Geburtskiewer, Herzberner, Wahlberliner: So beschreibt der Schriftsteller Dmitrij Gawrisch sich selbst. Und Schreiben ist auch, was er beruflich tut.
SRF: Sie sind zweisprachig aufgewachsen, mit Russisch und Ukrainisch. 2014 und 2023 wurden Sie selbst Vater, mitten im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Welche Fragen haben Sie sich als Vater in Bezug auf diese beiden Sprachen gestellt?
Dmitrij Gawrisch: Mit meinem ersten Sohn habe ich Russisch gesprochen. Ich war naiv und dachte, das sei egal – bis ich begriff, dass die Sprache in diesem Krieg politisiert und instrumentalisiert wird. Vor der Geburt meines zweiten Sohnes stand ich vor der Frage: Ukrainisch, Russisch, Schweizerdeutsch, Hochdeutsch? Und was passiert mit Geschwistern, die verschiedene Sprachen sprechen?
Sie kamen mit 11 Jahren in die Schweiz, weil Ihre Eltern Diplomaten waren?
Ursprünglich waren sie Germanisten. Mein Vater studierte in Ostberlin, meine Mutter kam über Umwege zur Germanistik. Kennengelernt haben sie sich dort.
Nach der Unabhängigkeit der Ukraine wurden sprachkundige Leute gesucht, doch alle Diplomaten waren in Moskau. So baute mein Vater die Botschaft in Bern mit auf.
Solange wir lachen, sind wir am Leben.
Sie sind, Zitat: «Geburtskiewer, Herzberner, Wahlberliner». Warum sind Sie von Bern so angetan?
Als ich heute in Bern ankam, habe ich auf der Strasse gleich drei Bekannte getroffen. In keiner anderen Stadt würde mir das passieren. Meine Sozialisierung fand in Bern statt: der erste Kuss, die Schule, die Uni, der erste Job. Aber richtig Schweizer geworden bin ich in Berlin. Als ich 2010 dort ankam, klang mein Deutsch anders, langsamer. Ich bin in Bern angekommen, als ich es verlassen habe.
Ihre Eltern lebten zum Zeitpunkt des russischen Angriffs in Kiew. Schaffen Sie es noch, an diese Stadt zu denken, wie sie vor dem Krieg war?
Ich denke oft daran. Mir fehlt aber die Gegenwart. Das kriegsversehrte Kiew ist mir fremd. Seit 2022 war ich nicht mehr dort.
Was melden Ihre Angehörigen vor Ort?
Die Menschen leiden und gleichzeitig ist vom Aufgeben nicht die Rede. Sie wünschen sich Frieden wie niemand sonst. Aber es muss natürlich ein gerechter und nachhaltiger Frieden sein.
Seit Kriegsbeginn schwang bei der ukrainischen Bevölkerung die Angst mit, dass der Rest von Europa sich an die Bilder aus der Ukraine gewöhnen und die Hilfe nachlassen würde. Was beobachten Sie jetzt?
Persönlich erlebe ich noch immer grosse Anteilnahme. Sorgen bereitet mir, dass politisch vermehrt Stimmung gegen die ukrainischen Geflüchteten gemacht wird. Da steckt zumindest teilweise Russland dahinter, das Europa destabilisieren will.
Wenn Sie mit Ihren Bekannten in der Ukraine telefonieren, können Sie noch zusammen lachen?
Ja. Solange wir lachen, sind wir am Leben. Ich glaube auch, die Aufgabe der Kunst ist vielleicht so ein Gegenpol zu sein.
Sie glauben an die Wärme, welche durch das Erzählen entsteht?
Auf jeden Fall. Ich suche immer noch nach einem Weg, wie ich über die Ukraine für die Bühne schreiben kann. Es gibt diese Floskel, dass etwas «jenseits der Sprache» liege oder dass es keine Worte gibt. Das ist Bullshit. Dann wurde nicht genau genug gesucht.
Auf eine Weise über den Krieg zu erzählen, die einen nicht abstumpfen lässt, ist grosse Kunst. Es kann sein, dass die Worte jetzt gerade fehlen, anderswo sind. Aber dann muss man sich auf den Weg machen.
Das Gespräch führte Melanie Pfändler.
(Dieses Interview ist ein Auszug aus der Gesprächssendung «Musik für einen Gast». Die Fragen und Antworten wurden gekürzt und zusammengefasst.)