Darum geht es: Ende Januar hat Bundesrat Guy Parmelin sechs neue Nationale Forschungsschwerpunkte bekanntgegeben. Diese millionenschweren Programme sollen den Forschungsplatz Schweiz nachhaltig stärken. Nationale Forschungsschwerpunkte gibt es seit 2001, die jetzige Serie ist bereits die sechste. Was ein Anlass zu Freude und Stolz sein sollte, hat diesmal auch Misstöne produziert: In der Auswahl wurden – vorerst – die Geistes- und Sozialwissenschaften nicht berücksichtigt. Und dies ist nicht die einzige Irritation.
Die Geschlechterfrage I: Das Auswahlverfahren sollte unter anderem eine «vorbildliche Geschlechterverteilung insbesondere bei den wissenschaftlichen Leitungspositionen fördern.» Dies hielt der schweizerische Nationalfonds Ende 2023 bei der jüngsten Ausschreibung fest. Das Resultat zwei Jahre später: Vier der sechs ausgewählten Projekte werden von Männern geleitet, während bei drei der fünf abgelehnten Projekte Frauen an der Spitze sind. Darunter das Projekt «Space Weather» (Weltraumwetter) der Astrophysikerin Lucia Kleint von der Universität Bern und ihrer Co-Direktorin Louise Harra von der ETH Zürich. «Wir wissen nicht, nach welchen Kriterien am Ende ausgewählt wurde», sagt Lucia Kleint. «Doch Frauen hatten die schlechteren Karten.»
Die Geschlechterfrage II: Im Herbst 2025 überreichte der Nationalfonds dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI seine Finalisten für die Endauswahl – alles für exzellent befundene Projekte. Mit dabei war «Gender & Justice» (Geschlecht und Gerechtigkeit) der Universität Lausanne, das einzige Projekt aus den Sozialwissenschaften. Das SBFI jedoch erteilte dem Projekt eine Abfuhr, stattdessen lancierte es eine neue Ausschreibung. SBFI-Vizedirektorin Laetitia Philippe erklärt gegenüber SRF: «'Gender & Justice' konnte zu wenig gut darlegen, wie es ein erfolgreiches Programm hätte realisieren können.» Die beteiligten Forscherinnen hingegen vermuten, dass der Begriff «Gender» Stein des Anstosses und das Projekt politisch nicht gewollt war.
Die ETH vor allen anderen: Einen politischen Anstrich hat indirekt auch die Nicht-Wahl von «Space Weather»: Auf der Shortlist stand neben dem Projekt der Uni Bern auch «Genesis» von der ETH Zürich, das der Frage nach Leben im Universum nachgehen will. Das SBFI jedoch wollte aus Gründen der Diversität nur einen Forschungsschwerpunkt aus der Astrophysik. Es entschied sich für das ETH-Projekt, mit Nobelpreisträger Didier Queloz an der Spitze. Das Vorgehen ist nachvollziehbar – und wirft trotzdem Fragen auf: Insgesamt stammen nämlich fünf der sechs ausgewählten Projekte aus dem ETH-Bereich. Dies, obwohl der Nationalfonds in seiner Ausschreibung betont hat, man strebe eine «breitere Beteiligung von Forschenden aus allen Hochschultypen» an.
Das Nachspiel: Das Vorgehen des SBFI bei «Gender & Justice» hat ein Nachspiel: Im Parlament wurden dazu zwei Vorstösse eingereicht, von der Zürcher SP-Nationalrätin Min Li Marti und dem Neuenburger Ständerat Fabien Fivaz von den Grünen. Beide finden das «Ungleichgewicht zwischen Natur- und Sozialwissenschaften besorgniserregend». Das SBFI seinerseits will die Prozesse des Auswahlverfahrens extern prüfen lassen.