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Schweizer Freilichttheater Auch diesen Sommer heisst es: Bühne frei – bei Wind und Wetter

Ob auf Dorfplätzen oder Seebühnen: In der Schweiz haben Freilichttheater eine lange Tradition – und doch zeichnet sich ein Wandel ab, wie der Besuch auf der Moosegg im Emmental zeigt.

Auf der Moosegg im Emmental wird seit 30 Jahren jeden Sommer Theater gespielt. Dafür wird auf 1000 Meter Höhe mitten im Wald jeweils eine Freilichtbühne mit Zuschauertribüne aufgebaut. Doch nach dieser Saison ist Schluss.

In Gotthelfs Fussstapfen

Simon Burkhalter hat die Freilichtspiele Moosegg die letzten zehn Jahre geleitet. Seine letzte Spielzeit steht noch mal ganz im Zeichen von Jeremias Gotthelf. Im Musical «Gotthelfs Kinder» steht Simon Burkhalter selber auf der Bühne. Er spielt Albert Bitzius, den Sohn des Emmentaler Dichters und Pfarrers. Im Stück von Paul Steinmann trifft er sich mit seinen beiden Schwestern in einem Gasthof, um über den berühmten Vater zu reden.

Dabei kommen auch Privates und wenig Bekanntes über Jeremias Gotthelf zur Sprache, der im Volkstheater immer noch äusserst beliebt und präsent ist.

Vieles habe sich in den letzten Jahren verändert, erzählt der gerade mal 33-jährige Opernsänger, Autor und Regisseur Simon Burkhalter, der selbst im Emmental aufgewachsen ist. Der finanzielle Druck sei grösser geworden, nicht zuletzt wegen der Abhängigkeit vom Wetter.

Gleichzeitig habe sich das Freizeitverhalten des Publikums verändert, das Kulturangebot sei gewachsen. «Dass die Moosegg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nur schlecht zu erreichen ist, hilft auch nicht.» Allerdings, fügt Burkhalter lachend an, hätten viele Besucherinnen und Besucher jeweils Fahrgemeinschaften gebildet, um zusammen auf die Moosegg zu fahren.

Lokal verankerte Geschichten

Es ist eine Kunstform, die verbindet – das zeichnete das Freilichttheater schon immer aus. Das Erlebnis beginnt oft schon mit dem Anfahrtsweg. Nicht selten sind zudem die Stoffe lokal verankert. Auf der Bühne stehen unterschiedliche Generationen, Laien und Profis spielen Seite an Seite. Und: Das Kulturerlebnis unter freiem Himmel zieht ein Publikum an, das sonst nicht ins Theater geht.

Besonders gut würden Geschichten funktionieren, die in die jeweilige Region passen, sagt Simon Burkhalter. Geschichten, die von Menschen handeln, die einem nahekommen und ans Herz wachsen – auch wenn sie wie die Figuren von Gotthelf in einem anderen Jahrhundert gelebt haben.

Nicht nur die Freilichtspiele auf der Moosegg hören Ende Sommer auf, auch beim bekannten Freilichttheater auf dem Berner Hausberg Gurten ist nach dieser Saison Schluss. Dennoch will Burkhalter nicht von einer Krise des Freilichttheaters in der Schweiz reden. «Die traditionelle Kunstform ist im Wandel. Wiederkehrende Veranstaltungen haben es derzeit schwerer als einmalige Projekte, die landauf, landab auftauchen.»

Tatsächlich ist die Szene nach wie vor vielfältig und das Angebot fast unüberschaubar breit. Gespielt wird im alpinen Raum genauso wie auf Dorf- und Kirchplätzen. Bergketten, Landschaften und Seen bieten die Kulisse für die unterschiedlichsten Freilichtevents: Kommerzielle Musicals wie aktuell etwa «Grease» auf der Thuner Seebühne, rührende Heimatgeschichten, aber auch zeitgenössische Stoffe und ambitioniertere Formate.

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Moosegg: Hommage an Jeremias Gotthelf
Zum Abschluss gibt es auf der Moosegg noch einmal richtig viel Gotthelf: Der Autor Paul Steinmann hat ein Stück über die drei Kinder des berühmtesten Emmentaler Dichters geschrieben, das ihn auch von seiner privaten Seite zeigt. Und Simon Burkhalter hat Gotthelfs «Hansjoggeli, der Erbvetter» für die Bühne adaptiert. Ein Stück, in dem es um Abschied geht.

Freilichtspiele Moosegg: «Gotthelfs Kinder», 10. bis 24. Juni. «Hansjoggeli!», 2. Juli bis 15. August.

Karl's kühne Gassenschau: Open-Air-Wasserspektakel
Schon im dritten Jahr und wieder weitgehend ausverkauft spielen Karl's kühne Gassenschau ihr Open-Air-Wasserspektakel «Reception» in Dietikon. Seit ihren Anfängen in den 1980er-Jahren hat sich die Truppe einen Namen gemacht für aussergewöhnliche Spektakel an besonderen Orten.

Karl's kühne Gassenschau: «Reception», bis 26. September.

Letzte Produktion auf dem Berner Hausberg
Seit 2002 hat die Autorin und Regisseurin Livia Ann Richard auf dem Gurten alle zwei Jahre ein neues Stück inszeniert. Mit «So viu Läbe» geht diese Tradition nun zu Ende. Ihr letztes Stück handelt vom Generationenhaus «Inseli», in dem Jung und Alt zusammen leben.

