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Das war nichts Die Kultur-Flops des Jahres

Nicht alles überzeugte im Kulturjahr 2018. Manches erschien unseren Kulturredaktoren nervig bis nervtötend.

Der Film-Flop: «The House That Jack Built» von Lars von Trier ist nur noch zynisch

Ein Mann mit Brille betrachtet sich im Spiegel.
Legende: Provokation bis zum Abwinken: Lars von Triers «The House That Jack Built». Ascot Elite

Ich war immer fasziniert und oft begeistert von den Provokationen des depressiven Dänen Lars von Trier. Mit «The House that Jack Built» hat Trier nun allerdings seinen eigenen Höllensturz und die Motivation dazu inszeniert – wie gewohnt als Provokation in alle Richtungen.

Ein Serienkiller metzelt als blutiger Amateur durchs Band weg unangenehme Frauen und versteht das als Gesamtkunstwerk. Das ist ein zynischer Kommentar zu Von Triers eigenem Gesamtwerk. Der Regisseur erklärt die künstlerische Auslegung zum kläglichen Witz in einer gottlosen Welt. Ein Film wie eine Abrissbirne.

(Michael Sennhauser)

Der Literatur-Flop: Bill Clinton und James Patterson vergeigen «The President Is Missing»

James Patterson und Bill Clinton halten ihren Krimi in die Kamera.
Legende: Bestseller-Fabrikant trifft Ex-Präsident. Das Resultat: flache Pointen und eitles Selbstlob. Imago / ZUMA Press

Ganz so schlecht wie gewisse (Alt-)Bundesräte dichtet der amerikanische Ex-Präsident Bill Clinton zwar nicht. Er war zudem schlau genug, sich Support zu holen bei James Patterson, einem erprobten Bestsellerfabrikanten. Trotzdem ist der Thriller «The President Is Missing» ein grässliches Machwerk.

Den Mangel an Sprache und Spannung kompensieren die Autoren mit einer Fülle von Eitelkeit und Rechtfertigungsdrang. Das an sich brisante Thema Cyber-Terrorismus vergeigen sie. Denn Clinton geht es vor allem darum, das Idealbild eines noblen Superpräsidenten zu zeichnen – und damit indirekt den Kontrast zwischen sich selbst und Trump zu betonen.

Pattersons Part beschränkt sich darauf, überdrehte Cliffhanger und unterirdische Pointen zu liefern. So betteln Clinton/Patterson förmlich um das Prädikat «Flop des Jahres».

(Julian Schütt)

Der Musik-Flop: Selbst die Bank düdelt vor sich hin

Ein Mann von hinten mit Kopfhörern.
Legende: Auch wo nur die Kassen klingeln sollten, klimpert's stets im Hintergrund. Da helfen nur Kopfhörer. Imago / Mint Images

Ich ärgere mich in der Regel nicht über Opern oder Konzerte, die ich besuche. Da treffe ich eine Vorauswahl, gehe hin oder eben nicht, wenn es erwartbar nicht gut wird. Auch CDs höre ich mir nur dann an, wenn ich eine Vorentscheidung getroffen oder reingehört habe.

Aber ich ärgere mich, wenn ich diese Entscheidung nicht treffen kann. Wo? In der Migros, in der Telefonwarteschlaufe – und neuerdings auch in den Filialen meiner Bank.

Musikbeschallung: Pfui! Macht das nicht! Niemand braucht Musik, wenn er dabei ist, auf seiner Bank Geld abzuheben oder Dollars einzutauschen. Und doch nimmt diese sinnlose Beschallung generell zu. Mein Hilfsmittel dagegen: Kopfhörer ins Handy einstöpseln. Dann habe ich wenigstens meinen eigenen Sound.

(Benjamin Herzog)

Der Theater-Flop: Wo bleiben die Frauen?

Ein Mann mit einer Box auf einer Bühne.
Legende: Mann, Mann, Mann: Von Frauen fehlt auf vielen Bühnen jede Spur. Keystone / Ennio Leanza

Theater verbessert die Welt? Auf der Bühne vielleicht. Hinter der Bühne nicht unbedingt, jedenfalls nicht, wenn es um Geschlechtergerechtigkeit geht. Frauen sind als Intendantinnen, Regisseurinnen, Autorinnen immer noch untervertreten und verdienen oft schlechter als ihre Kollegen.

