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Kinderkrippen im Wald: Können sie Kindern in der Entwicklung helfen?
Aus Puls vom 25.10.2021.
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Waldkindergärten & Co. Macht das Spielen zwischen Bäumen Kinder gesund und stark?

Immer mehr Kinder leben in der Stadt und gleichzeitig boomen Angebote wie Waldkindergärten. Was bringen sie den Kindern?

Drei von vier Kindern werden bis 2050 in einer städtischen Umgebung aufwachsen. Mit viel Beton, engem Wohnraum, viel Verkehr und wenig Grünflächen.

Diese Entwicklung beisst sich mit der mittlerweile unbestrittenen Erkenntnis, dass Kinder für ein gesundes Aufwachsen regelmässig raus in die Natur sollten. Urbane Eltern schicken ihre Kinder deshalb in Waldkindergärten, Waldkitas und Waldspielgruppen. Das Angebot wächst und die Wartelisten auch.

Legende: Im Waldkindergarten wird gespielt, gegessen und oft auch der Mittagschlaf gemacht. Imago

Kein Wunder, die Versprechungen klingen verlockend: Die Kinder wachsen gesünder auf, sind sozial kompetenter, kreativer und resilienter. Doch haben die Wald-Kinder wirklich so viele Vorteile gegenüber Kindern, die in eine reguläre «Indooor-Institution» gehen?

Gleich vorweg: Waldkindergärten haben viele Vorteile. Aber die können auch Kinder, die normale Kindergärten und Kitas besuchen, aufholen.

Forschungslage könnte besser sein

Die Forschungslage ist nicht in allen Aspekten ausreichend, doch eines lasse sich klar sagen, so die Naturpädagogin und Psychologin Sarah Wauquiez. Sie analysierte 2004 den Forschungsstand über Waldkindergärten. «Wir konnten schon damals klar zeigen: Kinder, die in Waldkindergärten gingen, schnitten bei Tests zu ihrer Kreativität und ihrer Beweglichkeit besser ab als Kinder aus Regelkindergärten».

Ein riesiger Spielplatz ohne Vorgaben

Im Wald haben die Kinder besonders gute Entwicklungsmöglichkeiten. Hier gibt es unzählige Materialien zum Spielen und Experimentieren; auf den unebenen Böden wird das Gleichgewicht trainiert, es gibt Hügel zum Rauf- und Runterrennen und Kletterbäume mit allen erdenklichen Schwierigkeitsstufen.

Warum tut der Wald uns gut?

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Der Aufenthalt zwischen Bäumen hat nicht nur für Kinder, sondern generell eine erholsame und messbar stressreduzierende Wirkung. Eine eindeutige Antwort darauf, warum das so ist, fehlt bis heute.

Ein Grund könnte sein, dass der Mensch während der Evolution immer auf Wasser und Vegetation angewiesen war und darauf deswegen mit positiven Emotionen reagiert. Aus Japan kommt die These, dass Bäume besondere Duftstoffe ausscheiden – sogenannte Phytonzide – die unser Immunsystem stärken.

Für seine Studie arbeitete der japanische Forscher Quing Li jedoch in einem künstlichen Setting: Die Probanden wurden in einem Hotelzimmer mit hoher Konzentration dieser Stoffe eingenebelt. Derzeit wird daran geforscht, die Ergebnisse draussen zu replizieren.

Wie der Wald uns allen helfen kann, erfahren Sie in der neuen Puls-Sendung.

Im Wald können die Kinder für einmal so laut sein, wie sie wollen oder sich zurückziehen, was in Innenräumen nicht immer so einfach ist. Und das Beste: Es ist schier unmöglich, dass die Lehrpersonen alles unter Kontrolle haben.

Endlich frei! Die Kraft der Selbstwirksamkeit

Dieses freie und unbeaufsichtigte Spielen ist laut Umweltpsychologin Nicole Bauer der grösste Pluspunkt. Bauer untersucht für die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, welchen Einfluss der Aufenthalt in der Natur auf den Menschen hat.

Jedes Kind hat das Recht, von einem Baum zu fallen.
Autor: Nicole Bauer Umweltpsychologin

«Kinder erleben im Wald Selbstwirksamkeit», sagt die Forscherin, «sie haben Erfolgserlebnisse». Wenn sie im Wald auf hohe Bäume klettern oder sich verlaufen könnten, müssen sie lernen, sich etwas zuzutrauen und Risiken abzuschätzen. Dies gäbe Waldkindern mehr Selbstbewusstsein und eine bessere Resilienz mit auf den Weg, so die Umweltpsychologin. Diese Erfahrungen in Innenräumen zu erwerben, ist eher schwierig.

Dafür ist es drinnen schön kuschelig. Genau das sehen die Forscherinnen und Forscher jedoch als Risiko.

Machen Waldkindergärten gesünder?

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Legende: Imago

Kinder aus Waldkindergärten sind gesünder, allein schon weil sie vor allem im Winter weniger Krankheitserregern ausgesetzt sind als Kinder in beheizten Innenräumen. Zudem leiden sie seltener an Übergewicht. Zur Frage, ob diese Kinder auch ein besseres Immunsystem haben, gibt es keine aussagekräftigen Studien.

