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«Der Übergang vom Heilen zum Lindern ist fliessend»

Welche Herausforderungen die Palliativmedizin für Hausärzte birgt, wie Angehörige mit unheilbar Kranken umgehen sollten und wie man sich selber die letzten Tage erleichtern kann: ein Gespräch mit «Puls»-Arzt Thomas Kissling.

SRF: Thomas Kissling, Sie besuchen auch Menschen im Altersheim, die wissen, dass es bald zu Ende geht. Alltag für einen Hausarzt?

Dr. Thomas Kissling: Ja, das ist ein ganz normaler Teil meiner Aufgaben. Das sind alles Patienten, die ich schon vorher betreut habe und die ich nun auf ihrem letzten Weg weiter begleite – sei es im Altersheim, aber auch bei ihnen zu Hause, wenn sie ihre letzten Tage dort verbringen möchten.

Wie verändern sich die Bedürfnisse Ihrer Patienten in der letzten Lebensphase?

Das Palliative steht natürlich im Vordergrund. Es geht weniger darum, dass die Krankheit bessert oder gar verschwindet, sondern um die Linderung gewisser Aspekte eines Leidens: weniger Schmerzen haben zum Beispiel, oder noch möglichst viel Luft bekommen. Da orientiere ich mich an den Wünschen und Zielen des jeweiligen Patienten und versuche, so gut wie möglich zu helfen.

Wie erleben Sie den Moment, wenn klar ist, dass ein Leiden unheilbar ist und es fortan «nur» noch um die Linderung geht?

Legende: Das Begleiten von Menschen auf ihrem letzten Lebensweg zählt zu den alltäglichen Aufgaben von Dr. Thomas Kissling. SRF

Das ist immer schwierig. Jemandem dies eröffnen zu müssen, hat mich zu Beginn meiner Tätigkeit als Hausarzt sicher stärker belastet als heute. Mit den Jahren lernt man, damit besser umzugehen.

Dann ist es aber auch so, dass es diesen klar definierten Moment häufig gar nicht gibt, es ist mehr eine Entwicklung einer Krankheit. Bei Krebspatienten kann manchmal anhand einer Untersuchung plötzlich klar definiert werden, dass eine Heilung nicht mehr möglich ist, zum Beispiel bei zunehmender Ausbreitung der Metastasen. Bei anderen Leiden wie etwa schwerer Herzinsuffizienz oder COPD entwickelt sich die Verschlechterung langsam, schleichend. Da kann man nicht sagen: «Bis Ende Woche machen wir kurative Medizin und ab Anfang nächste Woche dann palliative.»

Die Patienten spüren meist sehr gut selber, ab wann es vor allem um Linderung geht und nicht mehr um Heilung.

Wem fällt die Erkenntnis schwerer, dass es keine Heilung mehr gibt: den Betroffenen oder ihrem Umfeld?

Das ist von Fall zu Fall verschieden. Ich erlebe beides.

Was empfehlen Sie dem Umfeld von Personen, deren Lebenszeit absehbar ist? Wie sollen sie mit den Patienten umgehen?

Möglichst normal, so wie es in einem zwischenmenschlichen Verhältnis halt sein sollte: miteinander sprechen, aufeinander hören. Versuchen, zu spüren, was diese Person benötigt – aber auch seine eigenen Bedürfnisse artikulieren.

Thomas Kissling

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Legende:

Dr. Thomas Kissling ist seit 1988 mit eigener Praxis als Hausarzt tätig. Als «Puls»-Arzt gibt er konkrete Tipps und hilft den Zuschauern bei offenen Fragen. An der Universität Bern ist er Lehrbeauftrager für Hausarztmedizin.

Es gibt Phasen, wo die Patienten über ihre Erkrankung nicht sprechen möchten. Und dann gibt es Phasen, wo sie sich ernsthaft damit auseinandersetzen und die Zeit nach ihrem Ableben regeln möchten. Das kann von Tag zu Tag wechseln und ist individuell verschieden.

Ich persönlich finde es nicht gut, diese Menschen nur noch mit Samthandschuhen anzufassen und sie vorsorglich von allem Problematischen abzuschotten – ausser natürlich, sie wünschen dies selber so. Es liegt auch in der Verantwortung des Patienten, Grenzen zu ziehen.

Als gesunde Person macht man sich über seine letzten Tage normalerweise kaum Gedanken. Vielleicht verfasst man einmal eine Patientenverfügung oder regelt vorsorglich finanzielle Angelegenheiten. Kann man darüber hinaus überhaupt etwas tun?

Ja und nein. Bei der Patientenverfügung sollte man darauf achten, sie nach dem Verfassen periodisch zu überprüfen – speziell, wenn eine neue Gesundheitssituation eintritt. Die sich daraus ergebenden Probleme und Fragestellungen sind je nach Erkrankung grundverschieden und lassen sich vorher gar nicht abschätzen.

Wie man dann in der Situation selber reagieren wird, darauf kann man sich nicht vorbereiten. Was ich aus meiner Erfahrung aber empfehle: jeden Tag bewusst leben und nicht alles auf später verschieben. Vielleicht tritt dieses «später» nie ein, und man macht sich schliesslich Vorwürfe, weshalb man in seinem Leben dies und jenes nicht getan hat, solange man noch konnte.

Ich erlebe selber immer wieder, wie Schwerstkranke von früheren guten, spannenden Erlebnissen berichten und dabei Freude empfinden und aufblühen. Also sorgen wir dafür, dass wir solche Erlebnisse haben!

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Katrin Triebe , Schwerzenbach
    Guten Tag, ich finde es super, dass das Thema aufgegriffen wurde und fachlich gut was gezeigt wurde. Ich vermisste aber, dass die öffentliche Spitex nicht erwähnt wurde. Ich arbeite als Pflegefachfrau HF in einer kleinen öffentlichen Spitex und ich würde sagen die tgl. Pflege wird von uns gemacht, in Zusammenarbeit mit den erwähnten Spezial Spitexen. Es ist sogar so, dass Grundpflege in gewissen Kantonen von der Onkospitex nicht mehr gemacht wird seit kurzem. Mit freundlichen Grüssen K. T.
  • Kommentar von B. Iseli , Bern
    Super Sendung, grosses Kompliment an die Macher dieser Pulssendung. Das Thema wurde sachlich und zugleich sehr einfühlsam thematisiert. Wünsche mir weitere, solcher fachlich kompetenten Sendungen.
  • Kommentar von Ernst Lieberherr , 9200 Gossau
    Mein Freund ist Ende April einem Krebsleiden erlegen. Ohne den Palliativen Brückendienst St. Gallen-Appenzell hätten wir seinen Wunsch, zu Hause zu sterben niemals erfüllen können. Was die Leute geleistet haben in den letzten 5 Wochen seines Lebens, ist unbezahlbar und sei auch an dieser Stelle nochmals von Herzen verdankt.