Die Tatsache ist bekannt und zumindest für Deutschland auch in Zahlen, Link öffnet in einem neuen Fenster belegt. Aber so richtig diskutiert wird sie erst jetzt im Kielwasser von #metoo.

Ein anschauliches Beispiel: Unter den zehn dieses Jahr zum massgebenden Berliner Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich waren zweieinhalb von Frauen. Das spiegelte ziemlich genau das Missverhältnis im gesamten Betrieb.

(Andreas Klaeui)

Der Philosophie-Flop: Der «Political Correctness»–Streit führt ins Leere

Ein Mann und eine Frau, die sich gegenseitig durch Megaphone anschreien.
Legende: «Man wird doch wohl noch sagen dürfen»: Ein Satz, der 2018 zu oft beschwört wurde. Imago / Ikon Images

Im Jahr 2018 haben wir offenbar das Sprechen verlernt. Überall witterte man Sprachzensur. Die lustig gemeinte Anspielung war sexistisch, die literarische Wendung rassistisch. Weil diese politische Korrektheit vielen zu weit ging, wurde sie in der Politik und in Kommentarspalten gewollt verletzt.

Zweifelsohne treiben wir es mit der Rücksichtnahme zu weit, wenn die eigene Befindlichkeit zum Massstab der Korrektheit von Aussagen wird. Doch zugleich missachtet die Tirade gegen politische Korrektheit, dass öffentliches Sprechen immer auch politisch ist.

«Man wird doch wohl noch sagen dürfen» suggeriert eine Zensurbehörde, wo es keine gibt. In Tat und Wahrheit ist diese Aussage meist der Vorspann, um Gehässigkeiten loszuwerden, die man tatsächlich nicht sagen soll. Nicht weil es verboten ist, sondern weil es das Zusammenleben vergiftet und andere verletzt.

(Barbara Bleisch)

Der Kunst-Flop: 2018 spielte die Kunst in der Vergangenheit

Ein leerer Stuhl mit einem Pelzmantel blickt in Richtung einer Wand mit einem Heizkörper.
Legende: Nicht nur die Kunsthalle Bern: Viele Museen wagen 2018 kaum in die Zukunft zu blicken. Keystone / Peter Klaunzer

2018 war das Jahr der Rückblicke und das Jahr des Kulturerbes. Von der Revolution der 1968er bis zum Landestreik 1918, die Frage lautet immer wieder, was die 8 mit uns macht. Auch der Rückblick auf die Karriere von Harald Szeemann in der Kunsthalle Bern war zwar gut gemacht, aber blieb eine Verweilen im Vermächtnis des legendären Kurators.

Es scheint, als ob man in den grossen Häusern der Kunst lieber zurückschaut als voraus. Bestätigt wird das auch durch die grosse Surrealisten-Schau im Kunsthaus Aarau, die zwar überfällig war, aber keine neuen Erkenntnisse brachte.

Für das Jahr 2019 wünscht man sich neue Visionen und Wagnisse in den Museen. Wo sonst soll die Gesellschaft durch ihr aktuelles visuelles Gedächtnis gespiegelt werden?

(Stefan Zucker)

Der Religions-Flop: Der Vatikan zerstört Hoffnungen

Der Papst vor verschwommenem Hintergrund.
Legende: Hat 2018 verpasst, an die Minderheiten in der Kirche zu denken: Papst Franziskus. Keystone / Andrew Medchini

Papst Franziskus weckte grosse Hoffnungen: Jugendliche, Frauen und nicht geweihte Männer sollten mitbestimmen dürfen. Eine Weihe von Frauen zu Diakoninnen wurde in Aussicht gestellt und Nulltoleranz bei sexuellem Missbrauch ausgerufen.

In allen drei Punkten aber enttäuschte der Vatikan dieses Jahr: An der Jugendsynode dominierten alte Bischöfe. Ums Frauendiakonat wurde es still. Und bei der Missbrauchsaufklärung machen Staaten Druck und nicht der Vatikan.

Der Ausspruch des Papstes, Abtreibung sei Auftragsmord, brachte das Fass zum Überlaufen. Sechs prominente Schweizerinnen traten aus der römisch-katholischen Kirche aus.

Homosexuelle frustrierte der Papst mit der Weisung, sie sollten weder Priester noch Ordensmänner werden. So viele Hoffnungen wurden selten zerstört in einem Jahr.

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