Stickstoff als Dünger braucht es für das Wachstum der Pflanzen. Zu viel Stickstoff aber ist ein Übel, denn – verteilt über die Luft – erreicht er magere Standorte wie Trockenwiesen und Moore und führt auch dort zu einer Düngung.
Die seltenen Pflanzen, die dort wachsen und sich auf diese nährstoffarmen Standorte spezialisiert haben, werden mit der Düngung von anderen Pflanzen verdrängt.
Durch diesen Prozess verlieren die letzten Schweizer Moorlandschaften laufend seltene Arten, obwohl diese Gebiete eigentlich seit Jahren unter Schutz stehen.
Nach wie vor zu viel Gülle
Ein Teil des Stickstoffs stammt aus Verbrennungsprozessen aus dem Verkehr und der Industrie. Gut zwei Drittel und damit der Hauptharst stammt aus der Landwirtschaft. Es ist der Kot und Urin der Rinder, Schweine und Hühner. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt.
Es gab bereits zahleiche Anläufe zur Stickstoffreduktion und auch gewisse Erfolge. Doch insgesamt ist die Überdüngung immer noch massiv zu hoch. Deshalb hat das Parlament vor fünf Jahren beschlossen, den Stickstoffüberschuss bis 2030 um 15 Prozent zu senken und den Phosphorüberschuss um 20 Prozent.
Reduktion ist machbar
Dieses Ziel sei mit technischen Mitteln gut erreichbar, sagt Thomas Steinsberger von Agroscope, dem Zentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung. Er hat die Reduktion der Stickstoffemissionen auf knapp 30 Bauernhöfen in der Region Luzern konkret begleitet und beziffert.
Ein wichtiger Punkt sei, die Äcker und Wiesen nur noch ganz gezielt, je nach Nährstoffbedarf zu düngen, und die Tiere je nach Alter unterschiedlich zu füttern.
Am meisten Stickstoffemissionen liessen sich jedoch im Stall selber vermeiden, sagt Steinsberger. «Das muss nicht immer gleich ein teurer Stallneubau sein, auch Matten, die man in den Stall legt, um Kot und Harn zu trennen, sind eine gute erste Lösung».
Der Bauernverband bremst
Doch dem Schweizer Bauernverband gehen die beschlossenen Massnahmen zu weit: Man dürfe nicht übers Ziel hinausschiessen, sagt der stellvertretende Direktor, Michel Darbellay. Zu strenge Massnahmen führten dazu, dass in der Schweiz weniger Fleisch, Milch und Getreide produziert würden. «Und wenn wir mehr Nahrungsmittel aus dem Ausland importieren, werden einfach mehr Nährstoffe im Ausland anfallen.»
Wenn jedoch mehr Getreide statt von den Hühnern direkt von den Menschen gegessen würde und wenn auf den Schweizer Äckern statt zu mehr als 50 Prozent Kraftfutter für die Tiere Gemüse, Hülsenfrüchte oder Getreide angebaut würden, so liesse sich die Überdüngung der Schweiz massiv verkleinern. Gleichzeitig würde diese den Selbstversorgungsgrad der Schweiz deutlich steigern. Das zeigen verschiedene Studien der ETH, von Agroscope und anderen Forschungsgruppen. Dazu müsste die Schweizer Bevölkerung den Fleischkonsum jedoch deutlich reduzieren.
Frank Liebisch, Forschungsgruppenleiter für das Thema Gewässerschutz und Stoffflüsse am Agroscope sieht das avisierte Reduktionsziel in Gefahr: «Die aktuelle politische Diskussion stimmt mich wenig optimistisch, ich sehe die Gefahr, dass man wesentliche Abstriche macht.» Ob die Schweizer Landwirtschaft ihre vergleichsweise tief angesetzten Ziele zur Reduktion der Überdüngung erreicht, ist damit fraglich.