Es sei eine «alarmierende Entwicklung», schreibt die Uni Genf. Immer mehr junge Menschen erkranken in der Schweiz an Darmkrebs. Damit entwickelt sich die Krankheit in den jüngeren Altersgruppen genau entgegengesetzt zu den Älteren. Bei den Über-50-Jährigen sind die Erkrankungszahlen seit den 2000er-Jahren rückläufig. Bei den Unter-50-Jährigen ist das Risiko seit 1980 jährlich um rund 0.5 Prozent gestiegen.
Wie sind diese Zahlen einzuordnen?
Die Schweiz liegt damit im internationalen Trend. Darmkrebs ist weltweit die zweithäufigste Krebsart, an der Menschen sterben. Mit 86 Prozent betrifft sie immer noch vor allem ältere Menschen. Aber: Bei den Jüngeren, also den Unter-50-Jährigen, haben die Erkrankungen in den letzten 20 bis 30 Jahren weltweit deutlich zugenommen. In den USA zum Beispiel ist die Erkrankungsrate für Unter-50-Jährige zwischen 2012 und 2021 um 2.4 Prozent pro Jahr gestiegen.
Warum erkranken immer mehr junge Menschen?
Das ist nicht abschliessend geklärt. Es gibt aber Risikofaktoren. Sicher zählt die Veranlagung: Wenn in der Familie Darmkrebs vorkommt, dann hat man genetisch bedingt ein erhöhtes Risiko. Andere Risikofaktoren sind unspezifischer: Alkohol, Rauchen, wenig Bewegung, eine Ernährung mit viel rotem oder verarbeitetem Fleisch und wenig Ballaststoffen. Den Anstieg von Dickdarmkrebs bei den Jungen können solche Faktoren aber nicht erklären.
Bei den Über-50-Jährigen ist die Zahl der Betroffenen in den letzten Jahren zurückgegangen. Warum?
Das ist ganz klar der Effekt der Früherkennung. In der Schweiz und auch in anderen Ländern gehen viele Ü-50-Jährige zur Vorsorge. Konkret ist das eine Darmspiegelung. Dabei können Krebsvorstufen, sogenannte Polypen, entfernt werden, bevor sich daraus Tumore entwickeln.
Könnte man mit den entsprechenden Untersuchungen auch bei den Jüngeren etwas bewirken?
Ja. Eine Überlegung ist deshalb, das empfohlene Mindestalter für die Vorsorgeuntersuchung zu senken. Einige Länder haben das bereits getan. Die USA oder Österreich empfehlen die Darmspiegelung bereits ab 45 Jahren. Die neue Studie aus Genf zeigt, dass Darmkrebs bei Jüngeren häufiger erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt wird, bei mehr als einem Viertel sogar erst im Stadium IV. Diese Patienten hätten also wahrscheinlich von einem früheren Screening profitiert. Ob und wann die Schweiz das Screening-Alter senken wird, ist zurzeit völlig unklar. Politisch ist das ein langer Weg.
Welches Risiko bringen solche Screenings mit sich?
Es gibt – allgemein gesagt – bei Screenings ein Risiko für Überdiagnosen. Das heisst: Man stellt etwas Krankhaftes fest und behandelt das, obwohl es im Lauf des Lebens vielleicht nie zum Problem geworden wäre. Bei manchen Vorsorgeuntersuchungen – wie auf Brustkrebs oder Prostatakrebs – kann das Schaden anrichten. Das ist durch Studien belegt. Bei der Darmspiegelung ist das anders: Das Entfernen von Polypen ist in der Regel harmlos – ob sie nun Krebszellen enthalten oder nicht –, und das Risiko für einen Darmkrebs sinkt dadurch auf nahezu null.
Und was könnte eine bessere Prävention bringen?
Es ist wie bei anderen Gesundheitsthemen auch: Die Prävention wäre ein grosser Hebel. Eine Studie der WHO hat kürzlich gezeigt, dass vier von zehn Krebserkrankungen auf vermeidbare Ursachen zurückgehen. Die Früherkennung spielt auch eine grosse Rolle, hier hat die Schweiz Luft nach oben: Es würde sicher etwas bringen, wenn man die Screening-Programme, wie etwa für Darmkrebs, in allen Kantonen einführen und vereinheitlichen würde.