In einer Welt, in der alles auf Bequemlichkeit ausgerichtet ist und Unangenehmes ausgeblendet wird, kann es zur Lebensschule gehören, wenn es richtig unbequem wird. Wenn die Kinder bei jedem Wetter draussen sind, lernen sie, sich anzupassen und Dinge zu akzeptieren, wie sie sind. Die Hoffnung ist, dass das die Kinder langfristig stärker macht. Auch das kling logisch, ist aber schwer zu beweisen.

Grössere soziale Kompetenz

Für viele Lehrpersonen liegen die Vorteile dennoch auf der Hand, berichtet Ausbildnerin Sarah Wauquiez. Kinder mit grossem Bewegungsdrang sind im Wald nicht automatisch Störenfriede und Kinder, die sonst intellektuell hervorstechen, brauchen auf einmal mehr Hilfe. So lernen die Lehrpersonen, aber auch die Kinder sich selbst ganzheitlicher kennen.

Was zählt, ist die Regelmässigkeit

Das Fazit der Forschung: Kinder sollen raus in die Natur, bei jedem Wetter, so viel wie möglich und am besten ohne Erwachsene – oder mit zurückhaltender Begleitung. Waldkindergärten und -kitas bieten dafür den idealen Rahmen, das Entscheidende ist aber, dass die Kinder überhaupt in die Natur kommen.

«Was  für die Kinder zählt, ist die Regelmässigkeit», sagt Naturpädagogin Wauquiez. Und da ist auch ein Tag in der Woche schon gut.

Raus in die Natur – Tipps der Expertinnen

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Legende: Imago
  1. Finden Sie einen Ort, an dem die Kinder unbeaufsichtigt draussen spielen können. Das muss nicht im Wald sein.
  2. Lassen Sie die Kinder einfach spielen, ohne etwas zu vermitteln. Das entspannt auch die Eltern: Sie müssen nicht alles wissen über die Natur.
  3. Gehen sie gemeinsam nach draussen, seien Sie neugierig und lassen Sie sich begeistern. Öffnen Sie Ihre Sinne und stellen Sie Fragen – denn Sie sind Vorbild.
  4. Lieber nicht so weit, dafür regelmässig. Wenn der Wald zu weit weg ist geht man oft doch nicht. Auch die Wiese oder der Stadtpark sind ein gutes Ziel.
  5. Sorgen Sie dafür, dass der Naturaufenthalt auch Ihnen als Eltern Freude macht und gut tut. Sammeln Sie Herbstblätter oder nehmen Sie ein gutes Buch mit. Oder legen Sie sich einfach auf die Wiese und machen nichts.

Puls, 25.12.2021, 21:05 Uhr

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12 Kommentare

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  • Kommentar von beat wenger  (facts)
    Waldkindergärten kopieren, was Pfadi schon lange macht: Kinder und Jugendliche in der Natur spielen und eigene Erfahrungen machen zu lassen. Dazu gibt es auch eine Studie der Universität Rochester (UK), die aufzeigt, dass Pfadikinder resilienter und psychisch stabiler sind im Erwachsenenalter, was sich mit den Erkenntnissen über Waldkinder deckt.
    1. Antwort von Felix Schmidli  (Felix7)
      Frage ist noch, ob die psychisch stabileren einfach in der Pfadi geblieben sind und psychisch labilere nicht in die Pfadi gehen oder dort nicht lange bleiben. Konnte man Ursache und Wirkung in der Studie auch klären?
  • Kommentar von Aaron Dettwiler  (Aaron1984)
    Finde ich super! Warum man aber nicht einfach im Wald spielen kann, ohne gleich einen Event daraus zu machen..
    1. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Man sollte nicht gleich ein Event daraus machen trotzdem, Kinder in
      dem Alter alleine in den Wald lassen, dies hätte ich auch nicht getan.
      Wir wohnen ganz in der Nähe vom Wald, nur in diesem Alter sind die
      Einfälle fast grenzenlos und Verbote nützen da oft nichts. Waldkindergärten in der Stadt ? Aber jede Woche einen Tag, der bei
      Schönem Wetter im Freien stattfindet !
  • Kommentar von Roger Stahn  (jazz)
    «Die Hoffnung ist, dass das die Kinder langfristig stärker macht. Auch das klingt logisch, ist aber schwer zu beweisen.» Für diese Binsenweisheit benötigt es keine weiteren sinnlosen Studien und Verschleuderung von kostbarem Steuersubstrat. Als Kinder waren wir jeden Tag draussen am spielen (Wiesen, Bäume, Hügel, Steingrube, Hühnerstall usf.) unbeaufsichtigt, fielen vom Baum, trugen Schrammen nach Hause, erlebten Abenteuer um Abenteuer. Eine tolle Kindheit, für die ich heute noch dankbar bin.
    1. Antwort von Theo Schneider  (TeeS)
      Auf den Punkt gebracht Herr Stahn!
      Wir sind inzwischen offenbar dermassen abgetrennt von der Natur, dass wir glauben, Studien zu benötigen, um unserer verkopften Gesellschaft belegen zu können, dass uns und speziell unseren Kindern ein direkter Kontakt mit der Natur gut tut. Muss ja heutzutage immer alles unbedingt digitalisiert werden, je früher desto besser. Holzweg, oder sollte man nicht lieber sagen Virtuellweg?