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Weniger Frust mit der Lust
Aus Puls vom 14.02.2022.
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Glücklich ohne Sex Asexualität: Wie es ist, wenn das Knistern keine Rolle spielt

Kein sexuelles Knistern, keine romantischen Gefühle: Was viele als Glück definieren, ist für asexuelle und aromantische Menschen unwichtig.

«Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals sexuell zu jemanden hingezogen gefühlt zu haben.» Annina Anderhalden hat mit ihren 24 Jahren einige wenige sexuelle Erfahrungen hinter sich. Sie war mit einer lesbischen Frau zusammen. Später zwei Jahre mit einem Mann.

Weil sie bei beiden eine ähnliche Anziehung spürte, glaubte sie, sie sei bisexuell. Bis sie merkte, dass diese Anziehung weder beim Mann noch bei der Frau sexueller Natur war.

Asexualität: Das Wichtigste in Kürze

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Die Begriffe Asexualität und Aromantik sind den meisten Personen nicht sonderlich geläufig. Üblicherweise wird bei der sexuellen Orientierung lediglich thematisiert, welches Geschlecht die Person der Begierde hat. Etwa mit Begriffen wie Homo-, Hetero- oder Bisexualität. Bei der Asexualität und Aromantik geht es aber mehr darum, ob überhaupt eine sexuelle oder romantische Anziehungskraft vorhanden ist.

  • Asexualität: Als asexuell bezeichnen sich Personen, die keine sexuelle Anziehung spüren und kein Interesse an sexuellen Partnern haben.
  • Aromantik: Aromantische Personen spüren keine romantische Anziehung. Sie verlieben sich nicht und haben kein Bedürfnis nach einer romantischen Beziehung.

Die beiden Begriffe sind miteinander kombinierbar. Als Beispiel: Ein asexueller Mann, der an einer romantischen Beziehung mit einem anderen Mann interessiert ist, nennt sich demnach: asexuell homoromantisch.

Hinzu kommen auch Mischformen: Es existiert nicht nur sexuell und asexuell. Manche Personen empfinden eine sexuelle Anziehung nur sehr selten oder nur unter bestimmten Bedingungen. Wieder andere fühlen zwar sexuelle Anziehungskraft, machen aber nichts weiteres draus.

Quelle: asexuell.ch

Verzicht auf Sex als Neujahrsvorsatz

Pia Troxler war 40, als sie als Neujahrsvorsatz beschloss, definitiv auf Sex zu verzichten. Mit sexuellen Beziehungen hatte sie es über Jahre hinweg immer wieder versucht. Weil alle darüber redeten und ein Sexualleben hatten – nicht aus wirklichem Interesse.

An Gelegenheiten fehlte es nicht. Auch nicht an intensiven Erlebnissen: «Einen Orgasmus zu haben, finde ich sehr schön. Auch die Intensität und die Heftigkeit», sagt Pia Troxler.

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«Einen Orgasmus zu erleben ist sehr schön, dafür brauche ich aber keinen Sex»
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«Diese Heftigkeit kann ich aber auch durch anderes erzeugen. Ich muss das nicht körperlich erleben. Etwa mit Büchern, mit Schreiben, mit Gedanken.»

Tiefe emotionale Beziehungen hat die Autorin keine. Und obwohl ihr das manchmal ein wenig fehlt, ist sie grundsätzlich mehr als zufrieden mit ihrem Entschluss, sexlos zu leben.

Mehr Frauen als Männer

Damit ist sie nicht allein. Wie Annina Anderhalden hat auch Pia Troxler 2021 den Chat von asexuell.ch und damit eine Art neue Heimat entdeckt. Hier finden asexuelle und aromantische Menschen Gleichgesinnte.

«Etwas über 100 Menschen tauschen sich zurzeit in den Chats aus», sagt die Initiantin und designierte Präsidentin des ersten Vereins von Asexuellen in der Schweiz, Jana N*.

