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Q&A Körperbildstörung «Wieso sehe ich mich im Spiegel schlanker als auf Fotos?»

Holger Klein, Alessandro Maione, Roland Müller und Tanja Roth haben Ihre Fragen im Chat zur «Puls»-Sendung beantwortet.

Fachpersonen im «Puls»-Chat

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Die Fachrunde des PULS-Chats.
Legende: Holger Klein, Alessandro Maione, Roland Müller und Tanja Roth SRF

Holger Klein
Facharzt für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie
Kantonsspital Aarau und Praxis Villa Seefeld

Alessandro Maione
Dipl. Sportlehrer
Activ Fitness

Roland Müller
Fachpsychologe für Psychotherapie FSP
Projektleiter Verein PEP

Tanja Roth
Fachpsychologin für Psychotherapie FSP
Operative Leiterin Praxisstelle Psychotherapie

Die nachfolgenden Aussagen und Empfehlungen ersetzen nicht die individuelle Abklärung oder Diagnose bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Chat-Protokoll

Ich bin adipös und wiege ca. 120kg. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mich schlanker, als wenn ich mich auf Fotos sehe oder mich mit anderen gleichschweren Personen vergleiche. Wie kommt das und wie kann ich mein Bild von mir an die Realität anpassen?

Roland Müller: Guten Abend. Aus meiner langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit Übergewicht ist mir dieser Umstand immer wieder begegnet. Umgekehrt verharrt die Wahrnehmung bei Personen, die schnell Gewicht abnehmen (z.B. Magenbypass) oft lange bei dem vorher herrschenden Übergewicht. Tatsächlich verändert sich unsere Wahrnehmung nur sehr langsam, egal in welche Richtung. Kommt noch ein stressiger Lebenswandel hinzu (viele Veränderungen, Arbeit etc.), beeinflusst das die Veränderung der Wahrnehmung zusätzlich, indem es oft noch langsamer geht, bis sich die inneren Schemata ebenfalls den äusseren Umständen anpassen. Oft besteht auch ein innerer Schutzmechanismus, gerade bei Ihrer Frage, wie sie dies anpassen können. Das kann emotional sehr belastend werden. Ich rate Ihnen eher zu einem langsamen beobachten. Wo im Alltag merke ich vielleicht doch, dass mein Körper oder mein Gewicht es mir schwerer macht, Dinge zu tun oder wo hätte ich es vielleicht gerne ein bisschen anders im Alltag (z.B. bestimmte Bewegungen, Tempo beim Gehen etc.). Es kann auch trotzdem sein, dass Sie bemerken, dass Sie nirgendwo in Ihrem Alltag echte Widerstände verspüren.

Guten Abend, ich bekunde manchmal Mühe, ich den Spiegel zu blicken resp. blicke z. B. beim Händewaschen bewusst nicht in den Spiegel, damit ich mich nicht mit mir auseinandersetzen muss. Dies hat sich verstärkt, seit eine langjährige Beziehung in die Brüche ging. Von meinem Umfeld wird mir ein attraktives Aussehen bescheinigt, ich glaube aber nicht daran.

Roland Müller: Guten Abend. Sie schreiben eindrücklich, dass Sie im Zusammenhang resp. vor dem verstärkten Auftreten Ihres Verhaltens Belastungen erlebt haben. Unser Verhalten wird durch unsere Emotionen (unseren Stress) beeinflusst. Häufig verarbeiten wir die stressauslösenden Dinge nicht automatisch, sie stauen sich quasi im Nervensystem und verändern unser Verhalten und unsere Wahrnehmung. Vielleicht geht es in Ihrem Fall darum, noch einmal auf der Zeitachse zurückzugehen und noch nicht verarbeitete Emotionen anzuschauen. Meist ist in diesem Fall auch eine externe, professionelle Unterstützung ratsam.

