Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Umstrittene Ernährungstipps Intuitiv essen: Alle Macht dem Bauchgefühl?

Essen, wann und was ich will: Verfechter des «intuitiven Essens» wie der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop plädieren für die totale Freiheit auf dem Teller. Klingt radikal köstlich – aber ist es auch gesund?

Ein bekanntes Bild: Politikerinnen und Politiker essen Bratwurst, um Zugehörigkeit zu zeigen. Denn was wir essen – und was nicht – verrät viel über uns. Kritik an der eigenen Ernährungsweise wird deshalb schnell persönlich. Das Dilemma: Die meisten wollen sich beim Essen nicht dreinreden lassen, sind aber gleichzeitig unsicher, ob sie sich überhaupt «gesund» ernähren.

Kampf dem Ernährungswahn

Wer heute «richtig» essen will, landet schnell im Dschungel der Ernährungstipps: Superfoods hier, Low Carb dort, dazu Keto oder Protein-Boosting. Lauter Trends, die zu wissen glauben, was Körper und Geist wirklich benötigen. Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop hat sich auf die Fahne geschrieben, dem Wahn rund um das Thema Essen den Kampf anzusagen.

Auch die Wissenschaft mit ihren Ernährungsstudien, so Knop, taugt nicht für eine Orientierung. Die meisten Untersuchungen beobachten nämlich nur, wer was isst, und zeigen Zusammenhänge, aber keine Ursachen. Der streitbare Ernährungswissenschaftler ist daher überzeugt: «Ob Intervallfasten, vegan oder was auch immer – keine Ernährungsform ist von der Studienlage her besser oder schlechter als die andere.»

Strittige Figur: Wer ist Uwe Knop?

Box aufklappen Box zuklappen
Mann mit Schnurrbart vor grüner Wand.
Legende: SRF

Uwe Knop ist ein umstrittener Ernährungswissenschaftler, Journalist und Referent. Er kritisiert die mangelhafte Evidenz vieler Ernährungsempfehlungen und betont, dass Beobachtungsstudien zu schwach seien, um gesunde Ernährung eindeutig zu definieren.

Gleichzeitig werfen Fachleute Knop vor, zu pauschalisieren und auch selbst Teile der evidenzbasierten Forschung zu ignorieren.

Knop hält Ernährungstipps für gesunde Menschen für «nutzlos». Seine Empfehlungen zu intuitivem, genussorientiertem Essen, basierend auf Signalen wie Hunger, Genuss und Verträglichkeit werden immer wieder kontrovers diskutiert.

Knops Fazit lautet: einfach essen, worauf man gerade Lust hat, wann immer man will und wieviel man will. Sein wichtigstes Kriterium: die individuelle Verträglichkeit. Alles andere könne man getrost vergessen. Sein Rat: Die gut gemeinten Tipps ignorieren und sich nicht verrückt machen lassen. Bekannt ist dieses ungezwungene Essenskonzept als «intuitive Ernährung».

Ist intuitives Essen gesund?

Das Konzept des intuitiven Essens ist bekannt seit den 1990er-Jahren. Aber in Zeiten sich permanent ändernder Ernährungstrends und dogmatischer Gesundheitstipps erlebt das Konsumieren nach Bauchgefühl immer wieder ein Comeback.

Zurecht, findet der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop: «Folge deiner Intuition, höre auf deinen Organismus. Er sagt dir, wann du Hunger hast, wann du satt bist und ob das Essen deiner Wahl dir guttut.»

Was ist intuitives Essen?

Box aufklappen Box zuklappen

Intuitives Essen bedeutet, sich von Diätregeln zu lösen und wieder auf die eigenen Körpersignale zu vertrauen. Hunger und Sättigung sollen bewusst wahrgenommen und diesen als Grundlage für Essentscheidungen. Wichtig: es gibt keine «guten» oder «schlechten» Nahrungsmittel.

Emotionen wie Stress, Frust oder Langeweile sollen nicht mit Essen kompensiert werden. Hier gilt es alternative Bewältigungsstrategien zu entwickeln, damit Heisshunger vermieden wird.

Intuitives Essen betont den respektvollen Umgang mit dem eigenen Körper, unabhängig von Gewichtsidealen. Intuitives Essen soll Energie geben, gut schmecken und dem eigenen Wohlbefinden dienen.

Für Knop bedeutet diese Art der Ernährung die natürlichste Sache der Welt. Zumindest so lange das eigene Hunger‑ und Sättigungsgefühl nicht gestört ist, wie es bei Menschen mit Übergewicht vorkommen kann. Auch für kranke Menschen, die beispielsweise eine bestimmte Diät benötigen, kann es ein Risiko sein, intuitiv zu essen. Das gilt auch bei Essstörungen wie beispielsweise Bulimie oder Orthorexie.

Wie verträglich intuitives Essen wirklich ist, daran scheiden sich die Geister: Zu gross sind die kulinarischen Verlockungen, die uns umzingeln. Essen ist heute überall und jederzeit in grossen Mengen verfügbar – egal ob als frisches Produkt oder stark verarbeitetes Fast Food.

