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Ton im Ohr – Lästiger Tinnitus
Aus Puls vom 07.12.2020.
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Tinnitus Lärm im Kopf, der kaum je wieder verstummt

Betroffene müssen mit ihrem Tinnitus leben lernen. Nur wenige können etwas dagegen unternehmen.

Plötzlich war er da, der Ton im Ohr. Unerwartet und ohne erkennbaren Grund. Petra Brodwolf litt gerade an einem Migräneanfall: «Als die Migräne nach zwei, drei Stunden vorüber war, erwachte ich und sagte zu meinem Mann, dass etwas mit unserem Kühlschrank nicht stimmt. Dieser brumme so wahnsinnig.» Doch dieser erwiderte: «Nö.»

Auch Jürg Blöchlinger kann sich gut daran erinnern, als das Geräusch, das ihn seither begleitet, erstmals auftauchte: «Ich wachte mitten in der Nacht auf und hörte einen lauten Ton, den meine Frau nicht gehört hat. Es brauchte eine Weile, bis am nächsten Morgen, bis ich gemerkt habe, dass dieser Ton in mir drin ist. In meinem Kopf. Bis dahin hatte ich noch nie etwas von Tinnitus gehört.»

Pfeifen, Zischen, Knistern

An Tinnitus leiden schätzungsweise rund eine Million Menschen in der Schweiz. Bei 85'000 davon ist das Ohrgeräusch so lästig, dass sie darunter leiden. Das innere Knistern, Zischen, Rauschen, Pfeifen oder Pulsieren kann so laut sein, dass es teilweise sogar als schmerzhaft wahrgenommen wird.

Die Hauptursache für die Entstehung von so einem Ohrgeräusch sei ein Hörverlust, weiss Nicole Peter, Hals-Nasen-Ohren-Spezialistin und Oberärztin am Universitätsspital Zürich: «So ein Hörverlust führt dazu, dass es im Gehirn zu einer Überaktivität kommt.»

Die genaue Ursache für den Tinnitus wurde bei Jürg Blöchlinger und Petra Brodwolf bis heute nicht gefunden. Das Fazit ihrer Hals-Nasen-Ohren-Ärzte: Man kann nichts dagegen tun, ausser damit leben lernen. So wie ihnen geht es vielen Betroffenen.

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Hals-Nasen-Ohren-Ärztin Nicole Peter: «Die Hauptursache für die Entstehung von einem Ohrgeräusch ist ein Hörverlust.»
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Dank Youtube Spezialform erkannt

Als behandelbar gilt bisher nur eine Spezialform von Tinnitus: Der sogenannte somatosensorische Tinnitus. Pasquale Barbarito ist davon betroffen. Seine Leidensgeschichte begann vor einem Jahr mit Schwindelanfällen. Abklärungen im Spital ergaben nichts.

Definition somatosensorischer Tinnitus

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Somatosensorischer Tinnitus ist eine Sonderform des Tinnitus. Die Ursache dafür sind Funktionsstörungen an der Halswirbelsäule, an den Kiefergelenken oder anderen Stellen des Kopf-Hals-Bereichs. Sie können Tinnitus auslösen oder einen bestehenden Tinnitus verstärken.

Speziell an dieser Sonderform: Der Tinnitus ändert sich in Lautstärke und Frequenz, wenn man den verspannten oder betroffenen Bereich bewegt. Bei manchen verändert sich der Ton etwa, wenn sie auf die Zähne beissen, bei anderen, wenn sie ihren Nackenbereich oder zum Beispiel die Zunge bewegen.

Das gute daran: Diese Form von Tinnitus lässt sich mit Physiotherapie und anderen manuellen Therapien behandeln und reduzieren.

Dann kam plötzlich noch ein Tinnitus dazu. «Ich hatte eine kleine Entzündung unter der Zunge», sagt Pasquale Barbarito. «Und wenn ich meine Zunge bewegt habe, gab es ein Signal im Ohr.» Er vermutete einen Zusammenhang.

Doch: «Zwei Wochen später war die Entzündung weg und der Tinnitus ist geblieben.» Ein zweiter dreitägiger Spitalaufenthalt blieb erneut ohne Resultat. Der 30-Jährige informierte sich im Internet über seinen Tinnitus, den Schwindel und die Panikattacken.

Einen somatosensorischen Tinnitus erkennen

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Folgende typische Anzeichen können einen Hinweis auf einen somatosensorischen Tinnitus sein:

  • Der Tinnitus liegt auf einer Seite.
  • Der Tinnitus verändert sich, wenn man etwa den Hals bewegt.
  • Der Tinnitus verändert sich, wenn man fest auf die Zähne beisst.
  • Der Tinnitus verändert sich, wenn man sich im Nacken massiert.

Auf Youtube fand er schliesslich ein paar Übungen, die halfen – Übungen zur Entspannung des Nackens. Sein Hals-Nasen-Ohren-Arzt schickte ihn zur Physiotherapeutin. Diese stellte eine Funktionsstörung der Halswirbelsäule fest. Nach links fehlen ihm fünf bis zehn Grad der Kopfbewegung – dieselbe Seite, auf der sich auch der Tinnitus befindet. Eine falsche Körperhaltung am Arbeitsplatz oder beim Krafttraining könnten schuld an seinen Verspannungen sein.