Ich habe einen micropenis Und frage ob es einen eingriff gibt Um etwas mehr der norm zu entsprechen Danke

Holger Klein: Lieber Fragender, Ein echter Mikropenis ist medizinisch definiert und relativ selten. Wichtig ist zuerst eine fachärztliche Abklärung (meist Urologie). Eine hormonelle Abklärung ist ratsam. Operative, aufbauende Verfahren können im Einzelfall eine gewisse Veränderung bewirken, die Möglichkeiten sind jedoch begrenzt und verbessern die Funktion meist nicht wesentlich. Deshalb steht eine realistische Beratung im Vordergrund. Die Risiken einer Penisvergrösserung sind wohl überlegt dem wirklichen/endgültigen Nutzen gegenüberzustellen.

Ich merke dass ich mich anders wahrnehme als andere es mir sagen. Ich denke dass ich nicht so grosse Hände habe, das mein Bizeps nicht so gross ist und mein Gesicht zu rund. Objektiv würden andere dem widersprechen und an sich verstehe ich das rational aber das Gefühl werde ich nicht los

Roland Müller: Guten Abend. Unsere Wahrnehmung wird im Hirn als Schema abgespeichert aus drei Teilen: Gedanken/Wahrnehmungsschablone, Verhalten und Emotionale Regung. Es kann also gut sein, dass man einen dieser drei Eckpfeiler eines Schemas stärker wahrnimmt. Gerade der Teil des Gefühls ist schwierig zu verändern, während Gedanken (meist Bewertungen) und auch die Proportionswahrnehmungen (also die innere Massschablone) schneller auf Veränderungstrainings (z.B. Spiegelbildkonfrontationen bei denen man lernt, den Körper zu beschreiben und nicht zu bewerten) ansprechen.

Man sagt, im Spiegel sieht man nicht nur das äussere sondern die Seele. Hat das etwas mit unserem Schönheitsempfinden zu tun und hat Social Media darauf einen Einfluss?

Holger Klein: Eine gute Frage! Das erlebe ich in der Sprechstunde als Plastischer Chirurg sehr häufig. Das, was Menschen im Spiegel sehen, entspricht nicht nur der eigentlichen (objektiven?) Form, sondern stark ihrer inneren Bewertung. Zwei Personen mit sehr ähnlichen Befunden können sich völlig unterschiedlich wahrnehmen (z.B. kann ein fülligerer Bauch als «Wohlstandsplauze» oder als wirklich belastend wahrgenommen werden). Social Media verändert dabei den Vergleichs-Massstab: Viele orientieren sich an gefilterten oder ausgewählten Bildern. Dadurch wirkt das eigene Aussehen schneller «falsch», obwohl objektiv keine Auffälligkeit besteht. Für uns ist deshalb entscheidend zu klären, ob wir ein «Formproblem» behandeln – oder ein Bewertungsproblem.

«Puls» sucht...

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Wie kann ich als Fitness-Trainer Personen mit Körperbildstörungen unterstützen, ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln?

Roland Müller: Es kann ratsam sein, zu versuchen, wegzukommen von Wertungen, Bewertungen und Leistungen. Also z.B. bei auffälligen Kunden bei Anleitungen zu Übungen nicht auf das Aussehen von Muskelpartien zu fokussieren, sondern auf die richtige Ausführung der Übung (Verletzungsrisiko). Wichtiger ist aber das emotionale Befinden. Anstatt über Aussehen sollte das Gespräch vielleicht mehr um das allgemeine Befinden gehen. Also die Frage «wie geht es dir» ...die manchmal ganz viel bewirken kann. Ihre Möglichkeit als Trainer kann dann sehr gut diese sein, Personen darin zu unterstützen, zu einer Therapie zu gehen und dabei immer einmal wieder ein kurzes Gespräch zu führen, Beziehung aufbauen und Vertrauen Schaffen.

