In «Blame», dem neuen Dokumentarfilm des Schweizer Filmemachers Christian Frei, dreht sich zunächst alles um den Ursprung des Coronavirus. Wir haben mit dem Virologen Volker Thiel über die Ursachensuche und die Konsequenzen für die Wissenschaft gesprochen.
SRF Wissen: Labor oder Natur – woher stammt das Coronavirus? In Blame wird der Laborthese eine klare Absage erteilt. Kann man das so deutlich sagen?
Volker Thiel: Ja, man kann das schon sehr eindeutig sagen. Die Informationen, die bekannt sind, sind sehr klar. Und vor allem jene Infos, die wissenschaftlich solide aufgearbeitet wurden, sind sehr klar. Von daher ist ein natürlicher Ursprung sehr wahrscheinlich.
Können Sie da etwas konkreter werden. Was sind die Indizien, die dafürsprechen, dass das Virus aus der Natur stammt?
Die ersten Krankheitsfälle sind rund um den Wildtiermarkt im chinesischen Wuhan aufgetaucht, also in jener Stadt, wo die Pandemie ihren Anfang nahm. Man hat dort auch das Virus SARS-CoV2 gefunden. Und zwar an den Gitterstäben von Käfigen. Und man weiss, dass dort lebendige Tiere gehandelt wurden, die für das Virus empfänglich sind.
Aber der letzte Beweis für den natürlichen Ursprung fehlt. Und letztes Jahr wurde publik, dass der Deutsche Bundesnachrichtendienst die Laborthese für wahrscheinlicher hält.
Ich kenne diese Einschätzung. Aber es gibt keine «smoking gun». Sprich, die Informationen, die öffentlich bekannt sind, beinhalten keinen Beweis, dass das Labor in Wuhan schon vor Beginn der Pandemie mit SARS-CoV2 gearbeitet hat.
Aber dennoch behauptet die aktuelle US-Regierung, dass das Virus aus dem Labor stammt. Und dass somit die Wissenschaft selbst die Pandemie verschuldet hat. Wie sehr schadet das der Wissenschaft?
Sehr. In den USA werden Projekte, die sich mit Zoonosen befassen, kaum noch gefördert. Solche Projekte sind wichtig, weil darin die zunehmend fragile Schnittstelle zwischen Wildtier und Mensch – auch im Labor – genauer untersucht werden soll. Letztlich will die Wissenschaft verhindern, dass neue Erreger vom Tier auf den Menschen überspringen.
In den USA werden Projekte, die sich mit Zoonosen befassen, kaum noch gefördert.
Der Wirbel um die Laborthese verhindert also, dass man genauer dorthin schaut, wo neue Erreger entstehen können?
Genau.
Spürt man das auch in Europa?
Hier ist die Welt zum Glück noch relativ in Ordnung. Aber die Zoonose-Forschenden sind generell vorsichtiger geworden. Sie haben vieles noch mal auf den Prüfstand gestellt. Beispielsweise fragen sie sich, ob beim Probensammeln in der Natur alles richtig läuft, ob es zusätzliche Vorsichtsmassnahmen braucht, auch im Labor. Das Feld diskutiert sehr intensiv, wie man zoonotische Studien künftig durchführen soll.
Aber das ist ja nicht schlecht. Auch wenn SARS-CoV2 nicht aus dem Labor stammt, kann es ja nicht schaden, die Sicherheitsstandards noch mal zu überprüfen.
Ja, auf jeden Fall. Nicht gut ist allerdings, dass die Forschung inzwischen weniger offen ist. Wir wissen kaum, was aktuell etwa in China in der Zoonose-Forschung gemacht wird. Einzelne Forschungsinstitute halten sich mehr bedeckt. Da leidet die Wissenschaft als Ganzes darunter.
Werden wir SARS-CoV2 jemals in der Wildnis finden und so den Ursprung ein für allemal klären?
Nein, ich glaube nicht. Da habe ich wenig Hoffnung.
Das Gespräch führte Sabine Olff