«Das ist mein Lieblingsbild.» Adrian Egli steht vor einer grossen Fotografie an der Wand in seinem Büro. «Es ist das Mikrobiom des Kusses meiner Ehefrau.»
Der Professor für medizinische Mikrobiologie an der Universität Zürich erforscht die Mikroorganismen, die den menschlichen Körper besiedeln. «Die Bakterien auf unseren Lippen sind auf diesen Lebensraum angepasst. So beherbergt jede Körperstelle andere Lebewesen.»
Ein Augenschein an drei Körperstellen
Grosse Teile in und auf unserem Körper werden von Mikroorganismen besiedelt. Das bekannteste menschliche Mikrobiom ist das des Dickdarms. «Der menschliche Darm ist vermutlich das dichtest besiedelte Ökosystem auf dem Planeten», schätzt Adrian Egli. «Auf ein Gramm Darminhalt kommen eine Billion Bakterien.» Das entspricht dem 125-fachen der aktuellen Weltbevölkerung.
Gemäss Adrian Egli ist man in der Forschung davon weggekommen, zwischen guten und schlechten Bakterien zu unterscheiden. «Es gibt nur falsche Orte für gewisse Bakterien. Zum Beispiel, wenn sie ins Gehirn gelangen und dort Entzündungen verursachen.»
Der Professor für medizinische Mikrobiologie ist der Auffassung: «Wir brauchen ein anderes Verhältnis zu Bakterien. Auf und in uns leben bis zu 30 Billionen Bakterien. Gemessen an der Anzahl Zellen sind wir sogar mehr Bakterium als Mensch».
Es ist nicht so, dass da ein schmutziger Biofilm auf mir klebt, wie in einem schlecht geputzten Kühlschrank
Was heisst diese Erkenntnis aus der medizinischen Mikrobiologie für den Menschen und sein Selbstverständnis?
Die Wildnis auf unserer Haut
«Das Mikrobiom macht mich euphorisch», sagt Andreas Weber. Der Biologe und Philosoph schreibt literarische Sachbücher über die ökologische Verschränkung von Mensch und Natur.
Für viele Menschen ist die Vorstellung, von Mikroorganismen besiedelt zu sein, abstossend. «Es ist ja nicht so, dass ein schmutziger Biofilm auf mir klebt, wie in einem schlecht geputzten Kühlschrank», hält Weber dagegen. «Sondern die Mikroben und ich, die bilden dieses Ich gemeinsam.»
Diese Biosphäre funktioniert zudem nicht hierarchisch, so der Autor. «Das ist ein egalitäres System, wie in einer Demokratie, das in der Vielfalt stabil ist.»
Das Ökosystem «Körper» ist bedroht
Doch die Vielfalt der Mikroorganismen nimmt seit einigen Jahrzehnten rasant ab. Wir leben in einer hygienischen, nahezu sterilen Umwelt. Hauptfaktoren: Antibiotika, Pestizide in der Landwirtschaft und industriell hergestellte Lebensmittel.
«Hygiene, das lernen wir früh in der Schule und zuletzt in der Pandemie, ist wichtig.» Sie hat aber auch eine Kehrseite: Die aktuelle Mikrobiom-Forschung sieht einen möglichen Zusammenhang von abnehmender Mikrobiom-Vielfalt und dem Anstieg von Krankheiten wie Asthma, Multipler Sklerose und Diabetes. Das sogenannte Sterilitätsdilemma.
Um die mikrobielle Vielfalt zu wahren, steht am Institut an der Universität Zürich ein Bakterien-Archiv. Adrian Egli öffnet die Tür eines Tiefkühlers, dampfend tritt die kalte Luft aus: «Hier liegen etwa Hunderttausenden lebende Bakterienproben von menschlichem Stuhl und fermentierten Lebensmitteln aus neun Ländern.» Vielleicht lagert in diesen Ampullen der Grundstoff für künftige Therapie-Formen.