Wie vermitteln wir jungen Generationen, welche Mehrfachbelastung durch Armut und Deprivation auf einen Körper einfliessen? In einer bilderzentrierten Welt ist das nur noch eine zusätzliche psychologische Belastung für das Individuum. Mir kommt es so vor als würden wir in der Welt der bedingungslosen Selbstoptimierung leben und das als bedingungslose Selbstliebe für den eigenen Körper und Geist verkaufen. Psychisch beunruhigt mich dieser Trend. Als Gesellschaft hängen wir genau diejenigen ab, die den steinigsten Weg zu einem guten Selbstbild haben. Frust und die daraus resultierenden Folgen (u.a. unbegründeter Geschlechterhass) sind für mich nur eine tragische, aber logische Konsequenz.

Roland Müller: Guten Abend, Ihre Frage ist sehr komplex. Ich kann Ihnen dazu folgenden Gedankengang vermitteln. Viele Menschen meinen, mit der Arbeit am Körper/Aussehen Selbstoptimierung zu betreiben. Tatsächlich ist das aber Körperoptimierung und nicht Selbstoptimierung. Durch die Arbeit am Körper lenkt man sich letztlich also eher von der Innerpsychischen Auseinandersetzung ab. Möglicherweise wäre ein Ansatz, der in Richtung Ihrer Frage geht zu vermitteln, dass die Umgebung, physikalisch, wirtschaftlich und sozial auf den Körper wirkt und dieser auch sein Aussehen und Funktionieren ein Spiegel dessen darstellt, was man erlebt und täglich verarbeitet. Wir Menschen sind aber meister im Ausblenden und Verdrängen. Das muss nicht nur schlecht sein sondern hilft auch, schwierige Umstände besser zu überleben. Daraus kann erneut abgleitet werden, dass es keine Einfache Lösung für das von Ihnen geschilderte Dilemma gibt.

Guten Tag Es gibt Phasen seit der Pubertät, wo ich mich immer wieder sehr hässlich fühle. Dies belastet mich sehr. Ich denke, es liegt auch daran, dass ich unter Hirsutismus leide und sehr einsam bin. Ich rede mir dann ein, es liege an meinem Körper. Ich wünsche mir, dass ich mich besser annehmen kann und mein Körper nicht mein Feind ist. Was kann ich machen, damit der Leidensdruck abnimmt? Besten Dank und viele Grüsse

Tanja Roth: Liebe Fragende, der Körper bzw. das Aussehen wird häufig als Erklärung für negative Erfahrungen oder Lebenssituation herangezogen. Das bei Ihnen durch den Hirsutimus eine Unsicherheit vorliegt ist sehr nachvollziehbar. Gerade deshalb ist es wichtig, ihren Leidensdruck und ihre belastete Lebenssituation nicht vollständig durch ihren Körper zu erklären. Sich und seinen Körper anzunehmen ist ein gutes Ziel. Es ist empfehlenswert sich professionelle Hilfe zu suchen, da es allein sehr schwer ist, solche Muster zu verändern.

Wie kann ich meine Kinder dabei unterstützen, ein positives Körpergefühl zu entwickeln, sodass sie zu selbstbewussten und zufriedenen Erwachsenen heranwachsen?

Roland Müller: Guten Abend, das Körperbild wird durch Verhalten, Fühlen, und Denken beeinflusst. Es geht also darum, weg von reinen Körperbild und Thema Aussehen, Kinder in ihrem Selbstwert und ihrem Umgang mit Gefühlen zu unterstützen. Einem Kind zuhören wenn es Sorgen hat z.B. gehört hier dazu oder wenn die Möglichkeiten bestehen und das Kind das möchte, ein Instrument, Tanzen, den Kletterkurs oder den Bastelkurs ermöglichen. Dort wo wir unsere Fähigkeiten und Interessen haben und uns dabei erleben können, wächst unser Selbstwert, wir müssen dann nicht so stark nach einem guten Gefühl suchen indem wir meinen, unseren Körper optimieren zu müssen.

