizielle Zeremonie. Anders als bei früheren Olympischen Spielen und anderen Grossanlässen erhalten die Athletinnen und Athleten ihre Medaillen direkt im Zielraum – und nicht bei einer separaten Feier am Abend. Die Piazza würde sich perfekt dafür eignen. Und bestimmt für ein wenig mehr Olympiastimmung sorgen.