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Nassreis-Anbau: Win-win für Landwirte & Artenschutz
Aus nano vom 30.09.2021.
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Artenvielfalt dank Reisanbau Wie der Anbau von Nassreis die Biodiversität fördert

Bei Nassreis denken die meisten an jahrtausende alte Reisterrassen in China. Doch Nassreis gedeiht neuerdings auch in der Schweiz – mit vielen Vorteilen. Den Bauern bringt der Anbau Gewinne; bedrohten Tier- und Pflanzenarten neuen Lebensraum.

Staunässe im Boden ist schlecht – zumindest für Kartoffeln, Rüben oder Weizen. Deswegen sind in der Schweiz 192.000 Hektar Boden drainiert, das heisst sie werden aufwändig entwässert und das Wasser über Rohre abgeführt. Etwa ein Drittel der teils schon 100 Jahre alten Drainagen ist jedoch in schlechtem Zustand. Sie müssten eigentlich erneuert werden. Eigentlich.

Yvonne Fabian, Ökologin am landwirtschaftlichen Forschungszentrum Agroscope in Zürich, hat eine andere Idee. Einige Flächen solle man besser wieder vernässen lassen für den Artenschutz. Denn Feuchtbiotope sind in der Schweiz Mangelware.

Mangelware Feuchtgebiet

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Seit 1850 hat die Schweiz mehr als 90 Prozent ihrer Moorflächen, Auen und Amphibienlaichgebiete verloren. Die Gründe: grosse Flusskorrektionen und viele kleine Entsumpfungsprojekte. Die wenigen Feuchtgebiete, die es noch gibt, stehen zudem unter grossem Druck. Entsprechend kommen Arten, die auf Feuchtgebiete angewiesen sind, nur noch als Restpopulationen vor. Für eine ausreichend hohe Fortpflanzung oder gar eine Ausbreitung reichen diese Lebensräume nicht mehr aus.

Verloren sind die Flächen für die Landwirtschaft damit nicht. Denn es gibt eine Pflanze, die nasse Böden liebt: Nassreis, angebaut ohne Pestizide. «Das wäre für einige Landwirte nördlich der Alpen eine sehr gute Kultur», sagt Fabian. Sie untersucht die Biodiversität auf Schweizer Nassreisfeldern und wie man die Artenvielfalt noch weiter fördern kann.

Kreuzkröten und Ringelnattern kommen wieder

Derzeit bauen in der Schweiz erst 13 Bauernbetriebe auf insgesamt 13 Hektaren Nassreis an. Pro Hektar ernten sie vier bis sieben Tonnen Rohreis, den sie weiterverarbeiten und als heimisches Produkt gewinnbringend verkaufen können. Gleichzeitig schaffen sie mit den feuchten Reisfeldern Lebensraum für Arten, die vom Aussterben bedroht sind – etwa für Kreuzkröten, Ringelnattern oder das schwarz-braune Zyperngras.

«Es ist total beeindruckend, was in einem Nassreisfeld los ist», sagt Fabian. Mit ihrem Team hat sie zunächst den Bestand aufgenommen. Gesichtet haben sie beispielsweise Laubfrösche, die die gesamte Entwicklung – von der Kaulquappe bis zum Jungfrosch – im Feld durchmachen.

Oder die Sumpf-Heidelibelle, die sich in manchen Feldern massenhaft vermehrt. Im Wasser finden sich auch viele Insektenlarven, die wiederum Futterquelle für Vögel sind. Mehlschwalben kreisen regelmässig über dem Feld. Und auch Wattvögel wie Flussuferläufer oder Bekassine machen bei ihrem Zug gen Süden hier Station. Besonders artenreich sind Reisfelder, die von einem Wassergraben und damit von einer offenen Wasserfläche umgeben sind. Libellen und Amphibien paaren sich dort. Hecken und Gräser am Rand dienen Fröschen als Versteck vor Fressfeinden. Und was der Biodiversität ebenfalls dient, ist so wenig Dünger wie möglich einzusetzen.  

