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Unterschätzte Insekten Sind Hummeln intelligenter als gedacht?

Wegen ihrer Mini-Hirne galten Insekten lange als rein instinktgetriebene Tiere. Doch eine Studie mit Hummeln zeigt: Sie kommen von selbst auf die Lösung eines Problems – sie sind wohl viel intelligenter als gedacht.

Hummeln können lernen, navigieren und sogar voneinander lernen – also abschauen. So viel ist bekannt. Und das ist eigentlich schon ganz viel, wenn man bedenkt, wie klein Hummelhirne sind: so klein wie ein Stecknadelkopf.

Bunte 3D-Darstellung eines Hummelhirns auf schwarzem Hintergrund.
Legende: 3D-Modell des Hummelgehirns, basierend auf Mikro-Computertommographie. Wie klein es ist, sieht man am Balken, der einen Millimeter anzeigt. Die verschiedenfarbigen Gebiete symbolisieren Zentren zum Riechern, zur Orientierung, zum Sehen und zum Lernen. 3D-Modell von Lisa Rother/Universität Würzburg

Was so ein Hummel-Hirn alles leisten kann, untersuchte Olli Loukola, Verhaltensökologe an der Universität Turku in Finnland. Er fand überraschendes: Hummeln können viel komplexere Leistungen erbringen, als bisher angenommen. Sie können nämlich spontan Probleme lösen: «Unsere Studie zeigt, dass auch ein kleines Insektengehirn flexible und zielgerichtete Lösungen für neuartige Probleme finden kann. Das wurde noch nie bei einem wirbellosen Tier gezeigt.»

Spontan ein Problem zu lösen heisst, von selbst auf die Idee oder die Lösung zu kommen. Ohne vorheriges Training, ohne Anleitung, ohne die Lösung je woanders beobachtet zu haben. Diese Fähigkeit wurde traditionell mit Menschen oder anderen grosshirnigen Wirbeltieren wie Schimpansen oder Elefanten in Verbindung gebracht, auch mit einigen Vögeln.

Hummel löst das Problem mit der blauen Blume

Box aufklappen Box zuklappen

In dem Experiment ist das Problem der Hummel eine blaue, künstliche Blume. Sie verspricht Belohnung in Form von Zuckerwasser. So viel hat die Hummel im Vorfeld gelernt.

Die Blume klebt innen auf dem Deckel einer Schale, die gut drei Zentimeter hoch ist. Auf dem engen Raum kann die Hummel zwar zur Blume fliegen. Sie ist in der Luft, aber nicht stabil genug, um an der süssen Belohnung zu saugen.

In der Schale liegt auch ein Styroporball. Von dem weiss die Hummel nur, dass er nicht gefährlich ist.

Und das Erstaunliche: Die Hummel bewegt den Ball zielgerichtet unter die Blume und klettert darauf, um sich am Zuckerwasser zu laben.

In dem Experiment benutzten Hummeln einen Ball, um eine Belohnung zu erreichen. «Der entscheidende Punkt ist, dass die Hummeln Lösungen generiert haben, ohne darauf trainiert zu werden. Das ist neu und geht sozusagen auf die nächste Ebene der komplexen Kognition bei Insekten», erklärt Loukola.

Vom Konzept her ähnelt das Experiment den über 100 Jahre alten Studien des Psychologen Wolfgang Köhler. In den Versuchen kamen Schimpansen an Bananen heran, weil sie spontan Kisten übereinanderstapelten und daraufkletterten. Die Studien veränderten grundlegend den Blick der Menschen auf Tiere.

Olli Loukolas Studie behauptet nicht, dass Hummeln die Aufgabe auf die gleiche Weise lösen wie Schimpansen. Aber: «Beide Aufgaben beinhalten die Verwendung eines Objekts in einer neuen Position, um ein ansonsten unerreichbares Ziel zu erreichen.»

Insekten ins Tierschutzgesetz?

Was bedeuten die Erkenntnisse nun? Müssten Insekten auch bei Tierschutzfragen mitgedacht werden? So wie andere Tiere, die komplexe Denkmuster aufweisen, Krebse oder Oktopusse zum Beispiel? Dazu sei es noch zu früh, sagt Eva Ringler. Sie ist Verhaltensökologin an der Universität Bern und an der Hummelstudie nicht beteiligt. «Ob Tiergruppen ins Tierschutzgesetz aufgenommen werden, hängt auch von anderen Faktoren ab, wie zum Beispiel davon, ob sie Schmerz empfinden oder Angst.»

Und dazu wisse man bei Insekten und auch bei anderen Tiergruppen einfach noch recht wenig. Auch ob die Hummel in diesem Experiment wirklich vorausplanten oder strategisch dachten, müsse noch genauer untersucht werden. «Aber die Studie an sich ist wirklich sehr spannend. Sie wirft einen ganz neuen Blick auf die Fähigkeiten von Insekten und ihre kognitiven Leistungen.»

Aha-Moment gesucht

Auch für Studienleiter Olli Loukola wirft die Studie viele weitere Fragen auf. Er will sich weiter auf dieses «einsichtsvolle Verhalten» konzentrieren, und auf den damit verbundenen Aha-Moment. «Was passiert, kurz bevor die Biene die Aufgabe löst? Können wir etwas über ihr Verhalten oder ihre Mikro-Gesten, ihre Körperbewegungen oder ihr Putzverhalten sagen?»

Zumindest eines scheint ihm jetzt schon klar. Trotz ihrer Mini-Hirne sind Insekten intelligenter als gedacht.

Radio SRF 1, Echo der Zeit, 5.6.2026, 18:00 Uhr

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