Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Geschlecht und Führungskräfte Kommen Männer als launige Chefs leichter davon?

Von Chefs wird weniger emotionale Fürsorge erwartet. Und sie werden bei familiären Verpflichtungen stärker unterstützt.

Wie reagieren Sie, wenn Ihre Chefin gereizt ist? Und wie, wenn Ihr Chef in dieser Stimmung ist? Die Resultate einer neuen Studie zeigen: Ihre Reaktion wäre vermutlich unterschiedlich.

Erwartungen zur emotionalen Fürsorge

Die Erstautorin und Professorin Carys Chan erklärt, dass Mitarbeitende das Verhalten von Chefinnen und Chefs nicht gleich bewerten. «Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zeigten sich toleranter gegenüber männlichen Führungskräften, die weniger emotionale Unterstützung zeigten», so die Psychologin Chan. Dies bedeutet, so Chan, dass den Chefs vermutlich mehr Flexibilität eingeräumt wird, wenn sie ihre Mitarbeitenden nicht emotional unterstützen. Von Chefinnen wird eine solche emotionale Fürsorge hingegen wohl eher erwartet. Das jedenfalls zeigten die Einschätzungen der 190 Personen auf verschiedene Fallbespiele.

Mehr zu den Fallbeispielen

Box aufklappen Box zuklappen

190 Personen aus Peru, Israel und Australien erhielten Fallbeispiele in Spanisch, Hebräisch oder Englisch mit landestypischen Namen. Etwas mehr als die Hälfte, also 113 dieser 190 Personen, waren weiblich. Zufällig ausgewählt, erhielten die Teilnehmenden eine Geschichte mit einer Chefin oder einem Chef. Es ging dabei entweder um positive oder negative Interaktionen zwischen Führungspersonen und Mitarbeitenden.

Nach dem Lesen wurden den Umfrage-Teilnehmenden eine Frage gestellt: «Was glauben Sie, wie wird die Person auf die Situation reagieren und warum?» Die häufigsten Begründungen waren sogenannte indirekte Crossovers, also indirekte Wechselwirkungen von Emotionen und Erlebnissen zwischen Führungspersonen und Mitarbeitenden. Die Teilnehmenden erwähnten am häufigsten die drei folgenden indirekten Crossovers:

  1. Allgemeine Affekte und spezifische Emotionen: «Sie freut sich, dass ihr Einsatz gewürdigt wurde» oder «es trübt die allgemeine Stimmung in der Abteilung».
  2. Die Wahrnehmung der Unterstützung durch die Führungsperson: «Der Chef zeigte ein aktives Interesse an ihm, nicht nur hinsichtlich Arbeit, sondern auch in Relation zu seiner Familie und seinen Marathon-Vorbereitungen».
  3. Die Arbeitseinstellung hinsichtlich Motivation, Vertrauen, Zufriedenheit, Stress und Engagement: «Er wird dankbar sein für die Möglichkeit und motiviert zur Arbeit gehen» oder «sie ist unzufrieden mit ihrer Chefin».

In der Studie wurde auch untersucht, ob es Unterschiede zwischen Chefinnen und Mitarbeiterinnen im Vergleich zu Chefs und Mitarbeitern gibt. Das Ergebnis war, dass Mitarbeiterinnen etwas stärker eine emotionale und zwischenmenschliche Unterstützung durch Chefinnen schätzten. Mitarbeiter legten einen etwas grösseren Wert auf aufgabenorientierte Unterstützung und Zielabstimmung durch Chefs.

Ältere Frau im Anzug arbeitet am Laptop im Büro.
Legende: Von Chefinnen wird mehr emotionale Fürsorge erwartet als von Chefs. IMAGO / Westend61

Die Folgen für Chefs und Chefinnen

Nicht überraschend nahmen die Teilnehmenden der Umfrage an, dass Personen mit positiven Führungsqualitäten motiviertere und zufriedenere Mitarbeitende haben. Hingegen vermuten sie, dass negative emotionale Verhaltensweisen zu mehr Stress und höherer Kündigungsabsicht führt.