Über neue Erkenntnisse tauscht sich Yvonne Fabian regelmässig mit den Nassreisbauern und -bäuerinnen  aus. Sie haben auch eine Interessengemeinschaft gegründet, die Landwirte und Landwirtinnen berät, die mit dem ökologischen Reisanbau starten wollen.

1000 Hektar Land eignen sich

Potenzial gäbe es, so Fabian. «Wir haben berechnet, dass sich mindestens 1000 Hektar Land sehr gut für den Nassreisanbau eignen würden.» Darunter sind auch Felder deren Drainage-Systeme in die Jahre gekommen sind.

Die meisten liegen in der Nähe von Flachmooren oder Auen und nahe bei einem See oder Fluss, aus dem Wasser fürs Fluten der Felder entnommen werden kann. «Entscheidend ist ein gutes Wassermanagement» sagt Fabian, «und dafür muss man einiges an Vorarbeit leisten.»

Trocken- vs. Nassreisanbau

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Legende: ZVG

Weltweit werden etwa 80 Prozent des Reises «nass» angebaut, und nur etwa 20 Prozent «trocken». Trockenreis wird vor allem in Regionen mit wenig Niederschlag, hohen Temperaturen und in den Bergen gepflanzt – in der Schweiz exklusiv im Tessin.

Wegen drohendem Schädlingsbefall und relativ geringen Erträgen ist diese Art des Reisanbaus extrem aufwendig. Beim Nassreisanbau hält das Wasser viele Schädlinge fern. Dafür ist der Wasserverbrauch entsprechend hoch.

Der Anbau ist eigentlich nur für Regionen geeignet mit Grund-, Hang- oder Staunässe und der Nähe zu Seen oder Flüssen, deren Wasser zum Fluten der Felder genutzt werden kann.

Aber dann und bei genügend warmen Temperaturen sei der Reisanbau durchaus rentabel. Bislang haben alle 13 Landwirtschafts-Betriebe, die sich für den Nassreisanbau entschieden haben, nicht wieder aufgegeben. Fabian: «Es ist wirklich eine win-win-Kultur – gut für die Landwirtschaft und gut für den Artenschutz.»

Nano, 30.09.2021, 10:30 Uhr

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Roman Knoepfel  (winglet55)
    Ich frage mich wo die Gewinne herkommen sollen. Nasreisanbau ist Arbeitsintensiv. Die Preise im Keller. In Thailand wird Reis zurzeit für 10 ThB ( ca. 34 Rp.) per kg verkauft, wohlverstanden kochfertig in 30 kg Säcken! Wenn Reis nicht als Grundnahrung dient und man vom Erlös leben muss, ist es selbst in Thailand finanziell unattraktiv. Ausser man kann im Jahr 3 x Reisernten. Die Kosten fürs vorbereiten der Felder, Düngemittel und das regulieren des Wasserpegels dürfen nicht unterschätzt werden.
  • Kommentar von Gerry Hess  (Hegard)
    Ich meinte es gäbe genug solche Nassfelder in der Nähe eines Gewässers.
    Und wenn oberhalb eine Fischzucht
    betrieben würde um mit den Abwässer die Reisfelder zu Düngen.
    könnte ich mir das gut vorstellen zur nachhaltigen Ernährung
    1. Antwort von Verena Schär  (DOREMIFASOLATIDO)
      Das würde ich nicht sehr schätzen. Die Abwässer sind leider meiner Ansicht nach nicht geeignet, denn die künstlichen Duftstoffe, die von uns täglich in die Kläranlagen gelangen können nicht beseitigt werden.

      Ich schreibe aus Erfahrung, denn ich musst vor einigen Jahren eine Forelle die in solchen Gewässer gehalten wurde wegwerfen.
      Der künstliche Duftstoff wurde im Fleisch eingelagert und der Fisch war für mich ungeniessbar. Ok, ich habe einen gesunden Geschmacksinn.
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Es muss endlich "gesamtschweizerisch" gedacht-geplant und umgesetzt werden im Mini-Land, wo alles dicht besiedelt und/oder landwirtschaftlich genutzt wird!
    CHEMIE fliesst - logischerweise - überallhin mit dem Wasser........siehe "Trinkwasser-Vergiftung"!