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Forscher hält Eisbohrkern in der Arktis, Sonnenlicht im Hintergrund.
Legende: Ice Memory Foundation

Einzigartiges Klimaarchiv Schweizer Gletschereis reist in die Antarktis

Bevor sie wegschmelzen, sollen Gletscherproben gesichert und in die Antarktis gebracht werden. Nun hat eine Probe vom Grand Combin ihr Ziel erreicht. Startschuss für ein globales Klimaarchiv.

In der Antarktis entsteht derzeit ein Klimaarchiv für die Wissenschaft: Bohrkerne aus 20 Gletschern weltweit sollen darin gelagert werden. Eine Initiative der Ice Memory Foundation mit dem Ziel, diese Gletscherproben dauerhaft zu bewahren. Nun sind die ersten beiden Proben in der Antarktis angekommen. Eine davon stammt aus der Schweiz und hat eine ganz besondere Geschichte hinter sich.

Forschungsstation in verschneiter Antarktislandschaft.
Legende: In der zentralen Antarktis bei der italienisch-französischen Forschungsstation Concordia sollen die 20 angestrebten Eisbohrkerne gelagert werden. Gaetano Massimo Macri

Gletscher sind eine Art Zeitkapsel. Jahr für Jahr lagern sich Gase, Aerosole, Schadstoffe und Staub in ihnen ein – Signaturen, die Auskunft über Klimabedingungen und Atmosphärenzusammensetzungen der Vergangenheit geben. Mit der fortschreitenden Gletscherschmelze drohen diese Signaturen jedoch verloren zu gehen. Um dem entgegenzuwirken, sichern Forschungsteams jetzt Gletscherproben und bringen sie ins Klimaarchiv in der Antarktis.

Verschneiter Berggipfel bei Sonnenuntergang mit rosa Wolken.
Legende: Der Corbassièregletscher liegt auf der Nordseite des Grand Combin in den südwestlichen Walliser Alpen. Adobe Stock

Seit 2016 finden Bohrungen fürs Klimaarchiv statt – etwa am Illimani in den bolivianischen Anden oder am Elbrus im Kaukasus. Aus den Alpen sollen neben Proben vom Col du Dôme am Mont Blanc und Col del Lys in Italien auch zwei Gletscherproben aus der Schweiz her: eine vom Colle Gnifetti, die andere vom Corbassièregletscher am Grand Combin. Letztere hat Forscherinnen und Forschern besonders harte Arbeit abverlangt.

Verschneiter Berggipfel in den Alpen.
Legende: Rechts oben im Bild ist das Bohrcamp des PSI-Forschungsteams zu sehen. CNR, Ca’ Foscari University/Riccardo Selvatico

Bereits im Jahr 2020 wollte ein Forschungsteam des Paul Scherrer Instituts (PSI) um Margit Schikowski Eisbohrkerne vom Grand Combin gewinnen. Doch schon am Berg stiess das Team auf Schwierigkeiten. Später zeigte die Analyse des Eisbohrkerns, dass die Erderwärmung seine Signatur bereits weitgehend zerstört hat. Dieser Teil des Klimaarchivs galt damit zunächst als verloren.

Person in blauer Jacke hält langen Eisblock.
Legende: Die mittlerweile emeritierte Margit Schikowski mit einem Eisbohrkern vom Grand Combin. Scanderbeg Sauer Photography

Fünf Jahre nach dem gescheiterten Versuch gelang einem italienischen Forschungsteam dann doch noch eine erfolgreiche Bohrung am Grand Combin. Dank eines neuen elektrothermischen Kernbohrers verschaffte sich das Team Zugang zu tieferem, besser erhaltenem Eis. Es sicherte zwei Eisbohrkerne mit einer Länge von je knapp 100 Metern.

Forscher analysieren Eisproben in einem Zelt.
Legende: 15 Tage lang arbeitete das italienische Forschungsteam ununterbrochen in 4100 Metern Höhe. Unter widrigen Wetterbedingungen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern, häufigen Schneefällen und gefühlten Temperaturen von bis zu minus 35 Grad Celsius. Ice Memory Foundation

Gestückelt in ein Meter lange Stangen machte sich Mitte Oktober 2025 ein Eisbohrkern vom Grand Combin auf den Weg in die Antarktis. Gemeinsam mit einem Kern vom Mont Blanc reiste er zunächst an Bord des Forschungsschiffs Laura Bassi.

Rotes Forschungsschiff im Meer mit Eisbergen.
Legende: Das italienische Forschungsschiff Laura Bassi auf dem Weg von Triest in die Antarktis. Ice Memory Foundation

Stets bei konstanten minus 20 Grad Celsius gelagert überquerten die Eisbohrkerne das Mittelmeer, den Atlantik und den Pazifik. Bevor sie den Südlichen Ozean und das Rossmeer erreichten.

Menschen in roten Anzügen steigen in ein Flugzeug auf verschneiter Landschaft.
Legende: Am 7. Dezember sind die Eisbohrkerne bei der Mario Zucchelli Station angekommen und wurden ins Sonderflugzeug umgeladen. Ice Memory Foundation

Nach mehr als 50 Tagen kamen die Kerne bei der Mario-Zucchelli-Station in der Antarktis an. Von dort wurden sie mit einem Sonderflug – in einer ungeheizten Frachtkabine – über das Innere der Antarktis transportiert.

Flugzeug landet auf verschneiter Landebahn in Antarktis.
Legende: Das Sonderflugzeug landet bei der Concordia-Station. Mit an Bord die beiden Eisbohrkerne vom Grand Combin und vom Mont Blanc. Riccardo Scippinotti

Anfang Dezember erreichten die Eisbohrkerne schliesslich ihr Ziel: die französisch-italienische Concordia-Station. Seither lagern die Kerne bei konstanten minus 50 Grad Celsius in einer 35 Meter langen Höhle. Umgeben von kompakten Schneeschichten.

Schneeweg mit Wand und Gebäudeeingang.
Legende: Der Eingang zum Klimaarchiv liegt etwa fünf Meter unter der Oberfläche. Gaetano Massimo Macri

Mit der Einlagerung der beiden Eisbohrkerne wurde das Klimaarchiv am 14. Januar 2026 offiziell eingeweiht. In den kommenden Jahren sollen weitere Kerne folgen. Hier sollen sie über Jahrhunderte hinweg bewahrt werden – und Forscherinnen und Forschern künftiger Generationen zur Verfügung stehen. Denn mit dem Fortschritt der Analysemethoden könnten den Gletscherproben eines Tages womöglich Informationen entlockt werden, die uns mit heutigen Methoden noch unzugänglich sind.

Menschen stehen in einem schneebedeckten Lager mit weissen Kisten.
Legende: Die Gletscherproben vom Grand Combin und vom Mont Blanc lagern bereits im Klimaarchiv. Bald sollen weitere Proben hinzukommen. Gaetano Massimo Macri

Nano, 22.1.2026, 06:05 Uhr

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