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Klimamigration unter der Lupe Wenn das eigene Haus weggespült wird

Gemäss einer Weltbank-Studie werden bis im Jahr 2050 mehr als 200 Millionen Menschen wegen des Klimawandels migrieren müssen. Diese Zahl sei wohl zu hoch, sagen nun Klimaforscher.

Wie verhalten sich Menschen, deren Häuser weggerissen werden? Dazu gibt es immer mehr und immer detailliertere Studien. Jan Freihardt von der ETH Zürich etwa hat anhand von 1700 Familien in Bangladesch untersucht, wie sie sich verhalten, wenn die Ufer des Flusses Jamuna erodieren und ihre Häuser weggespült werden. Diese Flusserosion ist nur zum Teil auf den Klimawandel zurückzuführen.

Gefährliches Leben am Fluss

«Die meisten Leute wollen nicht weg, sie haben ihre Freunde im Dorf, vielleicht noch ein Stück Land und sie ziehen es fast immer vor, einen Kredit aufzunehmen, um ganz in der Nähe neu zu bauen, statt in die nächste Stadt zu ziehen», sagt Freihardt, der als Postdoktorand am Lehrstuhl für Internationale Umweltpolitik der ETH forscht. Das Bild eines «massiven Ansturms von Klimaflüchtlingen in Richtung Norden» wie es oft in den Medien kolportiert werde, habe sich nicht bestätigt, sagt Freihardt.

Etienne Piguet, Professor für Migrationsforschung an der Universität Neuenburg bestätigt Freihardts Befund: «Der grösste Teil der Klimamigration geschieht auf kurze Distanzen und über kürzere Zeiträume», sagt der Forscher, der vor allem in Westafrika Studien zum Thema gemacht hat. «In vielen Fällen fehlt den Leuten auch schlicht das Geld, um über weitere Strecken zu migrieren.»

Welche Gegenden am ehesten betroffen sind

Am stärksten betroffen von der Klimamigration werden die Länder im Süden sein, da stimmen verschiedene Studien zum Thema überein. In Afrika südlich der Sahara dürften am meisten Menschen betroffen sein, weil sie wenig finanzielle Mittel haben, um sich anzupassen und weil Dürren und Wüstenbildung zunehmend die Grundlagen für die Landwirtschaft in Frage stellen, sagt Jan Freihardt. Ein weiterer Hotspot ist Südasien wegen der hohen Bevölkerungszahl und der stark ansteigenden Hitze.

Klimaflucht auch in der Schweiz?

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Ob zum Beispiel auch die Bewohnerinnen und Bewohner von Blatten zu den Klimamigranten gezählt werden müssten, ist unklar.

Es war der Schmelzprozess des Birchgletschers, der auftauende Permafrost im kleinen Nesthorn sowie die abnehmende Schneebedeckung im Sommer, die den Fels weniger stabil gemacht hat. Ohne Klimawandel wäre der Bergsturz am kleinen Nesthorn nicht oder erst Jahrhunderte später geschehen, sagen die Glaziologen.

Aber gilt man auch als Klimamigrant, wenn man nach ein paar Jahren wieder in die alte Heimat zurückzieht? Und muss man genau an den gleichen Ort zurück?

Hier sind die Definitionen in der Wissenschaft und bei der Internationalen Organisation für Migration nicht klar. Klima- und Migrationsforscher verwenden deshalb immer häufiger den Begriff «Klimamobilität», um solch kleinräumige, erzwungene Umsiedlungen zu bezeichnen.

Obwohl also immer mehr detaillierte Studien zum Thema vorliegen, bleibt es schwierig, das Ausmass der Klimamigration zu beziffern. Die Zahlen in der Forschung gehen stark auseinander. Oft zitiert wird die Studie der Weltbank aus dem Jahr 2021, die mit 216 Millionen Menschen rechnet, die bis im Jahr 2050 wegen des Klimawandels ihre Häuser verlassen und innerhalb ihres Landes migrieren müssen. «Diese Zahl ist vermutlich aber zu hoch», sagt Jan Freihardt, «und zwar weil die Anpassungsfähigkeit des Menschen an den Klimawandel zu wenig berücksichtigt wurde».

Unsicherheit trotz guter Studien

Prognosen zum Ausmass der künftigen Klimamigration sind deshalb so schwierig, weil verschiedene Faktoren zusammenspielen, deren Entwicklung je unsicher sind: Wie stark entwickelt sich die Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten? Hält der Trend weiter an, dass immer mehr Menschen in die grossen Küstenstädte ziehen und sich damit – wegen des Meeresspiegelanstiegs – langfristig in eine Gefahrenzone begeben?

Und wie gut schafft es die Menschheit, sich anzupassen und auch bei grösserer Trockenheit und Hitze genügend Nahrungsmittel zu produzieren? Je nachdem welche Annahmen man in diesen Punkten trifft, geht die Zahl der betroffenen Menschen stärker oder weniger stark in die Höhe.

In einem Punkt aber sind sich alle Forschenden einig: Die Klimamigration wird stark zunehmen und deshalb macht es Sinn, konsequente Massnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen, damit möglichst wenige Menschen wegen des Klimawandels umziehen oder flüchten müssen.

Radio SRF 1, Echo der Zeit, 23.3.2026, 18:00 Uhr

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