Gurten Freilichttheater: «So viu Läbe», 24. Juni bis 28. August.

Schweizer Betrugsfall auf dem Ballenberg
Es ist eine wahre Geschichte: Der Grimsel-Wirt Peter Zybach machte im 19. Jahrhundert Schlagzeilen mit einem spektakulären Versicherungsbetrug. Inmitten des Landschaftsparks Ballenberg geht «Akte Zybach» seinem Aufstieg und Fall nach. Regie führt zum ersten Mal am Ballenberg Simon Burkhalter.

Landschaftstheater Ballenberg: «Akte Zybach», 1. Juli bis 15. August.

Ein weiterer Klassiker auf der Thuner Seebühne
Letztes Jahr «Heidi», dieses Jahr das Musical «Grease». Die Thuner Seebühne ist bekannt für publikumswirksame Open-Air-Musicals, in denen sich die grossartige Landschaft und grosse Gefühle verbinden. Und dies vor der Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau.

Thunerseespiele: «Grease», 8. bis 22. Juli.

Interlaken: Das Comeback von Wilhelm Tell
Die Tellspiele Interlaken gehören zu den ältesten und bekanntesten Freilichttheatern der Schweiz. Nachdem in den letzten zwei Jahren «Robin Hood» gespielt wurde, kehrt das Theater dieses Jahr wieder zu seiner eigentlichen Hauptfigur zurück und gibt den Schweizer Nationalhelden in einer adaptierten Dialektfassung, frei nach Schiller.

Tellspiele Interlaken: «Tell unser Held», 25. Juli bis 5. September.

Blick in die Geschichte: Das zweite Moorgarten-Spektakel
Schon vor elf Jahren haben der Autor Paul Steinmann und die Regisseurin Annette Windlin ein Projekt rund um das Morgarten-Denkmal gemacht. Nun tun sie es wieder: Im Stück «Spatenstich» versuchen Investoren, ein Luxus-Resort direkt neben dem Denkmal zu realisieren, der Widerstand lässt nicht auf sich warten.

Morgartenspektakel: «Spatenstich», 7. August bis 19. September.

Das Freilichttheater ist nicht nur beliebt, sondern hat auch historisch eine besondere Bedeutung für das Schweizer Theater: Aus religiösen Prozessionen wie den Fasnachtsspielen im Mittelalter entwickelten sich die hiesige Volkstheatertradition und die Anfänge des Laientheaters.

Ende des 19. Jahrhunderts erlebten christliche und patriotische Festspiele zu historischen Jubiläen einen eigentlichen Boom. Eine Voraussetzung dafür war die aufblühende Vereinskultur. Ganze Familien und Dörfer engagierten sich für die aufwendig inszenierten Anlässe.

Zwischen Tradition und Erneuerung

In den vergangenen 20 Jahren setzten viele traditionelle Freilichttheater auf Professionalisierung. Bekannte Regisseure und Autorinnen arbeiten mit gemischten Ensembles aus Profi- und Laiendarstellerinnen und -darstellern.

Zudem entstehen immer wieder neue Stücke, die eigens für einen bestimmten Ort und zu aktuellen Themen geschrieben werden. Dieses Jahr etwa auf dem Landschaftstheater Ballenberg: In «Akte Zybach» wird der Aufstieg und Fall des Grimsel-Wirts und Tourismuspioniers Peter Zybach erzählt. Sein Name stand im 19. Jahrhundert für einen der ersten Schweizer Versicherungsbetrugsfälle.

Regie führt – zum ersten Mal auf dem Ballenberg, wo inmitten der Gebäude des Landschaftsmuseums gespielt wird – Simon Burkhalter. 

Ein Terrain für Experimente

Im Gespräch über die Zukunft des Freilichttheaters erzählt der umtriebige Theatermann von einer weiteren Herausforderung: «Die Generation der Theaterschaffenden, die die Szene in den letzten Jahrzehnten geprägt hat, kommt ins Rentenalter. Damit droht viel Erfahrung und handwerkliches Wissen verloren zu gehen.»

Doch das gebe auch Raum für Neues, sagt Simon Burkhalter. Er ist selbst ein anschauliches Beispiel dafür, dass Freilichttheater für eine jüngere Generation ein interessantes Terrain sein kann, in dem man sich ausprobieren und experimentieren kann.

Durchlässige Grenzen

«Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft des Freilichttheaters», sagt der erklärte Fan von guter Unterhaltung, der es gleichermassen schätzt, im Frack auf der klassischen Opernbühne zu stehen.

Vielleicht ist auch das eine gute Spur in die Zukunft: Wenn die historisch gewachsenen Grenzziehungen zwischen Laien- und Volkstheater auf der einen und professionellem Stadttheater auf der anderen Seite zusehends durchlässig werden.

Als gemeinschaftliches Erlebnis mit dem Potenzial, Generationen zu verbinden, passen Freilichtevents durchaus in die heutige Zeit. Und so wie sich das Freilichttheater immer wieder neu erfunden hat, wird die Faszination für das Theater unter freiem Himmel auch eine lebendige Zukunft haben: in einem kontinuierlichen Austausch von Tradition und Erneuerung.

Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz Talk, 18.6.2026, 9:03 Uhr; herb

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