Wie vermittle ich meinen Kindern ein gutes und gesundes Körper Gefühl

Alessandro Maione: Guten Abend. Kinder entwickeln ein gesundes Körpergefühl, wenn der Körper nicht nach Aussehen, sondern nach Funktion bewertet wird. Also was er kann statt wie er aussieht. Bewegung sollte spielerisch erlebt werden, weil Motivation über positive Bewegungserfahrungen entsteht. Auch beim Essen hilft eine neutrale Sprache wie: «macht satt» oder «gibt Energie». Bei Jugendlichen ist es zusätzlich wichtig, Bewegung als Leistungs- und Stressausgleich oder Prävention zu vermitteln statt als Mittel zur Körperveränderung und Social-Media-Bilder gemeinsam realistisch einzuordnen. Am stärksten wirkt dabei immer das Vorbild der Eltern.

Das Thema Körper war schon immer ein Thema in der Familie. Seit ein paar Jahren beschäftigt mich dies immer mehr und bin auch mit meinem Bauch unzufrieden. Ich zähle oft Kalorien, obwohl ich gewichtmässig im Normbereich bin. Viele Menschen schauen ja auf ihr Gewicht/Aussehen und machen immer wieder Diäten. Was ist noch normal und ab wo beginnt es krankhaft zu werden? welche möglichkeiten gibt es, mich mit meinem Körper zu akzeptieren?

Tanja Roth: Guten Abend! Eine wichtige Frage ist, wie viel Raum das Thema im Leben einnimmt. Ein Unterschied zwischen «normal» und pathologischer Beschäftigung mit dem eigenen Äusseren zeigt sich in dem verursachten Leiden, was sich in Funktionseinschränkungen und aufgebrachter Zeit (mehrere Stunden täglich) widerspiegelt. Für die Selbstakzeptanz ist es wichtig, nicht nur auf die Köperteile zu fokussieren, die man nicht mag. Zudem ist es wichtig, die Selbstakzeptanz nicht nur am Äusseren festzumachen.

Ab wann wird eine Sportsucht diagnostiziert?

Roland Müller: Guten Abend. Eine Sportsucht unterscheidet sich noch in einigen Punkten von einer Muskeldysmorphie (der «Muskelsucht»). Bei der Sportsucht geht es darum, dass man bestimmte Leistungsziele erreichen muss, immer wieder (z.B. xy Kilometer Fahrrad Fahren oder Laufen), da man sich sonst psychisch schlecht fühlt. Dabei kommt oft ein sehr starker Erledigungszwang vor. Wenn der Leidensdruck sehr hoch wird und man z.B. alltägliche Dinge nicht mehr ausüben kann wie sonst, oder nur noch mit viel Kraftaufwand (Arbeit), Zeit für die Familie fehlt, man bei dem hohen Kalorienbedarf zu wenig isst und so Gewicht verliert, der Körper ins Übertraining kommt und man vielfältige körperliche Stresssymptome hat (Schlafprobleme, Gedächtnisprobleme) und unter dem Druck depressiv wird, kann eine Sportsucht diagnostiziert werden. Das Aussehen steht dabei aber nicht im Fokus. Steht die Körperoptik im Vordergrund wird eine Körperdysmorphie Störung oder Essstörung diagnostiziert.

Ich bin schon 60 und habe diese Wahrnehmung über Erröten! Schaue auch in jeder Situation wie meine Gesichtsfarbe ist. Es schränkt mich auch oft stark in meinen Aktivitäten und Unternehmungen ein. Auch mein soziales Umfeld ist sehr klein geworden. Welche Art von Therapie oder Beratung habe auch schon von OPs gehört, würden sie mir empfehlen. Mit freundlichen Grüssen und bestem Dank

Holger Klein: Liebe Fragende, Erröten wird in aller Regel durch eine starke vegetative Reaktion des Nervensystems verursacht – und zusätzlich verstärkt durch die ständige Aufmerksamkeit darauf. Dass Sie Ihr Verhalten deswegen einschränken, zeigt wie belastend das sein kann. Es gibt zwar seltene operative Verfahren am Nervensystem, diese werden wegen möglicher Nebenwirkungen aber sehr zurückhaltend eingesetzt und sind normalerweise nicht die erste oder zweite Empfehlung. Aus meiner Sicht steht hier klar eine spezialisierte psychotherapeutische Behandlung im Vordergrund (z.B. Verhaltenstherapie, Strategien im Umgang mit der Aufmerksamkeit auf die Gesichtsrötung). Das hilft in der Regel deutlich besser und nachhaltiger als ein Eingriff.

