Die Anziehung ist da, der Hundeblick sowieso. Für einmal tanzen nicht zwei Menschen zu «Hungry Eyes». Sondern eine Frau und ein Hund. Sexyness zählt hier nicht, nur die Harmonie. Die zwei: ein eingespieltes Team. Die Szene ist Teil des Schauspiels «Wau Wow», in dem Hunde die Hauptrolle spielen.
«Wau Wow», das in der Lokremise in St. Gallen spielt, dreht sich um die Beziehung zwischen Mensch und Hund. Die kreativen Köpfe hinter dem Schauspiel sind Regisseur Piet Baumgartner und Dramaturgin Julie Paucker.
Der Hund stiehlt die Show
Die Theatermacher sind Hundefans, seit sie Kinder sind. Die Idee, ein Theater mit Hunden zu machen, brüte schon eine Weile, so Piet Baumgartner: «Schauspieler und Schauspielerinnen können den schönsten Monolog machen: Wenn ein Hund auf der Bühne gähnt, schauen alle auf ihn.» Der Hund: ein süsser Störfaktor.
Julie Paucker ergänzt: Als Hundehalterin käme sie ständig ins Gespräch mit Menschen, die auch Hunde hätten. Weil die Beziehung zum Tier so wichtig sei, sei sie auch auf der Bühne der Rede wert. «Immer mehr Leute haben Hunde. Was hat das mit unserer Zeit zu tun?» Antworten will Paucker auch im Schauspiel suchen.
Viele Schweizer sind tatsächlich auf den Hund gekommen. Während sie weniger Kinder kriegen, tun sich mehr Menschen einen Hund zu. Paucker und Baumgartner vermuten: Der Hund sei vielleicht ein Mittel gegen Einsamkeit, die letzte Schneise zur Natur. Der Hund lehre den Menschen, im Moment zu sein. Zufrieden mit wenig: Ein guter Knochen reicht.
In der Beziehung von Mensch und Tier findet man viele philosophische Fragen. Aber die Beziehung, die manchmal fast schon symbiotisch ist, hat auch absurde Seiten. «Meiner ist ein ganzer lieber!» oder «Er hat noch nie gebissen.»: Sätze, die sonst von vernarrten Hundehaltern runtergebetet werden, werden hier von Schauspielern gesprochen. Einer trägt provokativ einen Pullover mit Katze drauf.
Ein gemischter Haufen
Wichtig in der Produktion mit Hunden: Ohne Leckerli läuft nichts. Das Wohl der Hunde – es ist für die Theaterschaffenden wichtig. Auch eine Hundetrainerin ist vor Ort.
Das Ensemble sonst: Fünf Hunde, Hundehalter und -halterinnen, ein Schauspieler, eine Schauspielerin und eine Tänzerin. Ein gemischter Haufen, der fordert und drum so reizvoll ist: «Mich interessiert Theater, wenn ich nicht mehr so genau weiss, wie es geht. Hier komme ich auf meine Kosten», schmunzelt Julie Paucker.
Für Piet Baumgartner, auch bekannt für seine Filme, ist das Schauspiel auch die Antithese zu einem seiner Filme: In «The Driven Ones» begleitete er HSG-Studenten auf ihrem Weg ins Business. Da galt: «Survival of the Fittest»:«Dieses Schauspiel ist sozusagen die Antithese zur HSG, zum Wettbewerb. Bei den Hunden hier auf der Bühne zählt: Hier gewinnt der Netteste, der Süsseste: Survival of the Kindest.»
Es geht um die Wurst
Die Frage, die sich beim Hundetheater aufdrängt: Sind die Tiere auch Mittel, um Menschen ins Theater zu locken? «Ich mag’s, wenn Theater niederschwellig ist. Wenn Leute ins Theater kommen, die sich sonst nicht trauen: Be my guest.»
In einer Szene, das sei verraten, geht es um die Wurst. Denn beim Hund – da hat das Tier die Schnauze vorn – ist die Welt in Ordnung, wenn es genug zum Fressen hat.