Mit gezielten Druckimpulsen an den verspannten Stellen will die Physiotherapeutin Sonja Oberle den Tinnitus mindern. «Vor allem in diesem Bereich gibt es einen Nerv, der sowohl die Muskulatur im Innenohr wie auch die Kiefermuskulatur anregt. Wenn ich darauf drücke, hat dies auch zwangsläufig einen Einfluss auf den Nerv im Innenohr.» Mithilfe der Physiotherapieübungen ist Pasquale Barbaritos Tinnitus in den letzten Monaten fast verschwunden.

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Physiotherapeutin Sonja Oberle kann mit gezieltem Druck den Tinnitus lindern
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Damit leben lernen

Physiotherapie kann nicht jeden Tinnitus positiv beeinflussen. Eine allgemeingültige Therapie gibt es bis heute nicht. Wer zum Tinnitus noch eine Hörverminderung hat, kann es mit einem Hörgerät versuchen.

Kommen im Hirn wieder mehr Geräuschsignale an, kann dies einen positiven Einfluss auf den Tinnitus haben und ihn leiser werden lassen. Viele Tinnitus-Geplagte, wie Jürg Blöchlinger und Petra Brodwolf, müssen aber damit leben lernen.

Die beiden besuchen die gleiche Selbsthilfegruppe. Der Austausch von Erfahrungen mit anderen Betroffenen ist für sie zentral. Gemeinsam suchen sie nach Methoden, die helfen den Tinnitus zu lindern. Entspannungsübungen und Stressabbau stehen dabei im Vordergrund. Denn Stress, sagen sie, verstärkt das Pfeifen und Brummen. Entspannung hingegen, wirke positiv.

Entspannen und ausblenden

Dies hat Petra Prodwolf auch in den letzten Ferien gemerkt: «Während diesen zwei Wochen und drei Wochen danach, war es wirklich ruhig. Nicht ganz ruhig, aber viel besser. Es gibt also Vorgänge, die zu einer Verbesserung führen.» Ein Buch mit speziellen Atemtechniken gibt Petra Brodwolf im Moment neue Ideen.

Etwas, was bei vielen Betroffenen auch funktioniert: Den Tinnitus-Ton mit anderen Tönen überdecken. «Bei mir ist es ganz wichtig, mich auf andere Geräusche zu konzentrieren», sagt Jürg Blöchlinger.

«Wenn ich im Tram fahre, konzentriere ich mich nur auf die Räder, nur auf die Bremsen oder nur auf die Menschen, die im nächsten Abteil sprechen.» So verdrängt er andere Geräusche und hört auch seinen Tinnitus nicht mehr. Dies habe aber monatelanges Training gebraucht.

Mittlerweile hat Jürg Blöchlinger sich mit seinem Brummen im Ohr abgefunden. «Ich habe akzeptiert, dass ich diesen Tinnitus bis an mein Lebensende haben werde.»

Puls, 07.12.2020, 21:05 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Severin Ganz  (Sevv)
    Als jemand der sich sehr viel mit der aktuellen Forschung zu Behandlungsmöglichkeiten auseinandergesetzt hat, wage ich zu sagen, dass Tinnitus in den kommenden fünf bis zehn Jahren zumindest teilweise behandelbar werden dürfte. Die vielversprechendsten Ansätze umfassen Gehörregeneration (FX-322; OTO-413), bimodale Stimulation (University of Michigan; Neuromod), Kaliumkanalmodulatoren (u.a. Prof. Thanos Tzounopoulos) und tiefe Hirnstimulation (funktioniert, für die meisten Fälle aber zu invasiv).
  • Kommentar von Hans Fürer  (Hans F.)
    Dass der Ursprung von Tinnitus unbekannt sein soll, ist mir neu. In meinem Fall trat er vor 20 Jahren zweifellos nach unvorsichtigem Bohren in einer Steinwand und gleichzeitiger leichter Mittelohrentzündung auf. Zum Glück nicht schmerzhaft und eigentlich nur dann, wenn ich mich darauf konzentriere. Möglichst nicht daran denken und sich auf anderes zu konzentrieren (nicht nur auf andere Geräusche) könnte daher für relativ leichte Fälle eine gute Lösung sein.
  • Kommentar von Andrea Esslinger  (weiterdenken)
    Bei meinem Tinitus war der Auslöser wohl eine Vollnarkose. Danach hat es über zwei Jahre lang gepfiffen. Tests ergaben die Frequenz, tun konnte man wenig. Da der Ton im Hirn produziert wird, kann man ihn nur im Hirn ignorieren. Irgendwann hab ich ihn vergessen.
    Manchmal kommt er wieder. Plötzlich auf einem oder beiden Ohren, wie ein alter Freund. Dann begrüss ich ihn, lausch ich ihm ein bisschen und vergess ihn wieder.
    1. Antwort von Steffen Flumm  (steflu)
      Auch ich habe so einen „Freund im Ohr“.
      Auslöser war beruflicher Stress, das setzen unrealistischer geschäftlicher Ziele und plötzlich war es da...ein lautes Rauschen und Pfeifen mit hoher Frequenz.
      Geholfen hat letztendlich die Tinnitus- Sprechstunde im KSA Aarau und eine kpl. Verhaltensänderung. Jobwechsel, Abstand von immer „höher und weiter“ und ganz wichtig, Akzeptanz.
      Auch ich werde meinen Freund bis an mein Lebensende behalten. Gut ist, er zeigt mir, wenn es wieder mal zu viel ist.