In dieser Studie haben die Teilnehmenden erfundene Szenarien gelesen und überlegt, wie die Person wohl reagieren wird. Das Forschungsteam betont, dass es wichtig ist zu untersuchen, wie sich Menschen in Alltagsituationen verhalten. Solche Studien zu ähnlichen Fragestellungen gibt es. Zum Beispiel zum Vaterbonus.

Vaterbonus bei Chefs

Chefs, die wegen familiären Verpflichtungen wie einem kranken Kind in der Kita gestresst sind, erhalten deutlich mehr Unterstützung vom Team als Chefinnen. Dieses Ergebnis hat die Professorin Jamie Gloor von der Universität St. Gallen zusammen mit anderen anfangs März publiziert.

Warum Teams den Chef eher unterstützten

Box aufklappen Box zuklappen

Die Professorin Jamie Gloor erklärt das wie folgt: «Ein Mann, der wegen einem ‹Work-Family-Konflikt› gestresst ist, weicht von den Erwartungen hinsichtlich der Beteiligung von Männern an Betreuungs- und Sorgeaufgaben ab. Derselbe Stress bei Frauen wird hingegen eher als ‹normal› angesehen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese Abweichung Mitarbeitende dazu motiviert, stärker helfen zu wollen – oft mehr, als sie es bei weiblichen Führungskräften tun würden.»

In dieser Analyse wurden Daten von über 1200 Personen aus drei Studien verwendet. Und zwar aus direkten Beobachtungen im Alltag oder aus Nacherzählungen realer Situationen.

Unterbrechungen und Redezeit

Dazu, wie oft Führungskräfte beim Reden unterbrochen werden, gibt es ebenfalls Studien aus dem Alltag. Zum Beispiel zu den Richterinnen und Richtern am Obersten Gerichtshof der USA. Richterinnen werden von ihren männlichen Kollegen sowie Anwälten überproportional oft unterbrochen. Zeitweise sind die Unterbrechungsraten bis zu dreimal so hoch als bei Männern.

Mehr Details zu Studien am Obersten Gerichtshof der USA

Box aufklappen Box zuklappen

In dieser Studie von 2017 wurde untersucht, wie oft sich die Richterinnen und Richter des Obersten Gerichtshof der USA bei Verhandlungen gegenseitig unterbrechen. Und auch das Unterbrechen durch Anwältinnen und Anwälte. Das Ergebnis war, dass Richterinnen von ihren männlichen Kollegen sowie von männlichen Anwälten unverhältnismässig oft unterbrochen werden. Richterinnen werden über das gesamte politische Spektrum und Dienstaltersspektrum hinweg durchweg häufiger unterbrochen.

In einer anderen Studie von 2025 wurde untersucht, wie oft Richterinnen und Richter bei der Anhörung und Bestätigung am Obersten Gerichtshof der USA unterbrochen wurden. Die Analyse zeigt, dass weisse Männer nicht-weisse Personen und weisse Frauen öfter unterbrechen als sie dies bei weissen Männern tun.

Auch zur Redezeit im Schweizer Parlament gibt es eine Auswertung vom Beobachter von 2019. Die Auswertung von 867 Stunden Redezeit ergab: Eine Ständerätin spricht durchschnittlich 19% weniger als ein Ständerat. Ein ähnliches Bild zeigte sich im Nationalrat.

Dazu kommt, dass die Redezeit je nach Geschlecht anders wahrgenommen wird. Das wurde bereits vor 35 Jahren aufgezeigt: Sprechen Frauen und Männer gleich lang, ist die Wahrnehmung der Zuhörenden, dass die Frauen länger geredet hätten.

Radio SRF 4 News, 10.04.2026, 16:00 Uhr

Meistgelesene Artikel