Was jedoch überrascht: Wissenschaftliche Beobachtungen zeigen, dass intuitiv essende Menschen insgesamt mehr Früchte und Gemüse konsumieren als vorher – aber auch mehr Zucker.

Ich schwöre, du wirst nicht die ganze Zeit Pommes, Burger und Pizza essen.
Autor: Uwe Knop Ernährungswissenschaftler

Auch dies sei kein Problem, so Uwe Knop, denn der menschliche Körper reguliere den Appetit: «Mach es doch einfach mal und schaue, was passiert. Ich schwöre, du wirst nicht die ganze Zeit Pommes, Burger und Pizza essen, sondern irgendwann wieder Lust haben auf frische Kost. Auf etwas, was vom Baum kommt, auf Salat oder auf was auch immer. Weil du nämlich Abwechslung brauchst.»

Ist intuitives Essen alltagstauglich?

Beim Essen wieder vermehrt auf unser Gefühl achten: Das hört sich gut an. Aber ist intuitives Essen überhaupt alltagstauglich? Dauerstress und Zeitnot beeinflussen ständig, was wir konsumieren – auch wann und wie viel. Dazu kommen die raffinierten Marketingstrategien der Lebensmittelindustrie: Je verführerischer ein Produkt duftet, je knuspriger es klingt und je bunter es aussieht, desto schneller landet es in unserem Mund.

Für Uwe Knop ist klar: Man muss zur Intuition erst wieder zurückfinden. Sein Tipp: den Hunger einfach mal ausreizen und beispielsweise bewusst auf das Frühstück verzichten, die also angeblich wichtigste Mahlzeit des Tages: «Beobachte dann, was dein Körper dir für Signale bietet. Vielleicht meldet sich der Hunger eigentlich erst zum Mittag. Und schon hast du die Tür zur Intuition geöffnet.»

Das Ausreizen des Hungers birgt möglicherweise das Risiko eines starken Heisshungers. In dem Fall wird dann vielleicht mehr gegessen als nötig.
Autor: Vanessa Brand Ernährungsberaterin SDVE

In der Ernährungswissenschaft gibt es zum Thema des bewussten Ausreizens des Hungers jedoch auch andere Meinungen. So hält es die Ernährungsberaterin Vanessa Brand zwar für sinnvoll, die eigene Körperwahrnehmung wieder zu stärken. Trotzdem warnt sie: «Das Ausreizen des Hungers birgt möglicherweise das Risiko eines starken Heisshungers. In diesem Fall wird dann vielleicht mehr gegessen als nötig.»

In diesen Kontext passt auch das Phänomen des «Jojo-Effekts», wenn es nach einer Diät oder einer bewussten Hungerphase wieder zu einem übersteuerten Essverhalten und schnellem Gewichtsanstieg kommt. Statt den Hunger zu ignorieren oder auszureizen, empfiehlt Vanessa Brand ein schrittweises Herantasten, etwa durch kurzes Innehalten vor und nach dem Essen, sowie einer bewussten Wahrnehmung von Hunger und Sättigung durch langsames und achtsames Essen.

Essen nach Lust und Laune – funktioniert das bei Kindern?

Ja, meint der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop: «Ein Kind hat von Geburt an die natürliche Intuition zu wissen, welche Lebensmittel ihm guttun und welche nicht.» Deswegen sei es wichtig, dass die Eltern nicht schon früh intervenieren, wenn es um den Essensplan geht.

Ernährungsberaterin Vanessa Brand kann dem nur bedingt zustimmen: Es sei schon richtig, dass Kinder grundsätzlich eine natürliche Fähigkeit zur Selbstregulation beim Essen mit sich bringen. «Aber ohne Eingreifen der Eltern und eine klare Struktur würden die Kleinen eher zu einseitigen, energiereichen und vertrauten Lebensmitteln greifen.»

Brand schlägt deshalb vor, dass die Eltern das Essensangebot bestimmen, während die Kinder über Menge und Auswahl innerhalb dieses Rahmens entscheiden. Noch wichtiger: Sehen Kinder, dass ihre Eltern mit Genuss und Freude neue und unbekannte Speisen probieren, steigert dies die eigene Bereitschaft, Unbekanntes auszuprobieren.

Fünf Ernährungstipps

Box aufklappen Box zuklappen

Folgende Tipps sind allgemeingültig und beachtenswert, egal welchem Essenstrend man folgt:

  • Leber schützen: Weniger Alkohol und Zucker, um das zentrale Stoffwechselorgan nicht zu belasten.
  • Mikrobiom pflegen: Ballaststoffreiche Ernährung, damit die Darmmikroben Immunsystem und Verdauung unterstützen.
  • Schimmel meiden: Schimmelpilzgifte können den Körper schädigen – daher konsequent vermeiden.
  • Vielfältig essen: Abwechslung in der Ernährung fördert Gesundheit und Nährstoffvielfalt.
  • Genuss statt Stress: Entspannt essen, um Verdauung und Wohlbefinden zu fördern.

SRF 1, Puls, 23.03.2026, 21:05 Uhr; noes

Meistgelesene Artikel