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Zum Tod von Craig Venter Pionier und Quälgeist: Jahrzehnte voller Forschung und Streit

Der Amerikaner Craig Venter ist mit 79 Jahren gestorben. Seine Methoden brachten viele gegen ihn auf – und die Wissenschaft voran. Die Genetik wäre ohne ihn nicht, was sie heute ist.

«Diplomat des Jahres wäre er nie geworden, aber er war ehrlich und geradeheraus» – ehrlicher als manche seiner Kritiker, sagt Roger Highfield, vom Science Museum in London. Highfield hat Craig Venter über Jahrzehnte immer wieder getroffen. Er kannte ihn gut.

Berühmt geworden ist Venter, weil er ohne Scheu auch ehrwürdige Institutionen herausforderte. Die US-Regierung hatte in den 1990ern viel Geld in die Hand genommen – mit dem Ziel, das menschliche Erbgut zu entschlüsseln. 1998 trat Venter mit seiner privaten Initiative «Celera Genomics» auf den Plan, und sagte: «Machen wir auch, nur schneller.» Damals schätzten Fachleute, die Sequenzierung eines einzigen Genoms würde Milliarden kosten und mehrere Jahre dauern.

Er fordert andere ohne Scheu heraus

Venter erkannte, dass ein entscheidender Knackpunkt die Rechenkapazitäten war, die man in so ein Projekt steckte, und investierte entschlossen. Mit Erfolg: Er kam überraschend schnell voran. Am Ende präsentierten im Juni 2000 Venters «Celera Genomics» und das staatliche «Human Genome Project» ihre Daten zum ersten entschlüsselten menschlichen Erbgut gemeinsam den Weltmedien. Venters unbedingter Wille hatte das staatliche Projekt zu mehr Tempo gezwungen.

Der scheinbar friedliche, gemeinsame Auftritt vor den Weltmedien, täuschte nicht darüber hinweg, dass Craig Venter sich nicht nur Freunde machte. Francis Collins, Chef des staatlichen «Human Genome Projects» schimpfte, Venter beschreite einen «gefährlichen Weg», weil die Daten, die Venter mit seiner privaten Firma sammelte, der Wissenschaft nicht mehr frei zur Verfügung standen. Venter brach die Regeln des guten wissenschaftlichen Anstands. Gebremst hat ihn das nicht.

Leben lässt sich künstlich herstellen

2010 baute sein Team dann das erste synthetische Bakterium. Ein Bakterium mit einem künstlichen Erbgut. Venter wollte einen Organismus bauen, der aufs Wesentliche reduziert war, und der nur noch die Funktionen und die Gene hatte, die er wirklich braucht. Die Idee: So ein vereinfachter Organismus lässt sich leichter untersuchen und verstehen.

Venters Team beschränkte sich also auf 473 Gene, stellte dieses minimalistische Erbgut künstlich her, entfernte das natürliche Erbgut aus einem lebenden Bakterium und führte das künstliche Erbgut ein. Und tatsächlich: Das künstliche Erbgut übernahm das Kommando und steuerte von da an das Bakterium. Womit gezeigt war: Leben lässt sich bauen, wie mit einem Baukasten.

Wissen nicht bloss als Selbstzweck

Venter war keiner, der einfach um des Wissens willen forschte. 2013 gründete er «Human Longevity», ein Unternehmen, das bis heute Erbgut und Merkmale von möglichst vielen Menschen zusammenträgt, um die Riesendatenmenge zu nutzen, um Krankheiten zu bekämpfen, die mit dem Alter zusammenhängen.

Wenn Du unsterblich sein willst, dann mach was Bedeutsames mit Deinem Leben.
Autor: Craig Venter Gentechnik-Pionier

Für jeden, dessen Erbgut das Unternehmen speicherte, entwarf die Firma einen virtuellen Avatar. Damit konnte sich der- oder diejenige die medizinische Information über sich, über Gene, Eigenschaften und Organe leicht erschliessen.

Er wollte Wissen nutzen. Lange gesund leben, das war sein erklärtes Ziel, für sich und für andere. Doch einfach nur lang zu leben, reichte Craig Venter nicht. Zehn Jahre vor seinem Tod, am Vorabend seines 69. Geburtstags, sagte er zu Roger Highfield: «Wenn Du unsterblich sein willst, dann mach was Bedeutsames mit Deinem Leben.»

Radio SRF 4 News, Nachrichten, 30.04.2026, 13:30 Uhr

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