Was ist der Unterschied zwischen einem Wunsch nach Verbesserung des Aussehens und einer Körperbildstörung?

Roland Müller: Guten Abend, einfach gesagt kennen den Wunsch nach einer Verbesserung des Aussehens (ob generell oder auf einzelne Aspekte bezogen) fast alle Menschen, eine Körperbildstörung jedoch hat deswegen noch nicht jeder Mensch. Dann, wenn sich die Wahrnehmung stark ins Negative verzerrt, das heisst man sich immer als zu klein, gross, dick, dünn sieht, sei dies in Bezug auf einen einzelnen Aspekt am Körper oder sogar den ganzen Körper (was eher seltener vorkommt), sich deswegen im Sozialleben zurückzieht, versucht, den vermeintlichen Makel zu kaschieren (z.B. zu grosse Kleider tragen oder mehrere Kleidungsstücke übereinander) und sich deswegen auch psychisch abwertetet und ein immer geringeres Selbstwertgefühl hat, spricht man von einer Körperbildstörung.

Gibt es Warnzeichen, auf die Angehörige achten sollten, wenn sie befürchten, dass jemand eine Körperbildstörung entwickelt?

Roland Müller: Guten Abend. Mögliche Warnzeichen können sein: sozialer Rückzug (Treffen absagen oder Situationen, wo der Körper eher gezeigt werden könnte, z.B. Schwimmbad, Sportunterricht), ständiges negatives Reden über vermeintliche körperliche Makel, das Tragen grosser Kleidungsstücke oder mehrerer Schichten übereinander (auch im Sommer), sowie allgemeine Stimmungsverschlechterungen.

Gibt es Strategien um ein gesünderes Körpergefühl aufzubauen und sich von unrealistischen Schönheitsidealen zu lösen?

Roland Müller: Guten Abend. Unser Körperbild setzt sich zusammen aus dem was wir sehen (die reinen kognitiven Wahrnehmungsschablonen), dem was wir dabei denken, fühlen und wie wir uns dabei verhalten. Alle diese 4 Punkte sind Ansatzmöglichkeiten für den Aufbau eines positiveren Körperbildes. Das heisst zum Beispiel vom Bewerten ins Beschreiben kommen, Umgang mit schwierigen Gefühlen trainieren, Aktivitäten die Spass machen im Alltag einbauen und zulassen (Hobbys, Freunde), in der Spiegelbildkonfrontation negative Gedanken und Gefühle in Bezug auf den Körper abbauen und dabei auch die Wahrnehmungsschemata in einen neutraleren Bereich bringen. Das Lösen von unrealistischen Schönheitsidealen kann gefördert werden durch einen bewussteren und kontrollierteren Umgang mit z.B. Social Media, wo die gängigen Körpernormen überproportional häufig und als wichtig erstrebenswertes Ziel dargestellt werden, dabei oft mit Bildbearbeitung die Bilder an und für sich aber «verzerrt» sind. Das Motto lautet hier: Folge keinen Influencern.

Einige Personen definieren ihren Wert als Mensch über das Aussehen/Gewicht. Woran liegt das und wie kann ich betroffene am besten unterstützen um diesem Gedanken weniger Gewicht zu verleihen?