Zahlen und Fakten über die Bewegung der Asexuellen sind rar. Die aktuellsten Studien stammen aus dem Jahr 2008. Danach bezeichnet sich etwa ein Prozent der Bevölkerung als asexuell.

Es sind deutlich mehr Frauen als Männer. In ihrer Schweizer Community liege der Anteil der Männer bei ungefähr 20 Prozent, sagt Jana N*. Auch etliche geschlechtsneutrale Menschen gehören dazu.

Unverständnis und Vorurteile

«Der Richtige wird schon noch kommen.» Sätze wie diese müsse sie sich oft anhören, sagt Annina Anderhalden. Doch die gut gemeinten Beschwichtigungen beziehen sich mehr auf ihr Single-Leben als auf ihr Desinteresse an Sex. Da man ohnehin nicht über Sex rede, sei das auch eher akzeptiert, sagt die 24-Jährige.

«Die anderen haben immer das Gefühl, mir würde etwas fehlen», sagt auch Pia Troxler. Es gehöre sich in vielen Kreisen einfach nicht, dass eine Frau allein lebe.

Eine Schublade als Erleichterung

Pia Troxler und Annina Anderhalden haben nicht nur die Asexualität und das Schreiben als grosse Leidenschaft gemein. Beide waren sehr erleichtert, als sie auf den Begriff «Asexualität» stiessen.

Obwohl beide eigentlich keine Freundinnen von Schubladisierungen sind, fühlten sie sich von Druck befreit, als sie merkten, dass sie nicht allein sind mit ihrer sexuellen Haltung. Jetzt haben sie eine «offizielle» Erklärung für ihr Anderssein.

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«Das Entdecken der Bezeichnung ‹Asexualität› hat bei mir eine innere Entspannung ausgelöst»
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«Durch die Bezeichnung Asexualität habe ich gemerkt, dass ich gar nicht muss», sagt Annina Anderhalden. «Ich muss niemandem gefallen ausser mir selbst.» Eigentlich müsse sie nur glücklich sein im Leben. «Und durch die Bezeichnung Asexualität kann ich das auch werden.»

Angeboren oder nicht?

Die Wissenschaft weiss noch nicht viel über die Asexualität. Auf jeden Fall aber wird sie ernst genommen und nicht als Störung oder Abnormität abgetan. «Eine angeborene Asexualität gibt es nicht, jeder hat eine festgelegte genetische Identität. Was sich im Laufe des Lebens aber ändern kann, ist die hormonelle Ausrichtung oder die sexuelle Orientierung», sagt Elke Krause, Leiterin des gynäkologischen Ambulatoriums am Inselspital.

«Es ist natürlich gut möglich, dass die Orientierung sich in Richtung der Asexualität entwickelt, und sich eine Person nicht dafür interessiert», so die Gynäkologin. «Wenn jemand kein Interesse an Sex hat, ist dies natürlich absolut in Ordnung. Man muss niemanden überzeugen.»

Gegen diese Aussage wiederum wehrt sich Jana N*. Ihrer Meinung nach ist die Asexualität etwas Angeborenes.

Offen in die Zukunft

Pia Troxler könnte sich eine exklusive emotionale Beziehung in Zukunft allenfalls vorstellen. Wenn, dann zu einer Frau. Einzige Bedingung: Es dürfte sie nicht vom Schreiben abhalten. Schreiben ist und bleibt das Wichtigste für sie.

Annina Anderhalden schliesst nicht aus, dass sich ihre heutige Orientierung als asexuelle und aromantische Person in Zukunft verändern kann: «Sexualität ist fluide, das kann sich immer wieder ändern.» Eine romantische Beziehung schliesst sie deshalb nicht aus. Im Moment aber fühlt sie sich sehr wohl mit der Bezeichnung asexuell.

*Name der Redaktion bekannt.

