Zum Inhalt springen
Inhalt

Austritt aus der Kirche «Unter dieses Dach stellen wir uns nicht mehr»

Legende: Audio Protestaustritte aus der katholischen Kirche abspielen. Laufzeit 04:20 Minuten.
04:20 min, aus Rendez-vous vom 20.11.2018.

Dass der Papst Abtreibung mit Auftragsmord gleichsetzt, geht für sechs profilierte Schweizerinnen zu weit. Sie sind nun aus der katholischen Kirche ausgetreten – aus Protest gegen diese Worte. Eine von ihnen ist die ehemalige Nationalrätin der Grünen, die Luzernerin Cécile Bühlmann.

Cécile Bühlmann

Cécile Bühlmann

Ehemalige Nationalrätin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Die Luzernerin Cécile Bühlmann ist ehemalige Nationalrätin. Sie sass von 1991 bis 2005 für die Grünen im Nationalrat. Von 1993 bis 2005 war sie Fraktionspräsidentin der Grünen. Von 2005 bis 2013 hat Bühlmann den Christlichen Friedensdienst (cfd) – eine feministische Friedensorganisation – geleitet.

SRF News: Warum hat Papst Franziskus mit diesem Vergleich das Fass zum Überlaufen gebracht?

Cécile Bühlmann: Er hat damit eigentlich gesagt, dass Frauen, die ja oft aus einer Notlage heraus abtreiben, Auftragsmörderinnen seien. Und das ist eine so frauenfeindliche und frauenverachtende Aussage, dass ich und andere gefunden haben: Jetzt reicht es. Wir haben die Hoffnung verloren, dass sich mit diesem Papst – auf dem ja viele neue Hoffnungen ruhten – irgendetwas zu Gunsten der Frauen verändern wird.

Was wollen Sie mit diesem auch symbolträchtigen Schritt bewirken?

Wir wollen zeigen, dass wir nicht unter diesem Dach der römisch-katholischen Kirche stehen wollen, die am Ende für so viel Frauenfeindlichkeit in ihrer Geschichte verantwortlich ist. Wir sind engagierte Frauenrechtlerinnen, Feministinnen – und wir haben uns gegenüber die Selbstachtung wahren müssen. Sodass wir sagen: Unter dieses Dach stellen wir uns nicht mehr.

Wir haben die Hoffnung definitiv verloren, dass sich mit diesem Papst – auf dem ja viele neue Hoffnungen ruhten – irgendetwas zu Gunsten der Frauen verändern wird.

Wie viel Mut brauchte der Schritt?

Es braucht Mut, aber: Es ist auch konsequent, weil der Ärger und der Frust darüber, dass diese römisch-katholische Kirche immer wieder Dinge tut, uns schockieren. Auch die ganze Missbrauchsgeschichte ist ja so weit verbreitet – das ist nicht ein Randphänomen, das ist im Kern dieser Religion angesiedelt. Der Ärger ist alt. Nun ist einfach mit dieser frauenfeindlichen Äusserung das Fass zum Überlaufen gebracht worden. Ich habe mir die Frage gar nicht gestellt, ob es Mut braucht. Ich habe einfach gewusst: Jetzt muss ich diesen Schritt tun.

Was kann das konstruktive Ziel von Ihrem Kirchenaustritt sein?

Es kann sein, dass andere Frauen diesen Schritt auch tun. Aber diese Hoffnung ist an einem kleinen Ort, dass das tatsächlich etwas bewegt. Ich glaube eher, dass die römisch-katholische Kirche riskiert, dass sie alle Frauen verliert, als dass sie sich bewegt und eine gleichberechtigte Kirche wird, in der Frauen einen gleichberechtigten Platz haben. Auch die ganze Frage, ob Frauen Priesterinnen werden können oder nicht – das ist ebenfalls etwas, was einfach so nicht mehr in unsere heutige Zeit passt. Vielleicht gibt es noch einen Anschub, aber ich glaube eher, dass es zur Emigration vieler Frauen führen wird und dass die katholische Kirche am Schluss als alte Männerkirche dastehen wird, der Frauen davongelaufen sind.

Bis jetzt waren Sie Mitglied der Kirche – was bedeutet es für Ihren persönlichen Glauben, wenn Sie nicht mehr Teil dieser Kirche sind?