Roland Müller: Guten Abend. Tatsächlich tun das alle Menschen mehr oder weniger stark. Wir sind ein Leben lang untrennbar mit unserem Körper verbunden und damit auch den Einflüssen der Umwelt/Gesellschaft ausgesetzt. Aus der Forschung wissen wir, das jeder Mensch wertet und bewertet, auch sich selbst und seinen Körper. Hier liegt ein möglicher Ansatz, indem das Ziel nicht sein soll, keine negativen/bewertenden Gedanken mehr zum Körper zu haben, sondern mit sich akzeptierend und freundlich umzugehen, wenn man sich dabei ertappt, das man gerade wieder einmal sehr negativ über sich selber gesprochen hat. Dadurch können diese Gedanken mit der Zeit auch an Wirkung und Einfluss verlieren. Völlige Neutralität ist jedoch in den meisten Fällen nicht möglich und soll auch nicht das Ziel sein, sondern die Akzeptanz, dass gewisse Gedanken uns stressen können oder sonst in einer Weise einen Moment schwierige Gefühle in uns bewirken.

Was ist der Unterschied zwischen Transsexualität, also wenn sich jemand nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlt und einer Körperbildstörung? Gibt es da auch Gemeinsamkeiten?

Roland Müller: Guten Abend, eine Körperbildstörung bezieht sich auf bestimmte Aspekte des Aussehens, z.B. die Muskelmasse, die Nase, die Haare, die verzerrt wahrgenommen werden und denen dabei eine grosse Bedeutung zugemessen wird, wie andere einem sehen und welche Auswirkungen das im Alltag hat (sei dies beruflich, zwischenmenschlich etc.). Transsexualität bezieht sich unter anderem auf die körperliche Ausprägung der Geschlechtsmerkmale als zu wenig dem Geschlecht entsprechend, dem man sich zugehörig fühlt. Das Thema ist durchaus komplex und die Forschung legt nahe, dass es eine gewisse Überschneidung von Körperdysmorphien Störungen, Essstörungen und Transsexualität gibt. Häufig zeigt sich in der Praxis, dass der Angleich an das Geschlecht, dem man sich zugehörig fühlt, den Leidensdruck stark reduziert. Ist dies nicht der Fall, kann ggf. eine Körperbildstörung vorliegen. Auch interessant ist, dass bei weitem nicht alle Menschen die Transsexuell sind eine körperliche Angleichung des Geschlechts wünschen oder aber eine partielle Angleichung den Leidensdruck, im falschen Körper geboren zu sein, schon deutlich verringert.

Guten Abend Wie geht man am besten mit jemandem um, der eine Körperbildstörung hat? Z.B: Wann die Person sich zu dick/dünn oder anders hässlich fühlt. Vielen Dank.

Roland Müller: Guten Abend. Meist verbirgt sich hinter den Aussagen (wie auch der Körperbildstörung) ein grosses psychisches Leid und Selbstwertprobleme, die eine längere Geschichte und vielfältige Ursachen haben. Es kann also in solchen Momenten eher darum gehen, wie es der Person eigentlich geht, was sie/er fühlt oder beschäftigt. Als Angehörige soll es aber nicht darum gehen zu versuchen, hier zum Therapeuten zu werden. Die Hilfestellung kann eher in die Richtung gehen, die eigenen Sorgen auszudrücken ob es dem Gegenüber gut geht und dann dabei zu unterstützen, sich professionelle Hilfe zu holen.

Ab wann wird die Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen krankhaft?

Roland Müller: Guten Abend, die Beschäftigung mit dem eigenen Körper wird dann zu einem Problem, wenn man z.B. nicht mehr aufhören kann, über die vermeintlichen körperlichen Makel nachzudenken, der Blick in den Spiegel praktisch nur noch diesen Aspekt zulässt, man beginnt sich sozial zurückzuziehen, ständig auch im Aussen anderen gegenüber davon spricht, wie schlecht man aussieht und beginnt, diese Stellen am Körper zu verdecken oder zu kaschieren (z.B. mehrere Pullover um massiger zu wirken, weite Kleider um das vermeintliche Körperfett zu verstecken). Dabei ist oft auch der Selbstwert tief, man kann sich auch zunehmend depressiv fühlen weil man sich zurückzieht und sich im Alltag immer mehr einschränkt.

