Auf der Moosegg im Emmental wird seit 30 Jahren jeden Sommer Theater gespielt. Dafür wird auf 1000 Meter Höhe mitten im Wald jeweils eine Freilichtbühne mit Zuschauertribüne aufgebaut. Doch nach dieser Saison ist Schluss.
In Gotthelfs Fussstapfen
Simon Burkhalter hat die Freilichtspiele Moosegg die letzten zehn Jahre geleitet. Seine letzte Spielzeit steht noch mal ganz im Zeichen von Jeremias Gotthelf. Im Musical «Gotthelfs Kinder» steht Simon Burkhalter selber auf der Bühne. Er spielt Albert Bitzius, den Sohn des Emmentaler Dichters und Pfarrers. Im Stück von Paul Steinmann trifft er sich mit seinen beiden Schwestern in einem Gasthof, um über den berühmten Vater zu reden.
Dabei kommen auch Privates und wenig Bekanntes über Jeremias Gotthelf zur Sprache, der im Volkstheater immer noch äusserst beliebt und präsent ist.
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Bild 1 von 5. Freilichtbühne auf 1000 Metern über Meer: Szene aus dem Musical «Gotthelfs Kinder», das 2026 auf der Moosegg aufgeführt wird. Auf der Bühne rechts im Bild: Simon Burkhalter als Albert Bitzius. Bildquelle: Freilichtspiele Moosegg / Simon Schwab.
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Bild 2 von 5. Das Stück von Paul Steinmann ist im 19. Jahrhundert angesiedelt. Neben professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern spielt der Laienchor eine wichtige Rolle. Bildquelle: Freilichtspiele Moosegg / Simon Schwab.
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Bild 3 von 5. Freilichttheater wie «Gotthelfs Kinder» erzählen Geschichten von Menschen, die einem nahe kommen und ans Herz wachsen. Bildquelle: Freilichtspiele Moosegg / Simon Schwab.
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Bild 4 von 5. Das Stück «Gotthelfs Kinder» spielt in einem Gasthof, in dem Jeremias Gotthelf selbst regelmässig eingekehrt ist. Bildquelle: Freilichtspiele Moosegg / Simon Schwab.
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Bild 5 von 5. Die Bühne auf der Moosegg ist mitten im Wald aufgebaut. Im Bild zu sehen sind «Gotthelfs Kinder» – die beiden Töcher und der Sohn von Jeremias Gotthelf. Bildquelle: Freilichtspiele Moosegg / Simon Schwab.
Vieles habe sich in den letzten Jahren verändert, erzählt der gerade mal 33-jährige Opernsänger, Autor und Regisseur Simon Burkhalter, der selbst im Emmental aufgewachsen ist. Der finanzielle Druck sei grösser geworden, nicht zuletzt wegen der Abhängigkeit vom Wetter.
Gleichzeitig habe sich das Freizeitverhalten des Publikums verändert, das Kulturangebot sei gewachsen. «Dass die Moosegg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nur schlecht zu erreichen ist, hilft auch nicht.» Allerdings, fügt Burkhalter lachend an, hätten viele Besucherinnen und Besucher jeweils Fahrgemeinschaften gebildet, um zusammen auf die Moosegg zu fahren.
Lokal verankerte Geschichten
Es ist eine Kunstform, die verbindet – das zeichnete das Freilichttheater schon immer aus. Das Erlebnis beginnt oft schon mit dem Anfahrtsweg. Nicht selten sind zudem die Stoffe lokal verankert. Auf der Bühne stehen unterschiedliche Generationen, Laien und Profis spielen Seite an Seite. Und: Das Kulturerlebnis unter freiem Himmel zieht ein Publikum an, das sonst nicht ins Theater geht.
Besonders gut würden Geschichten funktionieren, die in die jeweilige Region passen, sagt Simon Burkhalter. Geschichten, die von Menschen handeln, die einem nahekommen und ans Herz wachsen – auch wenn sie wie die Figuren von Gotthelf in einem anderen Jahrhundert gelebt haben.
Nicht nur die Freilichtspiele auf der Moosegg hören Ende Sommer auf, auch beim bekannten Freilichttheater auf dem Berner Hausberg Gurten ist nach dieser Saison Schluss. Dennoch will Burkhalter nicht von einer Krise des Freilichttheaters in der Schweiz reden. «Die traditionelle Kunstform ist im Wandel. Wiederkehrende Veranstaltungen haben es derzeit schwerer als einmalige Projekte, die landauf, landab auftauchen.»
Tatsächlich ist die Szene nach wie vor vielfältig und das Angebot fast unüberschaubar breit. Gespielt wird im alpinen Raum genauso wie auf Dorf- und Kirchplätzen. Bergketten, Landschaften und Seen bieten die Kulisse für die unterschiedlichsten Freilichtevents: Kommerzielle Musicals wie aktuell etwa «Grease» auf der Thuner Seebühne, rührende Heimatgeschichten, aber auch zeitgenössische Stoffe und ambitioniertere Formate.
Das Freilichttheater ist nicht nur beliebt, sondern hat auch historisch eine besondere Bedeutung für das Schweizer Theater: Aus religiösen Prozessionen wie den Fasnachtsspielen im Mittelalter entwickelten sich die hiesige Volkstheatertradition und die Anfänge des Laientheaters.