Das hat gar nichts miteinander zu tun. Ich habe mich auch öffentlich nicht zu meinem Glauben geäussert. Ich äussere mich zur katholischen Kirche als Institution, die Werte prägt. Und da war sie in vielen Fragen meine Verbündete – das muss ich sagen – etwa in der Politik. Das ist auch ein Grund, weshalb ich bis heute geblieben bin. Die katholische Kirche der Stadt Luzern macht ganz viele gute Dinge. Das hat mich immer dabei gehalten und ich habe der katholischen Kirche Luzern versprochen, dass ihr meine Steuergelder für ihre tollen Projekte, die sie macht, zugutekommen. Diesen Überbau kann ich jedoch einfach nicht mehr stützen.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

55 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Herbert Vetsch (Realist1968)
    Ich stelle nur EINE Frage: all die, welche eine Abtreibung nicht als Tötung anschauen, da das Lebewesen im Körper der Frau ja kein Lebewesen sein soll, befürworten da alle die Gentechnik und die Möglichkeit zur Genmanipulation? Man manipuliert ja dann kein Lebewesen, oder? Abstimmung, wer dafür ist, bitte Daumen hoch, wer für Abtreibung und gegen Genmanipulation ist (also Scheinheilg ist), bitte Daumen nach unten...Danke für die Teilname an dieser Abstimmung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Samuel Müller (Samuel Müller)
    Kirchenfeindlichkeit liegt absolut im Trend. Man kann es sogar positiv zum Antrieb einer politischen Karriere auschlachten. ... nur steht unsere Kultur, unser Wohlstand und vieles mehr auf dem Fundament der jahrhunderte langen Disziplin der katholischen Kirche. Wer hat z.B. die Bibliotheken durch das Mittelalter gebracht? Bücher der Ursprung aller Wissenschaft. Wer das abstreitet hat keine Ahnung woher er stammt und warum er heute überhaupt die Freiheit geniessen kann, darüber zu lästern.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von W. Pip (W. Pip)
      einfach nur falsch: es geht ncicht um Kirchenfeindlichkeit. Genausowenig wie es um Islamfeindlichkeit ginge. Es geht um die Fortschrittsverweigerung von Religionen. Was glauben Sie, wie christiliche Religionsgemeinschaften Zulauf hätten, würden sie sich endlich zum Recht auf Abtreibung, freier sexueller Orientierung, Priester-Ehen u.dgl. bekennen! Da sie es nicht tun, ist das definitionsgemäss nur eines: Fundamentalismus!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Samuel Müller (Samuel Müller)
      Das widerspricht sich ja selbst. Denken sie tatsächlich es wäre gut, wenn die Kirche jeden neuen Trend mitmachen würde der unserer verrückten Zeit entspringt? Die Kirche steht für Kontinuität, Disziplin und langfristiges Denken. Sie wird länger bestehen als unsere momentane Freiheit. Ich bin übrigens total ungläubig und bin mit 19 ausgetreten, war damals schon ein Weitdenker. Trotzdem verleugne ich unsere Geschichte nicht.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Alex Volkart (Lex18)
      An Herr Pip: Da muss ich Ihnen wiedersprechen. Einiges was hier geschrieben wird ist eindeutig kirchenfeindlich. Aber Einiges wiederum ist berechtigte Kritik. Eine Religion ist auch nicht perse fortschrittsverweigerlich. Aber Seehafen recht damit das die Kirche mit dem Papst als Oberhaupt deutlich mehr tun muss wenn sie nicht in der Versenkung verschwinden will. Wie z.B. Recht auf Abtreibung, freie sexuelle Orientierung, Ehe von Geistlichen, usw. Vieles davon ist z.B. Bei Reformierten möglich.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Walter Breitenmoser (Communio)
    Bin ich froh, dass Sie aus der Kirche ausgetreten sind, Frau Bühlmann! Wer Abtreibung aktiv unterstützt wie Sie, hat da eh nichts verloren!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Patric Huber (Patric Huber)
      Ja so sind sie die „Gläubigen“ Hypokriten. Jahrhunderte der Rückständikeit, Folter, Mord, Unterdrückung, Ausbeutung, Frauenfeindlichkeit, Homophobie aber gleichzeitig tausende Kindsmisshandlungen.... alles ok... aber eine Abtreibung aus Not...
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Alex Volkart (Lex18)
      An Herr Breitenmoser: Zum Glück können Sie nicht bestimmen wer in der Kirche bleiben darf und wer nicht, sonst wäre sie wohl schneller leer als bisher. Das ist eine ziemliche Anmassung ihrerseits.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Alex Volkart (Lex18)
      An Herr Huber: Ich will die Kirche nicht zwingend verteidigen aber Rückständigkeit, Folter, Mord, Unterdrückung, Ausbeutung, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Kindesmisshandlung sind die auch anderswo zu finden.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen