Ein bekanntes Bild: Politikerinnen und Politiker essen Bratwurst, um Zugehörigkeit zu zeigen. Denn was wir essen – und was nicht – verrät viel über uns. Kritik an der eigenen Ernährungsweise wird deshalb schnell persönlich. Das Dilemma: Die meisten wollen sich beim Essen nicht dreinreden lassen, sind aber gleichzeitig unsicher, ob sie sich überhaupt «gesund» ernähren.
Kampf dem Ernährungswahn
Wer heute «richtig» essen will, landet schnell im Dschungel der Ernährungstipps: Superfoods hier, Low Carb dort, dazu Keto oder Protein-Boosting. Lauter Trends, die zu wissen glauben, was Körper und Geist wirklich benötigen. Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop hat sich auf die Fahne geschrieben, dem Wahn rund um das Thema Essen den Kampf anzusagen.
Auch die Wissenschaft mit ihren Ernährungsstudien, so Knop, taugt nicht für eine Orientierung. Die meisten Untersuchungen beobachten nämlich nur, wer was isst, und zeigen Zusammenhänge, aber keine Ursachen. Der streitbare Ernährungswissenschaftler ist daher überzeugt: «Ob Intervallfasten, vegan oder was auch immer – keine Ernährungsform ist von der Studienlage her besser oder schlechter als die andere.»
Knops Fazit lautet: einfach essen, worauf man gerade Lust hat, wann immer man will und wieviel man will. Sein wichtigstes Kriterium: die individuelle Verträglichkeit. Alles andere könne man getrost vergessen. Sein Rat: Die gut gemeinten Tipps ignorieren und sich nicht verrückt machen lassen. Bekannt ist dieses ungezwungene Essenskonzept als «intuitive Ernährung».
Ist intuitives Essen gesund?
Das Konzept des intuitiven Essens ist bekannt seit den 1990er-Jahren. Aber in Zeiten sich permanent ändernder Ernährungstrends und dogmatischer Gesundheitstipps erlebt das Konsumieren nach Bauchgefühl immer wieder ein Comeback.
Zurecht, findet der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop: «Folge deiner Intuition, höre auf deinen Organismus. Er sagt dir, wann du Hunger hast, wann du satt bist und ob das Essen deiner Wahl dir guttut.»
Für Knop bedeutet diese Art der Ernährung die natürlichste Sache der Welt. Zumindest so lange das eigene Hunger‑ und Sättigungsgefühl nicht gestört ist, wie es bei Menschen mit Übergewicht vorkommen kann. Auch für kranke Menschen, die beispielsweise eine bestimmte Diät benötigen, kann es ein Risiko sein, intuitiv zu essen. Das gilt auch bei Essstörungen wie beispielsweise Bulimie oder Orthorexie.
Wie verträglich intuitives Essen wirklich ist, daran scheiden sich die Geister: Zu gross sind die kulinarischen Verlockungen, die uns umzingeln. Essen ist heute überall und jederzeit in grossen Mengen verfügbar – egal ob als frisches Produkt oder stark verarbeitetes Fast Food.
Was jedoch überrascht: Wissenschaftliche Beobachtungen zeigen, dass intuitiv essende Menschen insgesamt mehr Früchte und Gemüse konsumieren als vorher – aber auch mehr Zucker.
Ich schwöre, du wirst nicht die ganze Zeit Pommes, Burger und Pizza essen.
Auch dies sei kein Problem, so Uwe Knop, denn der menschliche Körper reguliere den Appetit: «Mach es doch einfach mal und schaue, was passiert. Ich schwöre, du wirst nicht die ganze Zeit Pommes, Burger und Pizza essen, sondern irgendwann wieder Lust haben auf frische Kost. Auf etwas, was vom Baum kommt, auf Salat oder auf was auch immer. Weil du nämlich Abwechslung brauchst.»
Ist intuitives Essen alltagstauglich?
Beim Essen wieder vermehrt auf unser Gefühl achten: Das hört sich gut an. Aber ist intuitives Essen überhaupt alltagstauglich? Dauerstress und Zeitnot beeinflussen ständig, was wir konsumieren – auch wann und wie viel. Dazu kommen die raffinierten Marketingstrategien der Lebensmittelindustrie: Je verführerischer ein Produkt duftet, je knuspriger es klingt und je bunter es aussieht, desto schneller landet es in unserem Mund.
Für Uwe Knop ist klar: Man muss zur Intuition erst wieder zurückfinden. Sein Tipp: den Hunger einfach mal ausreizen und beispielsweise bewusst auf das Frühstück verzichten, die also angeblich wichtigste Mahlzeit des Tages: «Beobachte dann, was dein Körper dir für Signale bietet. Vielleicht meldet sich der Hunger eigentlich erst zum Mittag. Und schon hast du die Tür zur Intuition geöffnet.»
Das Ausreizen des Hungers birgt möglicherweise das Risiko eines starken Heisshungers. In dem Fall wird dann vielleicht mehr gegessen als nötig.
In der Ernährungswissenschaft gibt es zum Thema des bewussten Ausreizens des Hungers jedoch auch andere Meinungen. So hält es die Ernährungsberaterin Vanessa Brand zwar für sinnvoll, die eigene Körperwahrnehmung wieder zu stärken. Trotzdem warnt sie: «Das Ausreizen des Hungers birgt möglicherweise das Risiko eines starken Heisshungers. In diesem Fall wird dann vielleicht mehr gegessen als nötig.»
In diesen Kontext passt auch das Phänomen des «Jojo-Effekts», wenn es nach einer Diät oder einer bewussten Hungerphase wieder zu einem übersteuerten Essverhalten und schnellem Gewichtsanstieg kommt. Statt den Hunger zu ignorieren oder auszureizen, empfiehlt Vanessa Brand ein schrittweises Herantasten, etwa durch kurzes Innehalten vor und nach dem Essen, sowie einer bewussten Wahrnehmung von Hunger und Sättigung durch langsames und achtsames Essen.
Essen nach Lust und Laune – funktioniert das bei Kindern?
Ja, meint der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop: «Ein Kind hat von Geburt an die natürliche Intuition zu wissen, welche Lebensmittel ihm guttun und welche nicht.» Deswegen sei es wichtig, dass die Eltern nicht schon früh intervenieren, wenn es um den Essensplan geht.
Ernährungsberaterin Vanessa Brand kann dem nur bedingt zustimmen: Es sei schon richtig, dass Kinder grundsätzlich eine natürliche Fähigkeit zur Selbstregulation beim Essen mit sich bringen. «Aber ohne Eingreifen der Eltern und eine klare Struktur würden die Kleinen eher zu einseitigen, energiereichen und vertrauten Lebensmitteln greifen.»
Brand schlägt deshalb vor, dass die Eltern das Essensangebot bestimmen, während die Kinder über Menge und Auswahl innerhalb dieses Rahmens entscheiden. Noch wichtiger: Sehen Kinder, dass ihre Eltern mit Genuss und Freude neue und unbekannte Speisen probieren, steigert dies die eigene Bereitschaft, Unbekanntes auszuprobieren.