Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Erdbeben auf Knopfdruck Die ETH Zürich lässt im Gotthard die Erde beben

Manche Erdbeben werden zerstörerisch, andere bleiben klein. Nach den Gründen dafür wird im «Bedretto-Lab» geforscht.

«Sind alle aus dem Tunnel?» fragt Projektkoordinator Men-Andrin Meier Sekunden vor dem Start des Experiments. Die Anspannung in der Kommandozentrale an der ETH Zürich ist gross. Ein gutes Dutzend Personen tummeln sich zwischen Computern und Bildschirmen. Eine Checkliste wird durchgegangen, «Tunnel clear» tönt es aus dem Lautsprecher. Dann geht’s los.

In Zürich werden Knöpfe gedrückt – im Gotthard soll die Erde beben und das Ereignis dann akribisch analysiert werden. Wie bitte soll das gehen? Das erklärt Men-Andrin Meier einige Tage vor dem eigentlichen Start.

Kernstück Störzone

Und zwar eineinhalb Kilometer unter die Erdoberfläche, im Bedrettotunnel. Dort ist das «Bedretto-Lab», das Untergrundlabor für Geothermie- und Erdbebenforschung der ETH Zürich. Es ist das Kernstück des Experiments: die «Störzone» – ein Bruch im Gestein. Hier haben sich schon einmal Gesteinsschichten gegeneinander verschoben.

Eine Hand an einer Felswand.
Legende: Die Störzone ist für ungeübte Augen kaum zu erkennen: Sie ist nur wenige Millimeter breit. Zwischen den Schichten befindet sich bröseliges Material, das sogenannte «Störungs-Gouge». Es entsteht durch Reibung entlang der Störung. nano/Jo Siegler

«Diese Zone wollen wir aktivieren und ein Erdbeben mit Magnitude 1 auslösen», so Men-Andrin Meier. Magnitude 1. Das ist weit von dem entfernt, was man an der Oberfläche spüren könnte.

Trotzdem: Aus kleinen Beben will man grosse Lehren ziehen. Denn «egal wie gross ein Beben ist, es hat auch mal klein angefangen. Und Forschung zeigt, dass die grössten Beben gleich anfangen wie die kleinen. Der einzige Unterschied: Grosse Beben stoppen nicht.»

Magnitude: Wie stark Beben sind

Box aufklappen Box zuklappen
Seismograf mit Ausschlägen unterschiedlicher Magnitude.
Legende: Imago Images/Wirestock
  • Magnitude 1
    Nicht spürbar
  • Magnitude 2.5
    In der Nähe des Epizentrums spürbar
  • Magnitude 5
    Deutlich spürbar, kleinere Schäden möglich
  • Magnitude 7
    Starkes Beben, schwere Schäden möglich

Die Magnitudenskalen sind logarithmisch aufgebaut, das heisst: Ein Beben der Stärke 6 ist etwa zehn Mal stärker in der Bodenbewegung, als eines der Stärke 5.

Die Skala hat keinen «natürlichen» Nullpunkt. Magnitude 0 bedeutet nicht kein Beben, sondern eine bestimmte, kleine Ausschlaghöhe auf einem standardisierten Seismografen. Das heisst: Bei Mikro-Beben, also sehr, sehr kleinen Beben, liegt die Ausschlaghöhe bei unter Magnitude 0. Sie haben Minus-Magnituden.

Aktiviert wird die Bruchzone, indem Wasser in sie eingepumpt wird. Das soll wie ein Schmiermittel wirken. Damit die Gesteinsschichten leichter der Spannung nachgeben und sich verschieben – und so Mini-Erdbeben stattfinden können.

Es wurde sogar ein zusätzlicher Tunnel gegraben. 110 Meter ist er lang, und aus ihm reichen Bohrlöcher direkt in die Störzone. Darin verlegt sind Wasserpumpen und hochempfindliche Sensoren, sagt Mathilde Wimez vom Forschungsteam. «Dank der rund 200 Sensoren bestimmen wir auf den Zentimeter genau, wo das Erdbeben stattfindet. Da sind wir schon stolz drauf.»

Zwei Menschen in einem Stollen.
Legende: Kabel, Pumpen, Sensoren. Um Erdbeben auszulösen und genau dort zu vermessen, wo sie passieren, verlegten die Forschenden 200 hochsensible Sensoren. nano/Jo Siegler

Bewegung, Temperatur, Druck, die chemische Zusammensetzung des Wassers und so weiter: 20 verschiedene Parameter messen ungefähr 200 Sensoren. So soll verstanden werden, was vor, während und nach einem Erdbeben passiert.

