Wenn der Körper etwas anderes sagt: japanisches Theater in Europa

Der japanische Autor und Regisseur Toshiki Okada hat vor kurzem zum ersten Mal ein Theaterstück in Deutschland inszeniert. Das Stück wurde auf Deutsch übersetzt, der japanische Kontext jedoch beibehalten. Die Schauspieler mussten eine neue Theatersprache erlernen.

Frau hält die Arme über ihren Kopf. Der Mann vor ihr macht eine Tanzbewegung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bei Okada erzählt der Körper etwas anderes als der Text. Münchner Kammerspiele/Julian Baumann

  • Okada hat als einer der ersten japanischen Regisseure auf der Bühne soziale Veränderungen angesprochen.
  • Bewegung und Sprache sind in Okadas Theater zwei unabhängige Medien: der Körper sagt etwas anderes als der Text.
  • Für die Münchner Kammerspiele hat Okada eines seiner Stücke mit deutschen Schauspielern einstudiert.

Wir treffen uns in der Kantine der Münchner Kammerspiele, wo Toshiki Okada sein Stück «Hot Pepper, Air Conditioner and the Farwell Speech» mit deutschen Schauspielern inszeniert.

Vor acht Jahren hat er das Stück über die prekäre Arbeitssituation von japanischen Zeitarbeitern für seine Theaterkompanie «chelfitsch» geschrieben. Mit dieser Produktion ist die Gruppe weltweit getourt und bekannt geworden.

Zwei Männer in Anzügen sitzen an einem Tisch. Dahinter steht ein Dritter, ebenfalls im Anzug. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Okada liess die Texte auf Deutsch übersetzen, Namen und Orte jedoch blieben japanisch. Münchner Kammerspiele/Julian Baumann

Pionier mit sozialem Gewissen

In Japan war Okada einer der Ersten, der sich auf der Bühne mit den sozialen Veränderungen in Japan beschäftigten.

«Seit einigen Jahren verlieren immer mehr Japaner ihre Festanstellung und werden nur noch als Zeitarbeiter beschäftigt. Diesen kann man jederzeit kündigen. Was das für eine Gesellschaft bedeutet, wollte ich damals untersuchen», erzählt der Regisseur.

Deutsche Schauspieler, japanischer Kontext

Für die Münchner Kammerspiele hat er das Stück nicht auf den deutschen Kontext umgeschrieben. Die Schauspieler haben – wie im Original – japanische Namen und das Stück spielt in einer japanischen Grosstadt.

«Ich wollte nicht so tun, als ob das Stück in Europa spiele. Der Kontext ist sowieso ein ganz anderer. Ich arbeite mit deutschen Schauspielern, die auf der Bühne Deutsch sprechen – also eine Sprache, die ich nicht verstehe – und die aus einer ganz anderen Theatertradition kommen als meine eigene Gruppe, mit der ich seit mehr als fünfzehn Jahren zusammenarbeite.»

«Hot Pepper, Air Conditioner and the Farwell Speech» (Trailer)

1:31 min, vom 12.9.2016

Schauspieler lernten neue Theatersprache

Toshiki Okada arbeitet nicht zum ersten Mal in einem interkulturellen Umfeld. Vor einem Jahr hat er mit einem gemischten Ensemble aus japanischen und koreanischen Schauspielern ein Stück über die Faszination von Baseball geschrieben und inszeniert.

«Interessanterweise haben wir da viel öfter über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten gesprochen als in München. An den Kammerspielen ging es vor allem um ästhetische Fragen, weil die Schauspieler zuerst meine Theatersprache lernen mussten.»

Der Körper erzählt etwas anderes

Bewegung und Sprache sind in Okadas Theater zwei unabhängige Medien, die unterschiedliches ausdrücken. Der Körper erzählt etwas anderes als der Text.

Deshalb wurden seine Theaterarbeiten früher auch oft auf als Choreographien beschrieben. Dass der Abend in München ein Erfolg geworden ist, hat vor allem mit dieser Ästhetik zu tun, die für das deutsche Publikum ungewohnt ist.

Asiatische Theaterschaffende treffen sich in Europa

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Veranstaltungshinweise

«Time’s Journey Through a Room» von Toshiki Okada/chelftisch: 16. und 17. September am Festival La Batie in Genf.

«Hot Pepper, Air Conditioner and the Farewell Speech» wird an den Münchner Kammerspielen wieder am 6. Oktober gespielt.

Schon plant Toshiki Okada die zweite Arbeit für die Münchner Kammerspiele. Es soll ein Abend über das japanische No-Theater werden, das allerdings nicht in der Vergangenheit, sondern in der japanischen Gegenwart spielen wird.

Davor will er seine innerasiatische Recherche weitertreiben. In Thailand. «Kooperationen zwischen asiatischen Ländern sind ziemlich neu. Viele aus meiner Generation waren öfter in Europa auf Festivals und haben, wenn überhaupt, dort andere asiatische Kollegen getroffen».

Interesse an den asiatischen Nachbarn wächst

Seit einigen Jahren lassen sich Entwicklungen in verschiedenen asiatischen Ländern beobachten, die diese Fixierung auf den europäischen Markt mindern wollen.

Es sind grosse Theaterkomplexe in verschiedenen Städten entstanden, die asiatischen Künstlern und Gruppen die Möglichkeit geben sollen, ihre Arbeiten dort zu zeigen. Noch ist die Infrastruktur für Theater im Westen besser, auch wenn das Interesse an der Arbeit der asiatischen Nachbarn an vielen Orten wächst.

Asien blickt auf Asien

In Gwangju in Südkorea etwa wurde letztes Jahr das Asian Arts Theatre mit einem grossen internationalen Festival eröffnet, das einen «Blick von Asien auf Asien» schärfen wollte und viele asiatische Künstler einer jüngeren Generation eingeladen hat, neue Arbeiten zu zeigen. Toshiki Okada war einer von ihnen.

«Ich hoffe, dass die nächste Generation nicht mehr den Umweg über Europa machen muss, um die eigenen Nachbarn kennenzulernen», sagt Toshiki Okada, der mit seiner Gruppe in der Schweiz schon mehrfach zu sehen war.

Die neuste Produktion von «chelfitsch» wird Mitte September am Festival La Batie in Genf zu sehen sein. Es ist ein konzentriertes Kammerspiel über die privaten Folgen der Kathastrophe in Fukushima vor fünf Jahren. Okada bleibt seinen theatralen Erkundungen des japanischen Alltags treu.

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