Ende des 19. Jahrhunderts erlebten christliche und patriotische Festspiele zu historischen Jubiläen einen eigentlichen Boom. Eine Voraussetzung dafür war die aufblühende Vereinskultur. Ganze Familien und Dörfer engagierten sich für die aufwendig inszenierten Anlässe.
Zwischen Tradition und Erneuerung
In den vergangenen 20 Jahren setzten viele traditionelle Freilichttheater auf Professionalisierung. Bekannte Regisseure und Autorinnen arbeiten mit gemischten Ensembles aus Profi- und Laiendarstellerinnen und -darstellern.
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Bild 1 von 8. Durch diese hohle Gasse kommt er schon lange: Im Mai 1912 wurde Schillers Drama um Wilhelm Tell erstmals am heutigen Standort der Tellspiele in Matten bei Interlaken aufgeführt (Aufnahme von 1941). Bildquelle: Keystone / str.
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Bild 2 von 8. Coiffeur mit Freiluft-Salon: Szene aus «Dällebach Kari» unter der Regie von Livia Anne Richard, das im Sommer 2006 auf dem Gurten bei Bern zur Aufführung kam. Bildquelle: Keystone / Lukas Lehmann.
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Bild 3 von 8. Das Stück «Paradies», das 2014 auf den Berner Hausberg kam, basiert auf dem preisgekrönten Dokfilm «Unser Garten Eden – Geschichten aus dem Schrebergarten». Bildquelle: Keystone / Lukas Lehmann.
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Bild 4 von 8. Angefangen als Strassenkunst in den 1980er-Jahren, ist Karl's kühne Gassenschau heute bekannt für grosse Spektakel: Szene aus der Produktion «aqua», die 2003 in Würenlos (AG) uraufgeführt wurde. Bildquelle: Keystone / WALTER BIERI.
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Bild 5 von 8. Ein Steinbruch als Setting und Protagonist der Show: «Silo 8» von Karl's kühne Gassenschau feierte 2006 Premiere und wurde später wiederholt an anderen Standorten aufgeführt (Bild von 2023 in Saint-Triphon, VD). Bildquelle: Keystone / LAURENT GILLIERON.
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Bild 6 von 8. Tragik vor pittoresker Kulisse: 2019 wurde «Romeo und Julia auf dem Dorfe» von Gottfried Keller auf dem Ballenberg aufgeführt. Bildquelle: Keystone / Urs Flüeler.
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Bild 7 von 8. Imposant die Kulisse des Einsiedler Welttheaters: Laiendarstellerinnen und -darsteller auf dem Klosterplatz in einer farbenfrohen Aufführung von 2007. Verfasst hatte das Stück der Schriftsteller Thomas Hürlimann nach Calderon, die Inszenierung stammte von Volker Hesse. Bildquelle: Keystone / Urs Flüeler.
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Bild 8 von 8. Im Jahr 2024 feierte das Welttheater Einsiedeln sein 100-jähriges Jubiläum. Livio Andreina führte Regie – Autor des Stücks war Lukas Bärfuss. Bildquelle: Keystone / Urs Flüeler.
Zudem entstehen immer wieder neue Stücke, die eigens für einen bestimmten Ort und zu aktuellen Themen geschrieben werden. Dieses Jahr etwa auf dem Landschaftstheater Ballenberg: In «Akte Zybach» wird der Aufstieg und Fall des Grimsel-Wirts und Tourismuspioniers Peter Zybach erzählt. Sein Name stand im 19. Jahrhundert für einen der ersten Schweizer Versicherungsbetrugsfälle.
Regie führt – zum ersten Mal auf dem Ballenberg, wo inmitten der Gebäude des Landschaftsmuseums gespielt wird – Simon Burkhalter.
Ein Terrain für Experimente
Im Gespräch über die Zukunft des Freilichttheaters erzählt der umtriebige Theatermann von einer weiteren Herausforderung: «Die Generation der Theaterschaffenden, die die Szene in den letzten Jahrzehnten geprägt hat, kommt ins Rentenalter. Damit droht viel Erfahrung und handwerkliches Wissen verloren zu gehen.»
Doch das gebe auch Raum für Neues, sagt Simon Burkhalter. Er ist selbst ein anschauliches Beispiel dafür, dass Freilichttheater für eine jüngere Generation ein interessantes Terrain sein kann, in dem man sich ausprobieren und experimentieren kann.
Durchlässige Grenzen
«Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft des Freilichttheaters», sagt der erklärte Fan von guter Unterhaltung, der es gleichermassen schätzt, im Frack auf der klassischen Opernbühne zu stehen.
Vielleicht ist auch das eine gute Spur in die Zukunft: Wenn die historisch gewachsenen Grenzziehungen zwischen Laien- und Volkstheater auf der einen und professionellem Stadttheater auf der anderen Seite zusehends durchlässig werden.
Als gemeinschaftliches Erlebnis mit dem Potenzial, Generationen zu verbinden, passen Freilichtevents durchaus in die heutige Zeit. Und so wie sich das Freilichttheater immer wieder neu erfunden hat, wird die Faszination für das Theater unter freiem Himmel auch eine lebendige Zukunft haben: in einem kontinuierlichen Austausch von Tradition und Erneuerung.