Ein Albtraum: Die Lunge ist wegen einer genetischen Erkrankung voller Schleim. Im Schleim fühlen sich gefährliche Bakterien so wohl, dass der Patient chronisch schwer krank ist. Ohne Antibiotika geht nichts mehr, und auch die helfen kaum noch.
Es ist die Geschichte des ersten Patienten, den Christian van Delden am Universitätsspital Genf mit Viren behandelt hat, sogenannten Phagen.
Besserung bereits nach wenigen Tagen
Der Erfolg war durchschlagend. Innerhalb von Tagen ging es dem Kranken besser. «Er hat inzwischen sogar wieder angefangen zu arbeiten und ist wieder voll aktiv», sagt van Delden. Das war 2020. Seitdem haben er und sein Team vier weitere Patienten behandelt, bei denen implantierte Prothesen oder der Knochen chronisch mit Bakterien infiziert waren.
Es sind nur wenige Patienten, weil van Delden für jeden einzeln eine Genehmigung beim Kanton erwirken muss. Im Rahmen einer kleinen klinischen Studie in Lausanne wurde noch eine weitere Handvoll Patientinnen und Patienten behandelt. Aber das war’s in der Schweiz.
Van Delden macht das ungeduldig: «Ich suche nach Wegen, um bakterielle Krankheiten zu bekämpfen, jetzt, wo Antibiotika immer öfter versagen», sagt der Infektiologe. Es brauche dringend Alternativen, sagt er – die Zeit laufe der Medizin davon.
Belgien und Frankreich sind weiter
Andere Länder sind weiter als die Schweiz. Im französischen Lyon hat der Mediziner Tristan Ferry mit Geld vom Staat das nationale Referenzzentrum für Phagentherapie aufgebaut. Das Land hat ausserdem eine Gesetzgebung geschaffen, welche die Hürden für die Therapie zumindest etwas herabsetzt.
«Wir haben gerade den hundertsten Patienten behandelt», sagt Ferry. «Wer in Frankreich Fragen zur Phagentherapie hat, der ruft bei uns an.» – Auch in Belgien wird gezielt Expertise aufgebaut, dort sind inzwischen mehr als zweihundert Menschen mit Phagen behandelt worden.
«In diesen Ländern werden Erfahrungen gesammelt, das ist extrem wichtig», sagt van Delden in Genf. Ein wichtiger Unterschied zwischen Frankreich und Belgien auf der einen und der Schweiz auf der anderen Seite: Die Auflagen bei der Herstellung der Phagen-«Cocktails» sind in der Schweiz wesentlich strenger, was die Therapie deutlich teurer macht. Auch die Bezahlung durch die Krankenkassen ist hierzulande noch nicht geregelt.
Strenge Regeln in der Schweiz
Genehmigt wird die Phagentherapie in der Schweiz bislang nur bei Lebensgefahr für den Patienten. Das ist üblich bei neuen Therapien, deren Sicherheitsrisiken noch zu unklar sind. «Wir sind für die Sicherheit neuer Therapien verantwortlich», betont Julia Djonova von der schweizerischen Zulassungsbehörde «Swissmedic».
Christian van Delden vom Universitätsspital Genf fühlt sich davon zu sehr eingeschränkt. «Wir kennen chronisch kranke Patienten, denen wir mit Phagentherapie helfen könnten», sagt er. «Wir könnten verhindern, dass sie Schäden erleiden, die diese Therapie doch aufhalten könnte.»
«Wir dürfen nicht zu schnell vorgehen», betont Tristan Ferry vom Unispital Lyon. Vorsicht bei neuen Therapien sei angebracht. Dass die Erfahrungen, die er und seinen Kollegen und Kolleginnen in Lyon sammeln, über Frankreich hinaus wirksam werden und den Zugang zur Phagentherapie auch anderswo erleichtern, wünscht er sich aber auch.