In der Antarktis entsteht derzeit ein Klimaarchiv für die Wissenschaft: Bohrkerne aus 20 Gletschern weltweit sollen darin gelagert werden. Eine Initiative der Ice Memory Foundation mit dem Ziel, diese Gletscherproben dauerhaft zu bewahren. Nun sind die ersten beiden Proben in der Antarktis angekommen. Eine davon stammt aus der Schweiz und hat eine ganz besondere Geschichte hinter sich.
Gletscher sind eine Art Zeitkapsel. Jahr für Jahr lagern sich Gase, Aerosole, Schadstoffe und Staub in ihnen ein – Signaturen, die Auskunft über Klimabedingungen und Atmosphärenzusammensetzungen der Vergangenheit geben. Mit der fortschreitenden Gletscherschmelze drohen diese Signaturen jedoch verloren zu gehen. Um dem entgegenzuwirken, sichern Forschungsteams jetzt Gletscherproben und bringen sie ins Klimaarchiv in der Antarktis.
Seit 2016 finden Bohrungen fürs Klimaarchiv statt – etwa am Illimani in den bolivianischen Anden oder am Elbrus im Kaukasus. Aus den Alpen sollen neben Proben vom Col du Dôme am Mont Blanc und Col del Lys in Italien auch zwei Gletscherproben aus der Schweiz her: eine vom Colle Gnifetti, die andere vom Corbassièregletscher am Grand Combin. Letztere hat Forscherinnen und Forschern besonders harte Arbeit abverlangt.
Bereits im Jahr 2020 wollte ein Forschungsteam des Paul Scherrer Instituts (PSI) um Margit Schikowski Eisbohrkerne vom Grand Combin gewinnen. Doch schon am Berg stiess das Team auf Schwierigkeiten. Später zeigte die Analyse des Eisbohrkerns, dass die Erderwärmung seine Signatur bereits weitgehend zerstört hat. Dieser Teil des Klimaarchivs galt damit zunächst als verloren.
Fünf Jahre nach dem gescheiterten Versuch gelang einem italienischen Forschungsteam dann doch noch eine erfolgreiche Bohrung am Grand Combin. Dank eines neuen elektrothermischen Kernbohrers verschaffte sich das Team Zugang zu tieferem, besser erhaltenem Eis. Es sicherte zwei Eisbohrkerne mit einer Länge von je knapp 100 Metern.
Gestückelt in ein Meter lange Stangen machte sich Mitte Oktober 2025 ein Eisbohrkern vom Grand Combin auf den Weg in die Antarktis. Gemeinsam mit einem Kern vom Mont Blanc reiste er zunächst an Bord des Forschungsschiffs Laura Bassi.
Stets bei konstanten minus 20 Grad Celsius gelagert überquerten die Eisbohrkerne das Mittelmeer, den Atlantik und den Pazifik. Bevor sie den Südlichen Ozean und das Rossmeer erreichten.
Nach mehr als 50 Tagen kamen die Kerne bei der Mario-Zucchelli-Station in der Antarktis an. Von dort wurden sie mit einem Sonderflug – in einer ungeheizten Frachtkabine – über das Innere der Antarktis transportiert.
Anfang Dezember erreichten die Eisbohrkerne schliesslich ihr Ziel: die französisch-italienische Concordia-Station. Seither lagern die Kerne bei konstanten minus 50 Grad Celsius in einer 35 Meter langen Höhle. Umgeben von kompakten Schneeschichten.
Mit der Einlagerung der beiden Eisbohrkerne wurde das Klimaarchiv am 14. Januar 2026 offiziell eingeweiht. In den kommenden Jahren sollen weitere Kerne folgen. Hier sollen sie über Jahrhunderte hinweg bewahrt werden – und Forscherinnen und Forschern künftiger Generationen zur Verfügung stehen. Denn mit dem Fortschritt der Analysemethoden könnten den Gletscherproben eines Tages womöglich Informationen entlockt werden, die uns mit heutigen Methoden noch unzugänglich sind.