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Gürtelrose und Fieberbläschen Wenn Herpesviren erwachen, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit

Heimtückisch: Herpesviren lösen Gürtelrose und Fieberbläschen aus – bei verspäteter Behandlung drohen Langzeitfolgen. Die Symptome sind jedoch nicht immer eindeutig.

«Ich dachte, ich habe nur so einen blöden Ausschlag», erzählt Alex Antosch. Der sportliche 36-Jährige hat eben erst eine Covid-Erkrankung überstanden. Da spürt er vom Rücken her ein unangenehmes Jucken. 

Er entdeckt erst nur einen «Pickel» am Rücken, dann mehrere gerötete Stellen und Blasen. An Gürtelrose denkt Alex nicht – trotzdem sagt er sich: «Das gehört wohl abgeklärt.»

Instinktiv richtig reagiert

Alex Antos reagiert zum Glück frühzeitig. Er kontaktiert seine Hausärztin, schickt ihr Fotos seines Ausschlags: «Meine Ärztin stellte bereits aufgrund der Bilder und Symptome die Diagnose ‹Gürtelrose› und verordnete mir umgehend Medikamente.» Auch warnt sie vor Nervenschmerzen als möglichen Spätfolgen. Da begreift er: Es ist ernst!

Typisch Gürtelrose: Ausschlag und Frühsymptome

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Grafische Darstellung der Gürtelrose
Legende: srf

Beim typischen Gürtelrose-Ausbruch bilden sich Bläschen...

  • in einem begrenzten Hautstreifen
  • auf einer Körperhälfte
  • in Gruppen angeordnet 

Frühsymptome sind:

  • Juckreiz
  • Brennender Schmerz
  • Unwohlsein

Was Alex Antos damals nicht bewusst ist: Er trägt schon lange humane Herpesviren vom Typ Varizella-Zoster in sich. Als Kind hat er die Windpocken durchgemacht. Seither schlummern die Viren in seinem Körper. Nun sind sie wieder aktiv geworden – und haben eine Gürtelrose ausgelöst: einen juckenden Hautausschlag mit typischer Bläschenbildung.

Respekt vor der Volkskrankheit Gürtelrose 

95 Prozent der Bevölkerung sind durch Windpocken mit dem Varizella-Zoster-Virus infiziert, und jede dritte Person erkrankt irgendwann im Leben an einer Gürtelrose. Simon Müller, Dermatologe am Universitätsspital Basel, begegnet der «Volkskrankheit» mit Respekt, denn: «Bei einem Drittel der Gürtelrosefälle gibt es Komplikationen.» 

Es ist wichtig, schwere Gürtelrosefälle früh zu erkennen und rasch zu behandeln!
Autor: Simon Müller Dermatologe

Eine Gürtelrose im Gesicht kann zum Beispiel bis zur Erblindung führen. Darum betont Müller: «Es ist wichtig, schwere Gürtelrosefälle früh zu erkennen und rasch zu behandeln!» 

In der Schweiz gibt es jährlich etwa 17’000 neue Gürtelrose-Erkrankungen. Mit dem Alter, wenn das Immunsystem schwächer wird, steigt das Risiko für einen Ausbruch deutlich: 80 Prozent der Fälle betreffen über 50-Jährige, 20 Prozent der Erkrankten sind jünger.

Gürtelrose: Nur 72 Stunden Zeit für die Behandlung 

Noch am Tag, an dem Alex Antos seine Ärztin kontaktiert hat, beginnt er antivirale Tabletten zu schlucken. Bis die Medikamente wirken, leidet er vor allem an starkem Juckreiz.

Die Schmerzen sind in seinem Fall erträglich, aber: Die Gürtelrose schlägt ihm aufs Gemüt: «Ich war in der Zeit psychisch verändert, hatte ungewohnt negative Gedanken, es zog mich richtig runter.»

Was die Behandlung einer Gürtelrose so herausfordernd macht: Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Mit antiviralen Medikamenten lässt sich die Viren-Vermehrung und damit auch das Fortschreiten der Gürtelrose zwar stoppen. Das gelingt jedoch nur, wenn die Therapie innerhalb von 72 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome startet – sonst kann es zu spät sein, um noch wesentlich Einfluss zu nehmen.

Fieberbläschen: Zeitfenster kleiner, dafür meist harmlos 

Noch schneller muss man bei Fieberbläschen reagieren: Die gezielte Behandlung muss in einem Zeitfenster von 48 Stunden erfolgen. Es geht ebenfalls darum, die Vermehrung der Erreger zu stoppen. 

Der Auslöser ist wie bei Windpocken und Gürtelrose ein humanes Herpesvirus, nämlich: Herpes Simplex Typ 1 (HSV-1). Nach der Erstinfektion schlummert es an der Schaltstelle  eines Gesichtsnervs und kann sich reaktivieren, zum Beispiel durch Stress oder starke UV-Strahlung.

Fieberbläschen sind zwar lästig, aber in der Regel harmlos. «Lippenherpes ist nur gefährlich für Leute mit einem geschwächten oder noch nicht entwickelten Immunsystem, wie bei den Neugeborenen», erklärt Dermatologe Müller. 

Wenn sich die Lippenherpes-Episoden oft wiederholen, besteht die Möglichkeit einer präventiven Behandlung.

Fieberbläschen: lästige Verwandte der Gürtelrose

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Lippenherpes
Legende: imago images / Depositphotos

Der Auslöser von Lippenherpes ist das Herpes Simplex-Virus Typ1 – HSV1. Mindestens 50 Prozent der Bevölkerung sind damit infiziert. Die Übertragung erfolgt oft unbemerkt durch Speichel.

HSV1 schlummert nach der Erstinfektion am Trigeminus-Gesichtsnerv. Nach einer Reaktivierung bilden sich Fieberbläschen.

