Die Zehen suchen nach Halt, die Finger klammern sich an die Kletterelemente der Wand. Andy Ulrich fokussiert sich auf seinem Gleichgewicht. «Ja, ich habe schon etwas Angst. Respekt», sagt er. Nach einer kurzen Pause und Neuorientierung geht es weiter die Kletterwand hoch.
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Bild 1 von 4. Andy brauchte sieben Jahre, um nach seiner Hirnblutung wieder laufen zu lernen. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Durch das Klettern gewinnt Andy seine Beweglichkeit und sein Selbstvertrauen zurück. «Ich mache Fortschritte. Auch wenn diese nur Millimeter für Milllimeter passieren.». Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Sonja erlitt vor zehn Jahren, mit 29, eine Hirnblutung und landete nach dem Koma im Rollstuhl. Heute kann sie wieder laufen. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Sonja: «Es ist ein super Gefühl, wenn ich es bis nach oben schaffe und so zu merken, dass ich trotzdem Sport machen kann. Auch mit nur einem Arm.». Bildquelle: SRF.
Andy ist 69 Jahre alt. Früher arbeitete er als Ingenieur. Dann, eines Morgens, konnte er plötzlich nicht mehr sprechen. «Es ist nur Blabla rausgekommen», erzählt er. Kurz darauf waren sein rechter Arm, sein rechter Fuss und die gesamte rechte Körperseite gelähmt. Eine Hirnblutung hatte ihn aus seinem damaligen Leben gerissen.
Hirnblutungen gehören zu den schweren Formen des Schlaganfalls. In der Schweiz erleiden jedes Jahr rund 20'000 Menschen einen Schlaganfall, etwa 15 Prozent davon durch eine Hirnblutung. Sie führen häufig zu abrupten, schweren Ausfällen – etwa von Bewegung, Sprache oder Gleichgewicht, wie bei Andy. Neben diesen sichtbaren Einschränkungen können auch unsichtbare Folgen wie Erschöpfung, Gedächtnis-, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen den Alltag prägen.
Heute kann Andy wieder gut laufen wie auch seinen Arm bewegen. Er trifft sich in einer Kletterhalle am Greifensee regelmässig mit anderen Menschen, die ebenfalls eine Hirnverletzung erlitten haben. Organisiert wird der Kurs von Fragile Suisse, einer der nationalen Patienten- und Fachorganisation, die Betroffene und Angehörige mit Beratung, Kursen, begleitetem Wohnen und Austausch begleitet.
Bewegung als Training für das Gehirn
Therapeutisches Klettern nutzt gezielt Grundprinzipien des Neurorehabilitation: Kraft, Koordination, Gleichgewicht und Planung werden gleichzeitig gefordert. Dadurch können Bewegungsstrategien aufgebaut werden – ein Prozess, des als Neuroplastizität bezeichnet wird.
Ich habe sehr lange mit dem Schicksal gehadert.
Auch Sonja Weber ist Teil der Gruppe. Sie ist heute 39 Jahre alt, Mutter von zwei Mädchen im Vorschulalter. Mit 29 bricht sie bei der Arbeit zusammen: Hirnblutung, Koma, Rollstuhl. «Ich habe sehr lange mit dem Schicksal gehadert», erklärt sie. Es dauert über zehn Jahre, bis sie akzeptieren kann, dass sie von einer Sekunde auf die andere mit einer Behinderung lebt.
Dass auch junge Menschen betroffen sind, ist kein Einzelfall: Rund ein Viertel der Schlaganfall-Betroffenen in der Schweiz ist jünger als 65. Die körperlichen Fortschritte sind bei Jüngeren oft grösser – die psychische Verarbeitung kann dafür umso anspruchsvoller sein, wie Sonjas langer Weg zeigt.
Herumsitzen ist nichts für mich
Heute kann Sonja wieder gehen. Beim Klettern trainiert sie, wieder ihrem Körper zu vertrauen. «Zu merken, dass ich trotzdem noch Sport machen kann – auch nur mit einem Arm – ist ein super Gefühl», sagt sie. Doch Stillstand ist für sie keine Option und betont: «Herumsitzen ist nichts für mich».
Rehabilitation nach einer Hirnverletzung beginnt zwar früh im Spital, endet aber selten nach ein paar Monaten. Viele Betroffene müssen Bewegung, Sprache und Alltagsabläufe neu erlernen – nicht selten über Jahre hinweg und mit unterschiedlichen Fortschritten.
Andy und Sonja zeigen, dass Erfolge möglich sind – aber meist in kleinen Schritten. «Wenn es auch nur Millimeter sind», sagt Andy. Aufgeben gibt es für ihn nicht. «Nur üben, üben, üben».