Puls, 14.02.2022, 21:05 Uhr

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Beni Berner  (Beni)
    mit der öffnung der gesellschaft in den letzten dekaden hatte ich die hoffnung, dass vieles einfach so zu etwas normalem wird. aber medial wäre dies zu langweilig. also wird alles, was nicht niet- und nagelfest ist, zu etwas speziellem, sprich anormalem, gemacht. für jedwelche leichte abweichung von der schrumpfenden "norm" gibt es eigene definitionen mit entsprechenden selbsthilfegruppen, therapieprogrammen und forschungsabteilungen. wo genau führt das noch hin?
  • Kommentar von Katrin Berger  (K.Berger)
    Und heut auf SRF: "Wege aus der Lustlosigkeit". Es wird auch überall so getan, als müsste man Interesse haben, sonst stimme was nicht oder etwas würde falsch laufen. Kein Wunder, dass man dann lieber weniger darüber spricht, dass es nichts Verwerfliches ist, wenn man diesen Drang nicht oder nicht mehr hat. Man wird überall erdrückt und erschlagen vom Thema und fühlt sich genötigt mitzumachen, um "norm/al" zu sein. Mir ist das auch zuviel überall, der mediale Hype ist ermüdend.
    1. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Wer sein Glück oder seine Zufriedenheit von der Anerkennung und Zustimmung Anderer abhängig macht, hat natürlich ein Problem. Meine Einstellung: Ich bin abnormal... lebt damit und geht mir nicht auf die nerven. Dafür versuche ich nicht, meine Probleme oder mein abnormes Verhalten als das neue Normal zu propagieren.
    2. Antwort von Marc Blaser  (PrCh)
      @Berger, dann wäre ein sinnvoller Vorschlag, die Zeit in der Medienwelt etwas runter zu schrauben. Ich finde oft lassen sich die Menschen auch "erdrücken". Jeder hat es hier selber in der Hand. Ich verzichte praktisch komplett auf die sozialen Medien. Nur noch für unternehmerische Zwecke. Auf die Aufnahme von vielen überflüssigen und unwichtigen Informationen auf diesen Plattformen am Feierabend kann ich verzichten.
      @Koller, gute Einstellung! :-)
    3. Antwort von Dietmar Logoz  (Universalamateur)
      Die Welt ist einfach schlecht organisiert: Manche haben Gelegenheit, aber keine Lust, bei anderen ist es genau umgekehrt, und dann gibt es solche die Lust haben, aber zur falschen oder unpassenden Zeit oder nicht mit der vereinbarten Person... Ob das im Metaverse besser wird? ;-)
    4. Antwort von Marianne Känzig  (Marianne Känzig)
      @Marc Blaser
      Geht doch nicht einfach um Medien/Social Media. Jedes Buch, jeder Film, einfach ALLES ist von Sexualität gezeichnet. Beziehungen und Sex. Ausser man liest ein wissenschaftliches Buch über mathematische Problemstellungen.
      Das kann man doch nicht einfach so weg schreiben.
      Das geht genau so an Sie @Michel Koller
  • Kommentar von Boris Minder  (Siluan)
    Was mir in diesem Beitrag unklar erscheint bzw., zu kurz kommt: Asexuell und aromantisch - bedeutet das, dass man auch kein Interesse an längerfristigen Beziehungen hat bzw. keine Gefühle der partnerschaftlichen (platonischen) Liebe und Verbundenheit empfinden kann?
    1. Antwort von Ellen Harris  (Quasar)
      Doch, Beziehungen werden in vielen Fällen "normal" geführt - ob mit jemandem der auch Ace oder Aro ist, oder mit Kompromissen. Ist halt speziell und wahrscheinlich noch schwerer "the one" zu finden.
      Darum sind solche Artikel wirklich wichtig. Asexuelle und aromantische Menschen leiden unter Stigmas oder werden insofern ignoriert als dass sie schon fast nicht existieren dürfen. Kein einfaches Thema.
      Aromantische empfinden Liebe... halt keine romantische sondern platonische :)