In seltenen Fällen hat die Covid-Impfung so schwere Nebenwirkungen ausgelöst, dass die Betroffenen gesundheitlich schwer beeinträchtigt sind. In der Schweiz haben Hunderte einen Antrag auf Entschädigung gestellt, in bisher zwei Fällen hat der Bund Zahlungen geleistet. Wissenschaftsredaktorin Irène Dietschi ordnet ein.
Von 300 behandelten Gesuchen werden zwei gutgeheissen – was zeigt das?
Es zeigt unter anderem, wie schwierig es ist, einen kausalen Zusammenhang zwischen Impfung und Beeinträchtigungen eindeutig festzustellen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist bei seinen Abklärungen sehr vorsichtig vorgegangen und hat sich viel Zeit genommen. Für die Betroffenen ist das nicht unbedingt angenehm.
Gibt es bei der Covid-Impfung häufiger Probleme als bei anderen Impfungen?
Das ist eine heikle Frage. Hierzulande gibt es Kreise, die eine ganze Reihe von Gesundheitsproblemen der Schweizer Bevölkerung der Covid-Impfung anlasten. Allerdings: Wenn man sich die Daten aus der Wissenschaft anschaut, gibt es keine Evidenz dafür. Die Nebenwirkungen der Covid-Impfung bewegen sich in ähnlichem Rahmen wie bei anderen Impfungen.
Wann lässt sich ein Schaden auf die Covid-Impfung zurückführen?
Dafür gibt es keine einheitlichen Kriterien; gemäss den Behörden liegt jeder Fall anders. Meistens handelt es sich um eine diagnostische Detektivarbeit: Man schliesst mögliche Ursachen aus – und zwar eine nach der anderen. Wenn am Schluss keine andere Erklärung übrig bleibt, liegt es höchstwahrscheinlich an der Impfung. So versuche man auszuschliessen, dass der Ausbruch einer Erkrankung und die Impfung zufällig zusammenfallen.
Gab es im Zulassungsverfahren Hinweise auf drohende Impfschäden?
Die Impfstoffe von Pfizer-Biontech und Moderna wurden in der zweiten Jahreshälfte 2020 bei insgesamt 40'000 Menschen getestet. Bei dieser doch grossen Gruppe gab es keine schwerwiegenden Nebenwirkungen. Solche treten meist seltener auf – bei einer Person unter 50'000 oder 100'000, wie man von anderen Impfungen weiss. Das heisst: Schwere Nebenwirkungen waren in den Zulassungsstudien gar nicht erkennbar. Das ist ein wichtiger Punkt, den die Behörden damals womöglich zu wenig herausgestrichen haben. Ihr Ziel war, dass sich so viele Menschen so rasch wie möglich impfen.
Wie verfahren andere Länder bei der Anerkennung von Impfschäden?
In Deutschland beispielsweise liessen sich während der Pandemie im Verhältnis etwa gleich viele Menschen gegen Corona impfen wie in der Schweiz. Bis April 2025 haben die deutschen Behörden knapp 600 Fälle von Impfschäden anerkannt und Entschädigungen gesprochen. Wenn man diese Zahl als Richtschnur nimmt, müsste es in der Schweiz rund 60 anerkannte Fälle geben. Tatsächlich waren es bis September 2025 erst zwei. Es sieht so aus, als ob die Schweiz bei diesem Thema deutlich zurückhaltender und restriktiver als unser Nachbarland wäre.
Wie erklärt sich die Schweizer Zurückhaltung?
Eine Erklärung zu geben, ist schwierig. Wir haben versucht, mit dem BAG über die Fälle zu reden. Betroffene haben uns gesagt, dass sie das Schweigen des Bundesamts als sehr belastend und unverständlich empfunden hätten. Auf der anderen Seite hat das BAG argumentiert, dass solche Abklärungen Zeit bräuchten. Zudem habe man die Prozesse der Gesuchsbearbeitung neu etablieren müssen. Letztlich haben wir vom BAG aber nie wirklich erfahren, warum sie in dieser Sache derart zurückhaltend sind.