Es begann harmlos. Das drei Monate alte Baby hatte erhöhte Temperatur, trank etwas weniger als üblich und schniefte. Der Hausarzt stellt einen viralen Infekt fest. Am vierten Tag verändert sich dann etwas: Das Kind wird apathisch, die Eltern fahren zum Notfall.
Der Verdacht
Dort äussert die Notfallärztin einen Verdacht auf Sepsis – eine lebensbedrohliche, überschiessende Reaktion des Körpers auf eine schwere Infektion. Bei einer Sepsis ist die Immunabwehr auf Keime – vor allem wenn diese in die Blutbahn gelangen – so heftig, dass lebenswichtige Organe versagen können.
Das Baby wird vom Notfall sofort auf die Intensivstation des Kinderspitals Zürich eingeliefert. Hier wird das Kind an die Beatmungsmaschine und andere Geräte angeschlossen, nebst Antibiotika bekommt es auch Medikamente, die den Kreislauf unterstützen.
Wenig bekannt und unterschätzt
Vergangenen September ist der erste Schweizer Sepsis-Report erschienen, herausgegeben vom Bund.
Der Bericht hält fest: In der Schweiz erkranken pro Jahr 500 bis 600 Kinder an einer Sepsis – das ist ein Bruchteil der Gesamtzahl von rund 20'000 Personen, die wegen einer Sepsis ins Spital eingeliefert werden. Eine von fünf Personen stirbt anschliessend daran.
Im Spital verstehen viele Patienten die Diagnose nicht, oder man erklärt sie ihnen nicht.
«Das sind unglaublich hohe Zahlen», sagt Luregn Schlapbach, der am Kinderspital Zürich die Intensivstation leitet. Ein Teil des Problems sei, dass Sepsis wenig bekannt sei und stark unterschätzt werde. «Viele Betroffene haben noch nie davon gehört», sagt Schlapbach. «Und im Spital verstehen viele Patienten die Diagnose nicht, oder man erklärt sie ihnen nicht.»
Chronisch Kranke und Brandopfer besonders gefährdet
Besonders anfällig auf Sepsis sind ältere Menschen, da viele von ihnen ein geschwächtes Immunsystem haben. Chronisch Kranke sind ebenfalls gefährdet. Und: Auch Brandopfer wie diejenigen von Crans-Montana haben ein grosses Sepsis-Risiko, und dies noch monatelang nach der Verbrennung.
Doch Sepsis könne grundsätzlich jeden und jede treffen, in allen Altersstufen: «Es gibt leider immer wieder sehr dramatische, ja tragische Fälle von Kindern, Teenagern und jungen Erwachsenen, die innerhalb von Stunden aus dem Leben gerissen werden wegen einer Sepsis.»
Eine Herausforderung in der klinischen Praxis sei es, Sepsis überhaupt zu erkennen, sagt Luregn Schlapbach. Denn die Symptome der Patienten seien häufig unspezifisch: Husten und Fieber etwa – das könne in den ersten Tagen ähnlich aussehen wie eine Grippe.
Gesucht: ein Bluttest für Sepsis
Die ärztliche Krux beschreibt Schlapbach wie folgt: «Wie unterscheiden wir einen Patienten, der einfach einen Infekt hat und damit ‘gut’ zurechtkommt, von einem Patienten, dessen Infektion eine überschiessende Immunantwort auslöst, die dann den Körper schädigt?»
Stand heute gibt es in der Medizin keine eindeutige Untersuchung, keinen Bluttest oder etwas Ähnliches, das Ärzten erlauben würde, eine eindeutige Diagnose zu stellen. Und wenn diese vorliegt, hat sich der Zustand der betroffenen Person oft dramatisch zugespitzt – oder es ist schon zu spät.
Das Baby im Kinderspital jedoch hat Glück: Nach fünf Tagen ist die Sepsis unter Kontrolle. Als Ursache haben die Ärzte eine Lungenentzündung ausgemacht.