Was ist heute gelungen? Das Cern hat am Dienstagmorgen eine Weltneuheit geschafft. Zum ersten Mal überhaupt konnte Antimaterie auf der Strasse transportiert werden. Die Forschenden an der Europäischen Kernforschungsanlage in Genf haben das weltweit teuerste und fragilste Material auf einen Lastwagen verladen und rund acht Kilometer auf dem Cern-Gelände herumgefahren. Jedes Schlagloch ist eine potentielle Gefahr. Doch der Testlauf gelang. 92 Antiprotonen wurden heute ohne Verlust transportiert.
Was bedeutet dieser geglückte Test für die Forschung? Das Cern hat heute bewiesen: Antimaterie ist transportierbar. Das ist eine wichtige Bedingung, um das Material noch besser zu erforschen. Antimaterie gilt als Schlüssel, um die Entstehung des Universums besser zu verstehen. In einigen Jahren soll so Antimaterie an andere Labors in Europa geliefert werden.
Was ist Antimaterie? Sie ist das Gegenstück – gewissermassen das Spiegelbild – zu normaler Materie, aus der das Universum und auch wir Menschen aufgebaut sind. Antimaterie ist das mit Abstand teuerste Material der Welt. Denn sie muss auf aufwändige Weise hergestellt werden und ist sehr instabil: Antimaterie und Materie löschen sich gegenseitig aus, sobald sie miteinander in Berührung kommen. Um Antimaterie stabil zu halten, muss sie darum streng isoliert werden.
Wie aufwändig ist es, Antimaterie zu transportieren? Die Forschenden des Cern haben einen schrankgrossen Container entwickelt. Die Antiprotonen werden darin im Vakuum gehalten und via Magnete in die Schwebe gebracht. Die Magnete müssen dafür auf minus 268 Grad Celsius gekühlt werden. Das alles macht den Transport so aufwändig. Es brauchte jahrelange Entwicklungszeit, bis der Antimaterie-Behälter klein genug und trotzdem verlässlich war.
Warum will man Antimaterie transportieren? Am Cern steht die wichtigste Produktionsanlage von Antimaterie weltweit. Aber um Antimaterie herzustellen, braucht es grosse Magnete. Diese stören aber die Messungen. In einigen Jahren will das Cern Labors in Deutschland mit Antimaterie beliefern. Dort sollen deutlich präzisere Messungen möglich sein.
Ist der Transport gefährlich? Rund ein halbes Gramm Antimaterie reicht, um die Sprengkraft einer Atombombe zu erreichen. Doch von solchen Mengen ist das Cern weit entfernt. Würde es im gleichen Tempo weiterproduzieren, würde es erst binnen einiger hundert Millionen Jahre ein halbes Gramm Antimaterie hergestellt haben. Heute hat das Cern nur 92 Antiprotonen transportiert. Drückt man dieses Gewicht in Gramm aus, hat diese Zahl erst bei der 23. Nachkommastelle eine Ziffer. Wäre der Versuch schiefgelaufen, hätte das eine Energie freigesetzt, die kleiner ist als der Flügelschlag einer Mücke.
Welches Rätsel um Antimaterie wollen die Forschenden irgendwann knacken? Antimaterie könnte der Schlüssel dafür sein, um unser Universum besser zu verstehen. Es ist ein Rätsel, warum es heute im Universum kaum noch Antimaterie gibt. Gängige Theorien gehen davon aus, dass beim Urknall exakt gleich viel Antimaterie wie Materie entstanden sein müsste. Bei einem exakten Gleichgewicht hätten sich die beiden direkt wieder ausgelöscht. Es gäbe heute keine Sterne, keine Planeten und auch uns nicht. Warum offenbar ein kleines bisschen Materie übrigblieb, aus dem unser Universum entstand, bleibt eine offene Frage.