In den Schlussminuten des Viertelfinalspiels schnürten die Finninnen in Überzahl die Schweizerinnen in deren Drittel ein. Sie schossen aus allen Lagen auf das Tor von Andrea Brändli. Doch die Schweizer Torhüterin blieb unbeirrt. «Ich wusste, irgendwann beginnt das Nervenflattern. Wenn irgendjemand ruhig bleiben muss, dann ich.» 7 Sekunden vor Schluss hielt sie auch den 40. Schuss auf ihr Tor – dann war es geschafft.
Die Schweizerinnen gewannen 1:0 und stehen am Olympia-Turnier in Mailand im Halbfinal. Mit der Schlusssirene sprangen alle Schweizer Spielerinnen aufs Eis und bildeten um ihre Torhüterin eine Jubeltraube. Brändli verschwand unter Helmen und Handschuhen, wurde von allen Seiten beglückwünscht und geherzt.
Die Szene stand im krassen Gegensatz zu jener vor 8 Tagen. Statt wie vorgesehen im Startspiel gegen Tschechien im Tor zu stehen, hatte Brändli den 4:3-Sieg nach Penaltyschiessen wegen einer Norovirus-Infektion ganz alleine im olympischen Dorf erlebt. «Ich befand mich 48 Stunden lang in Isolation, war im Zimmer eingeschlossen», erzählte die Zürcherin am Samstagabend von der «grössten Challenge» ihrer Karriere.
Ein paar Tränchen vergossen
Für Brändli war es zunächst ein Schock. Lange hatte sie sich auf ihre 3. Olympischen Spiele gefreut. «Ich war so gut vorbereitet, hatte eine so gute Saison. Und als ich ins Turnier hätte starten können, musste ich in Isolation. Da habe ich schon ein paar Tränchen vergossen», sagte die routinierte Teamleaderin, die nach Captain Lara Stalder die Zweitälteste im Kader ist.
Seit der WM 2019 ist Brändli der grosse Rückhalt im Nationalteam. Aktuell absolviert sie ihre 3. Saison in Schweden und ist bei Frölunda mit einer Fangquote von über 94 Prozent die Nummer 1 der Liga. Zuvor spielte sie 5 Jahre in der amerikanischen Universitäts-Meisterschaft NCAA und holte 2022 mit Ohio den Titel.
In den USA schloss sie auch ihr Psychologiestudium ab – Wissen, das ihr in der schwierigen Situation in Mailand zugutekam. Während der Isolation habe sie viele Wettkämpfe im TV verfolgt, im Zimmer so gut es ging trainiert und mit einer Sportpsychologin von Swiss Olympic telefoniert. «Das hat mir geholfen, die Situation zu akzeptieren und den Fokus zu behalten», so Brändli.
Geduld gefragt
Nach 2 Tagen war der Spuk vorbei. «Wir wissen alle, wie das Norovirus sein kann. Ich hatte Glück im Unglück, verspürte kaum Symptome.» Aus der Isolation entlassen, konnte sie im Eistraining endlich die angestaute Energie loswerden.
Doch zum Einsatz kam die nominelle Nummer 1 in der Vorrunde nur im 3. Spiel gegen die USA (0:5). Im Viertelfinal fiel die Wahl erneut auf Brändli – und sie zahlte das Vertrauen mit einer überragenden Leistung zurück.
Die Maske hängt, die Medaille fehlt
Ein Stück Olympia-Geschichte von ihr hängt bereits im Olympischen Museum in Lausanne: der Goalie-Helm von den Winterspielen 2022 in Peking, wo man am Ende gegen Finnland das Spiel um Bronze knapp verlor. Was Brändli noch fehlt, ist nicht ein weiteres Ausstellungsstück, sondern eine Medaille für zuhause. Nun bietet sich ihr in Mailand die nächste Chance, sich und ihren Teamkolleginnen diesen Traum zu erfüllen.
Zunächst wartet der Halbfinal gegen den übermächtigen Rekord-Olympiasieger Kanada. Bei einer Niederlage bliebe im Bronze-Spiel eine 2. Möglichkeit, zum 2. Mal nach 2014 in Sotschi eine Olympiamedaille zu gewinnen.