Guten Abend, Unsere Tochter hatte eine durch Aknemedikamente verursachte Körperdysmorphie. Warum wird bei der Vergabe solcher Medikamente gerade bei sehr jungen Menschen nicht stärker auf die Risiken dieser Medikamente hingewiesen? Besten Dank

Roland Müller: Guten Abend. Leider haben Aknemedikamente vielfältige Nebenwirkungen auf die Psyche. Ein Dermatologe sollte hierbei Umfangreich aufklären, und im Falle von Jugendlichen nicht nur die betroffene Person sondern auch die Eltern, damit Anzeichen für Nebenwirkungen rasch erkannt werden können. Andererseits kann eine schwere Akne bei einer betroffenen Person bereits viel Leidensdruck und Einfluss auf die Körperwahrnehmung bewirken, womit das Körperbild schon vor der Behandlung mit einem Medikament schon Belastungen ausgesetzt war und diese aufgrund der Nebenwirkungen ggf. eine Verstärkung erfahren. Sie haben offenbar beim Dermatologen Ihrer Tochter nicht die sorgsame Aufklärung und Kontrolle erfahren, die man sich eigentlich in so einer heiklen Situation wünschen würde. Ich hoffe, Sie konnten entweder das Gespräch mit Ihrem Arzt finden oder aber einen Behandler finden, der die komplexe und heikle Situation gut anzugehen vermag.

Manchmal habe ich ein besseres Bild von mir, wenn ich mich im Spiegel anschaue, als wenn ich mich danach auf Fotos anschaue. Wieso ist das so?

Roland Müller: Guten Abend, unser Gehirn gewöhnt sich mit der Zeit an einen bestimmen Anblick (also z.B. den täglichen Blick in den Spiegel). Fotos dagegen haben z.B. einen anderen Blickwinkel, andere Belichtung und sind statischer. Das Gehirn registriert alle diese Unterschiede, darum sieht man dann auf dem Foto etwas anderes.

Ist es normal, dass ich mich hässlich und unattraktiv finde, aber mein Umfeld mich eigentlich schön findet oder hat das etwas mit dem Syndrom zutun? Besten Dank

Roland Müller: Guten Abend, so wie Sie dies Schildern hat dies eher mit dem Syndrom, also einer Wahrnehmungsverzerrung, die sich auch im negativen Denken über sich und sein Aussehen äussert, zu tun. Häufig ist diese negative Sichtweise zum eigenen Aussehen ein Hinweis, dass es um tieferliegende Selbstwertthemen geht, die sich so ausdrücken.

Ich bin von Beruf Schauspielerin, es geht also viel um meinen Körper und mein Gesicht, beides wird oft bewertet. Ich selber sehe mich nicht gerne. Auch denke ich manchmal auf der Bühne, dass es eine Zumutung für das Publikum ist, mich anzuschauen. Das behindert mich oft in meinem Beruf. Gibt es Strategien seinen Körper «auszublenden»?

Roland Müller: Guten Abend. Das ist eine schwierige Situation, Sie stellen sich dieser Herausforderung praktisch täglich. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht hilfreich wäre, als Schauspielerin den Körper auszublenden, da er ihr Medium ist, mit dem Sie Ihre Rollen Portieren. Vielleicht geht es eher in Richtung eines Akzeptanzprozesses der negativen Gedanken und Empfindungen, die Sie in Bezug auf Ihren Körper haben, das heisst Sie sind mit diesen «Begleitern» gemeinsam auf der Bühne und anstatt sie wegzudrücken haben Sie irgendwo in einer Ecke der Bühne ihren Platz. Das Entlastet das Arbeitsgedächtnis und kann helfen, dass sich die Situation mit der Zeit etwas neutralisiert und damit entspannt. Ggf. kann es aber auch helfen, die zugrundeliegenden Muster mit professioneller Unterstützung genauer zu bearbeiten.

SRF 1, Puls, 16.2.2026, 21:05 Uhr ; 

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