Mikroplastik wurde an allen möglichen Orten in der Umwelt gefunden – aber auch in unserem Körper. Doch wie viel steckt wirklich in uns?
Immer mehr Forschungsgruppen weltweit suchen Antworten auf diese Frage und publizieren ihre Ergebnisse. Mitunter sehr Beunruhigende: Hohe Konzentrationen im Gehirn von Verstorbenen, die mit der Zeit zugenommen haben. Diese Mengen und den Trend zweifeln unabhängige Forschende nun aber an, wie der britische Guardian berichtete.
Die Forschenden kritisieren dabei in erster Linie die verwendete Methode, die anfällig für Fehler ist. Der Grund: der chemische Plastik-Fingerabdruck sieht ähnlich aus wie derjenige von Fettsäuren. Und im Gehirn, das zu rund 60 Prozent aus Fett besteht, ist die Gefahr damit gross, dass man Fett statt Plastik misst.
Die in der Studie gefundenen Konzentrationen dürften also zu hoch sein. «Das bedeutet aber nicht, dass nichts im Gehirn ist», sagt die Materialwissenschaftlerin und Mikroplastik-Forscherin Alke Fink vom Adolphe Merkle Institut der Universität Freiburg.
Klar ist nämlich: Wir sind den Partikeln täglich ausgesetzt und nehmen sie auf. Über die Luft beim Atmen, oder über Lebensmittel und Getränke. Einen Teil davon scheiden wir wieder aus. Doch besonders kleine Teilchen können über die Lunge und den Darm auch in die Blutbahn gelangen und sich so im Körper verteilen. Aus verschiedenen Geweben gibt es unabhängige Nachweise.
An der Grenze des Messbaren
Doch das Forschungsfeld ist noch sehr jung: «Wir sind erst dabei die Methoden zu entwickeln», sagt Fink. Und das ist bei Mikro- und dem noch kleineren Nanoplastik, hochkomplex: Weil Plastik in allen möglichen Grössen, Typen und Formen daherkommt. Und weil die Konzentrationen sehr klein sind. Es ist buchstäblich eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Alles nur Kontamination?
Ein weiteres grosses Problem: Verunreinigungen. Also Plastik, der ungewollt in einer Probe landet. Bei der Blutentnahme im Spital etwa, wo Handschuhe, Masken und auch die Schläuche aus Plastik sind. Oder dann im Labor, wo die Probe aufbereitet und gemessen wird. Auch hier gehört Plastik zum Standard.
Studien sollen möglichst neu und reisserisch sein und die Welt verändern
«Unerlässlich sind darum Blindproben», sagt Ralf Kägi, Leiter des Partikellabors am Wasserforschungsinstitut Eawag. Also Proben, wo zum Beispiel kein Blut drin ist. Mit denen man aber die gleichen Aufbereitungsschritte im Labor macht. Und so berechnen kann, wie gross das Problem der Kontamination ist.
Genau diese Kontrollen hätten sich aber noch nicht in allen Mikroplastik-Laboren durchgesetzt. Einer der Gründe: Der Druck zu publizieren sei enorm hoch: «Studien sollen möglichst neu und reisserisch sein und die Welt verändern», sagt Ralf Kägi. Knochentrockene Qualitätskontrollen gingen da rasch vergessen. Absicht, falsche Resultate zu publizieren, wolle er aber niemandem unterstellen.
Keine Entwarnung
Die Methoden seien schlicht noch nicht reif, der gemeinsame Standard fehlt. Man habe Fortschritte gemacht, doch es brauche Zeit, sind sich Ralf Kägi und Alke Fink einig. Zeit, bis sich Mikro- und Nanoplastik verlässlich in unterschiedlichsten Geweben messen lässt. Denn erst wenn man die Dosis genau kennt, kann über mögliche Gesundheitsfolgen gesprochen werden.