Sieben Jahre Vorbereitung, 70 Menschen involviert

Der Aufwand war und ist also gross. Und jetzt, wo es endlich losgeht, ist niemand mehr im Tunnel – aus Sicherheitsgründen. Alles läuft ferngesteuert ab, aus der Kommandozentrale an der ETH Zürich.

Wie sicher ist das Experiment?

Box aufklappen Box zuklappen

Könnte das Experiment nicht versehentlich ein schweres Beben auslösen? Diese Frage wurde Men-Andrin Meier mehrmals gestellt. Seine Antwort: «Wir entwickelten unsere Experimente so, dass die Wahrscheinlichkeit von leichten Schäden unter 1:10’000 bleibt. In unser Risikostudie kommt sehr klar heraus, dass die Gefährdung von natürlichen Beben, die hier in der Region auftreten, bedeutend höher ist.»

Dort wird die Stimmung schon bald entspannter, denn alles scheint zu klappen. Die Wasserpumpen arbeiten, erreichen den gewünschten Druck. Die Signale der Sensoren kommen auf den Bildschirmen und Servern in Zürich an. Und: viele Mikro-Beben werden aktiviert – genau dort, wo man es erhofft hatte.

Ein Mann steht vor einem Bildschirm und zeigt auf eine Grafik.
Legende: Men-Andrin Meier ist begeistert. Schon nach wenigen Stunden zeichnet das Forscherteam hunderte Mikro-Beben auf. Jeder grüne Punkt auf dem Bildschirm ist ein solches. Die Beben finden genau dort statt, wo man es sich erhoffte: in der Störzone, die aktiviert wurde. nano/Jo Siegler

Wenige Stunden nach dem Start zählt das Team hunderte Mikro-Beben mit Magnituden im Minusbereich. Doch das «grosse» Magnitude-1-Beben bleibt vorerst noch aus. Bis zu zehn Tage will das Team versuchen, eines auszulösen. Nach drei Tagen läuft aber nicht mehr alles nach Plan. Die Mikro-Beben wandern – in eine Region, die nicht gut mit Sensoren abgedeckt ist. Deshalb beendet das Team das Experiment.

Das bei diesem Versuch stärkste gemessene Beben hatte nur Magnitude minus 0.14. Trotzdem sind alle begeistert. Schon jetzt habe man wertvolle Daten gesammelt, und: «Wir haben viel gelernt und denken, wir schaffen es beim nächsten Mal», so Men-Andrin Meier. Das wird im Juni oder September sein.

Ziel verfehlt und trotzdem ein Erfolg?

Box aufklappen Box zuklappen

Das Ziel, ein Magnitude-1-Beben auszulösen, hat das Team ziemlich klar verfehlt. Trotzdem feiert es das Experiment als Erfolg. Zurecht, sagen vom Experiment unabhängige Forschende.

Aussergewöhnliche Messdaten

«Die gewonnenen Messdaten sind in jeder Hinsicht äusserst wertvoll, denn Erdbeben sind in der Regel unzugänglich für Messgeräte, da sie tief unter der Erdoberfläche stattfinden», schreibt Marco Bohnhoff, Leiter Geomechanik und Wissenschaftliches Bohren am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung Potsdam, auf Anfrage.

Und selbst die Verfehlung des Ziels sei ein Erfolg: «Auch die Tatsache, dass nun zunächst nicht die Zielmagnitude erreicht wurde, stellt einen Mehrwert dar. Das liefert unter anderem Anhaltspunkte, wie das komplexe Wechselspiel zwischen langsamer und schneller Deformation – wie bei Erdbeben – funktioniert. Nur so kommen wir der Entschlüsselung der Erdbebenmaschine Stück für Stück näher!»

Wertvoll für Nutzung von Geothermie

Eric Dunham, Professor für Geophysik an der Universität Stanford, Kalifornien sieht auch schon Anwendungspotenzial: «Die Daten aus Bedretto werden uns helfen zu verstehen, wie sich Veränderungen des Flüssigkeitsdrucks durch das Gestein ausbreiten, kleine Risse öffnen und Erdbeben auslösen. Die sichere Nutzung geothermischer Ressourcen hängt davon ab, dass wir die Seismizität verstehen und kontrollieren können.»

SRF 1, nano, 7.5.2026, 06:05 Uhr

Meistgelesene Artikel