«Kathrin, kennst du mich nicht mehr?»
Ich stehe an einer Kaffeebar in Zürich und starre die Frau vor mir an. Mein Kopf ist leer. Komplett.
«Ich bin Ayse. Wir waren zusammen in der Primarschule.»
Erst jetzt passiert es: dieses kleine innere «Klick». Dreissig Jahre liegen zwischen dem Mädchen von damals und der Frau vor mir. Ohne ihren Hinweis hätte ich sie nicht erkannt. Die Freude ist riesig.
Super-Recognizer haben eine spezielle Fähigkeit
Das Erkennen von Gesichtern zählt ab der ersten Minute. Studien zeigen, dass ein Baby schon kurz nach der Geburt das Gesicht von der Mutter von anderen Gesichtern unterscheiden kann.
Als Erwachsene können wir im Schnitt rund 5’000 Gesichter wiedererkennen, manche sogar etwa 10’000. Und dann gibt es die sogenannten Super-Recognizer: Menschen, die Gesichter speziell gut wiedererkennen können – selbst wenn Bilder verschwommen sind, Menschen gealtert oder teilweise verdeckt sind.
Im Einsatz bei der Polizei
In mehreren europäischen Ländern werden sie mittlerweile gezielt für die Polizeiarbeit rekrutiert – zur Aufklärung von Kriminalfällen oder auch zur Hilfe für die Vermisstensuche.
Ich habe schon ganz früh gewusst, dass ich Leute wiedererkenne, auch wenn ich sie nur kurz gesehen habe.
So wie Super-Recognizer und Polizist Peter, den ich für die Dreharbeiten treffe: «Ich habe schon ganz früh gewusst, dass ich Leute wiedererkenne, auch wenn ich sie nur kurz gesehen habe. Für mich war das nicht speziell. Nach dem Testverfahren wusste ich dann mehr.»
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten: Super-Recognizer haben in Hirnregionen für Gesichtserkennung eine stärkere und effizientere Aktivität, wodurch ihr Gehirn Gesichter detaillierter verarbeitet als bei durchschnittlichen Menschen.
Ich will wissen: habe ich das Zeug zur Super-Recognizerin?
Nur etwa ein bis zwei Prozent der Menschen erreichen bei wissenschaftlichen Tests Werte, die auf eine Super-Recognizer-Begabung hindeuten. Ich möchte wissen, ob ich dazu gehöre und mache einen mehrstündigen Test bei der Neuropsychologin Meike Ramon, die solche Verfahren entwickelt hat. Bereits nach 30 Sekunden bin ich überzeugt, das wird nichts – der Test bringt mich richtig ins Schwitzen. Dann das überraschende Ergebnis: Ich war überdurchschnittlich gut. Neuropsychologin Ramon bremst trotzdem: Um wirklich sicher zu sein, bräuchte es weitere Tests.
Praxistest: Steckt doch etwas Super-Recognizer in mir?
Es folgt der Praxistest am Bahnhof St. Gallen. Mitten im Pendlerstrom soll ich eine Person finden, einzig anhand eines Fotos aus ihrer Kindheit. Begleitet werde ich von Peter, Polizist und Super-Recognizer.
Er fängt an: sucht konzentriert, zögert, verpasst seine Testperson mehrmals. Die Kameras, meine Fragen – Ablenkung gibt es genug. Dann bin ich dran. Ich erkenne meine Zielperson nach fünf Minuten. Und zwar nicht wegen eines Details wie Nase oder Kinn. Es ist eher ein Gefühl. Ein kurzer Moment, in dem alles zusammenpasst und ich bin mir sicher «Das ist sie».
Ist das nun Zufall oder Können? Ich weiss es nicht. Vielleicht steckt also doch etwas Super-Recognizer in mir. Aber beim nächsten Kafi erkenne ich meine Schulgspändli hoffentlich wieder – nun gibt’s jedenfalls keine Ausreden mehr.