Nach der Premiere reibt man sich die Augen und fragt sich, wie es so lange dauern konnte, bis das Theater Hora und Christoph Marthaler auf der Bühne zusammentreffen.
Beide, Marthaler und das Theater Hora, gehören seit mehr als dreissig Jahren zum Inspirierendsten, was das Schweizer Theater zu bieten hat. Und auch ästhetisch verbindet sie einiges: ein spezifischer Umgang mit Zeitlichkeit (manche nennen es Mut zur Langeweile). Eine kindliche Freude am Skurrilen, absurdem Wortwitz und Slapstick. Und: Präsenz, Musikalität, Relevanz.
Inklusives Ensemble
Von all dem ist in der ersten gemeinsamen Arbeit am Theater Basel reichlich vorhanden. Die Spieler und Spielerinnen des Theater Basel und des Theater Hora bilden ein im besten Sinne inklusives Ensemble, das sich auf der Bühne gemeinsam dem Vermessen der Gegenwart verschrieben hat.
Wer welche Herkunft oder allenfalls eine sogenannte Beeinträchtigung hat, spielt dabei keine Rolle. Gespielt wird auf Augenhöhe, ohne Hierarchie.
Improvisation und Spiellust
Eine eigentliche Geschichte hat der Abend nicht, Texte und Situationen sind nachvollziehbar aus der Improvisation geboren: der Blick in eine Arbeitswelt, deren Evaluationswut teilweise schon gespenstige Züge annimmt.
Die Figurenbeschreibungen sind vielfältig, da ist etwa der Chef vom Test, der Chef der Füdli Chrücher oder die Chefin vom Geld. Jeder und jede steht etwas oder jemandem vor und stellt dabei spielend die eigene Wichtigkeit unter Beweis.
Hingebungsvoll testen
Am Anfang steht ein Wortspiel: Die Firma, in der hier nach Herzenslust getestet wird, ist zwar eine GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Haftung), aber hier steht die Abkürzung für «Gesellschaft mit besonderer Hingabe».
Kissen, Staubsauger, die Abstände zwischen Stühlen – getestet wird mit zarter Ernsthaftigkeit und bürokratischem Eifer alles, was durch einen Lastenlift in die Arbeitsräume der Firma geliefert wird.
Das Hora-Ensemble hat in den vergangenen Jahren mit vielen renommierten Regisseuren zusammengearbeitet, am Schauspielhaus Zürich zum Beispiel – mit Milo Rau und Nicolas Stemann. Dass die Gruppe nun auf Christoph Marthaler trifft, erweist sich als theatraler Glücksfall.
Absurdes Theater
Die Texte sind mehrheitlich von den Hora-Spielenden verfasst und können es getrost mit Gedichten aus dem Dada-Kosmos und dem Absurden Theater aufnehmen.
Die Szenen und Situationen fügen sich organisch ineinander und zeigen eine weitere Verwandtschaft: Marthaler wie das Hora-Theater haben ein besonderes Gespür für ein nachhaltiges Timing. Das Ensemble auf der Bühne nimmt sich Zeit, die einzelnen Szenen entstehen zu lassen, teilweise richtig viel Zeit.
Gerade dadurch generiert der Abend eine Verweiskraft über das reine Bühnengeschehen hinaus und zeigt, wie es sich (nicht nur theatral) lohnt, einer vorschnellen Reduktion der gesellschaftlichen Komplexität mit Hartnäckigkeit, Witz und Musse zu begegnen.