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Schwierige Diagnose Sepsis – mehr als eine «Blutvergiftung»

In der Schweiz erkranken jährlich mehr als 20'000 Personen an einer Sepsis – eine überschiessende Immunreaktion auf eine Infektion. Für 4000 Patienten endet dies sogar tödlich. Die Spitäler arbeiten daran, Sepsis rascher zu erkennen und die Behandlung zu verbessern. Auch Kinder sind betroffen.

Es begann harmlos. Das drei Monate alte Baby hatte erhöhte Temperatur, trank etwas weniger als üblich und schniefte. Der Hausarzt stellt einen viralen Infekt fest. Am vierten Tag verändert sich dann etwas: Das Kind wird apathisch, die Eltern fahren zum Notfall.  

Der Verdacht

Dort äussert die Notfallärztin einen Verdacht auf Sepsis – eine lebensbedrohliche, überschiessende Reaktion des Körpers auf eine schwere Infektion. Bei einer Sepsis ist die Immunabwehr auf Keime – vor allem wenn diese in die Blutbahn gelangen – so heftig, dass lebenswichtige Organe versagen können.

Das Baby wird vom Notfall sofort auf die Intensivstation des Kinderspitals Zürich eingeliefert. Hier wird das Kind an die Beatmungsmaschine und andere Geräte angeschlossen, nebst Antibiotika bekommt es auch Medikamente, die den Kreislauf unterstützen.

Wenig bekannt und unterschätzt 

Vergangenen September ist der erste Schweizer Sepsis-Report erschienen, herausgegeben vom Bund.

Das Schweizer Sepsis-Programm

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2023 hat der Bund nach ausländischem Vorbild ein Sepsis-Programm lanciert. Geleitet wird das Programm gemeinsam vom Universitätsspital Lausanne CHUV, dem Inselspital Bern und dem Universitäts-Kinderspital Zürich.

Das Ziel ist, Sepsis im klinischen Alltag auf verschiedenen Ebenen besser anzugehen. Dabei geht es auch um Nachsorge, denn viele Überlebende einer Sepsis kämpfen anschliessend mit Spätfolgen, ähnlich wie bei Long Covid.

Der Sepsis-Report nennt verschiedene Massnahmen, um seine Ziele zu erreichen: Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der Fachpersonen, Schulung des Gesundheitspersonals sowie verbesserte Strukturen in den Spitälern, um Sepsis schneller zu erkennen und zu behandeln.

Der Bericht hält fest: In der Schweiz erkranken pro Jahr 500 bis 600 Kinder an einer Sepsis – das ist ein Bruchteil der Gesamtzahl von rund 20'000 Personen, die wegen einer Sepsis ins Spital eingeliefert werden. Eine von fünf Personen stirbt anschliessend daran.

Im Spital verstehen viele Patienten die Diagnose nicht, oder man erklärt sie ihnen nicht.
Autor: Luregn Schlapbach Leiter Intensivstation Kinderspital Zürich

«Das sind unglaublich hohe Zahlen», sagt Luregn Schlapbach, der am Kinderspital Zürich die Intensivstation leitet. Ein Teil des Problems sei, dass Sepsis wenig bekannt sei und stark unterschätzt werde. «Viele Betroffene haben noch nie davon gehört», sagt Schlapbach. «Und im Spital verstehen viele Patienten die Diagnose nicht, oder man erklärt sie ihnen nicht.» 

Chronisch Kranke und Brandopfer besonders gefährdet 

Besonders anfällig auf Sepsis sind ältere Menschen, da viele von ihnen ein geschwächtes Immunsystem haben. Chronisch Kranke sind ebenfalls gefährdet. Und: Auch Brandopfer wie diejenigen von Crans-Montana haben ein grosses Sepsis-Risiko, und dies noch monatelang nach der Verbrennung. 

Doch Sepsis könne grundsätzlich jeden und jede treffen, in allen Altersstufen: «Es gibt leider immer wieder sehr dramatische, ja tragische Fälle von Kindern, Teenagern und jungen Erwachsenen, die innerhalb von Stunden aus dem Leben gerissen werden wegen einer Sepsis.» 

Eine Herausforderung in der klinischen Praxis sei es, Sepsis überhaupt zu erkennen, sagt Luregn Schlapbach. Denn die Symptome der Patienten seien häufig unspezifisch: Husten und Fieber etwa – das könne in den ersten Tagen ähnlich aussehen wie eine Grippe. 

Gesucht: ein Bluttest für Sepsis 

Die ärztliche Krux beschreibt Schlapbach wie folgt: «Wie unterscheiden wir einen Patienten, der einfach einen Infekt hat und damit ‘gut’ zurechtkommt, von einem Patienten, dessen Infektion eine überschiessende Immunantwort auslöst, die dann den Körper schädigt?» 

Forschungsprojekt: Sepsis-Diagnostik beschleunigen

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Der Zürcher Mikrobiologe Adrian Egli von der Universität Zürich forscht an einer Methode, um die Diagnose von Sepsis zu beschleunigen. 

Beim konventionellen Verfahren werden aus einer Blutprobe des Patienten Kulturen der krankmachenden Bakterien angelegt. Das dauert in der Regel 24 bis 48 Stunden – «viel zu lange, um herauszufinden, welche Bakterien an der Infektion beteiligt sind», sagt Egli.  Die Folge sei, dass prophylaktisch viel zu breit wirkende Antibiotika eingesetzt würden. 

Adrian Egli arbeitet an einem neuen Verfahren, das die für eine Sepsis verantwortlichen Keime viel schneller identifizieren soll: «Wir verwenden bei den angereicherten Bakterien eine ultraschnelle Technik, um ihr Erbgut aufzuschlüsseln.» Diese Information soll es ermöglichen, Sepsis-Betroffenen viel rascher als zuvor das richtige Antibiotikum zu geben. «Noch ist das Zukunftsmusik», sagt Egli. Erst müsse die Technik entwickelt und zur Reife gebracht werden. 

Das Zürcher Forschungsprojekt wird vom schweizerischen Nationalfonds gefördert.

Stand heute gibt es in der Medizin keine eindeutige Untersuchung, keinen Bluttest oder etwas Ähnliches, das Ärzten erlauben würde, eine eindeutige Diagnose zu stellen. Und wenn diese vorliegt, hat sich der Zustand der betroffenen Person oft dramatisch zugespitzt – oder es ist schon zu spät. 

Das Baby im Kinderspital jedoch hat Glück: Nach fünf Tagen ist die Sepsis unter Kontrolle. Als Ursache haben die Ärzte eine Lungenentzündung ausgemacht.

SRF Radio, Echo der Zeit, 19.01.2026, 18:00 Uhr

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