Typische Trigger für Lippenherpes sind Stress und starkes Sonnenlicht. Die antivirale Behandlung – meistens mit Salben – sollte innerhalb der ersten 48 Stunden erfolgen.

Bei wiederholten Episoden ist die präventive Einnahme antiviraler Medikamente eine Option. 

Fieberbläschen wie Gürtelrose sind schlummernde Herpesviren-Erkrankungen mit begrenzter Reaktionszeit. Beide Krankheiten sind grundsätzlich ansteckend, solange die Bläschen nicht verkrustet sind – für Personen, die noch keine Erstinfektion durchgemacht haben. Auch darum ist eine frühzeitige Diagnose wichtig.

Gefürchteter Schmerz: Post-Zoster-Neuralgie 

Was aber eine Gürtelrose-Diagnose erschweren kann: Die Symptome sind nicht immer eindeutig. «Je weniger Bläschen erscheinen, desto schwieriger wird es, einen Ausbruch rasch genug zu erkennen», erklärt Simon Müller. 

Vor sieben Jahren, auf dem Notfall, vermutet man beim heute 82-jährigen Alojz Dovnik zuerst ein Herzproblem. Denn er hat zwar heftige Schmerzen im Brustbereich. Der typische Gürtelrose-Ausschlag erscheint aber erst später, zu Hause, dafür mit voller Wucht.

Alojz Dovnik lebt nun seit sieben Jahren mit einer Post-Zoster-Neuralgie. Das sind starke chronische Schmerzen infolge seiner zu spät behandelten Gürtelrose. Die Herpesviren haben im Hautareal, wo der Ausbruch war, die Nerven geschädigt. Seine Haut ist hochempfindlich. Schon die Berührung mit einem Wattestäbchen tut weh.

Alojz Dovnik helfen die meisten Medikamente und Therapien inzwischen nicht mehr, oder die Nebenwirkungen sind zu stark respektive die Maximaldosis ist erreicht. Spritzen mit dem Nervengift Botulinumtoxin bekannt als Botox verschaffen nur vorübergehend etwas Linderung.

«Meine Schmerzen muss ich mit ins Grab nehmen, die werden nicht mehr verschwinden», weiss der 82-Jährige, fügt aber sogleich hinzu: «Ich lasse mich nicht unterkriegen!» Dreimal wöchentlich trainiert er im Fitnessstudio, das lenkt vom Schmerz ab. 

Eine Post-Zoster-Neuralgie kann über Monate anhalten, im schlimmsten Fall lebenslang. Schmerzspezialist Tobias Schneider empfiehlt deshalb dringend: «Nicht lange zuwarten bei Schmerzen nach verheilter Gürtelrose, sondern Hilfe suchen!» 

Denn je früher die Schmerzbehandlung einsetzt, desto grösser sind die Chancen für eine erfolgreiche Behandlung.

Option Impfung 

Künftig könnten die Gürtelrose-Fälle möglicherweise zurückgehen – und damit auch die schweren Verläufe. Der Grund: Gegen Varizella-Zoster-Viren gibt es inzwischen zwei Impf-Möglichkeiten.

  • Impfung gegen Windpocken (Varizellen), ab 9 Monaten
  • Impfung gegen Gürtelrose (Herpes Zoster), vor allem für Personen ab 65 Jahren und Personen mit Immundefiziten

Letztere wirkt als Booster für das Immunsystem. Sie verhindert mindestens zehn Jahre lang, dass sich schlummernde Varizella-Zoster-Viren reaktivieren.

Mehr Informationen auf Infovac

Impfung nach Gürtelrose selbst bezahlen? 

Aus medizinischer Sicht ist die Gürtelrose-Impfung auch für Personen sinnvoll, die noch keine 65 sind, aber bereits eine Gürtelrose durchgemacht haben. Dermatologe Simon Müller erklärt: «Wer einmal an einer Gürtelrose erkrankt ist, hat ein Risiko von 10 bis 20 Prozent, dass es zu einem erneuten Ausbruch kommt.»

Unter 65-Jährige, die einem erneuten Ausbruch vorbeugen möchten, sollten allerdings wissen: Sie werden die Gürtelrose-Impfung in der Regel selbst bezahlen müssen – es sei denn, die Impfung ist durch eine Zusatzversicherung gedeckt. 

Mit Gürtelrose und Fieberbläschen: Abstand halten!

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Gürtelrose und Lippenherpes sind ansteckend: für Personen, die noch nie eine Erstinfektion durchgemacht haben – im Fall von Gürtelrose: nie Windpocken hatten. Mit einem Bluttest lässt sich das feststellen, sinnvoll etwa vor einer geplanten Schwangerschaft.

Eine Ansteckung kann Menschen gefährden, die ein stark geschwächtes oder noch nicht entwickeltes Immunsystem haben, oder Personen mit angeborenem Immundefekt.

Empfehlung: Bei einem Ausbruch von Fieberbläschen oder Gürtelrose sollte man besser Abstand halten zu Säuglingen und Schwangeren.

Zurück zu Alex Antos. Er hatte Glück. Sein Gürtelrose-Ausbruch heilte ohne Komplikationen ab. Auch weil ers so rasch reagiert hat, kann er heute eine positive Bilanz ziehen: «Nach etwa zwei Wochen war mein lästiger Ausschlag abgeheilt, ich spüre heute nichts mehr davon».

Die Impfung sieht er als Massnahme für die Zukunft, aktuell ist sie kein Thema für ihn. Der sportliche 36-Jährige vertraut darauf, dass sein Immunsystem die schlummernden Herpesviren im Zaum hält.

SRF 1, Puls, 16.3.2026, 21:05 Uhr

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