Es gibt diese Art von Erzählung, bei der jemand sehr genau schildert, wie betrunken er gestern war – und während er noch von Ekstase und Weinflaschen spricht, denkt man als Zuhörer: schön für dich. Der Film «Allegro Pastell» hat etwas von dieser Erfahrung. Der Erfolgsroman von 2020 zog einen hinein, liess einen teilhaben an einem Rausch. Der Film erzählt davon. Das ist ein Unterschied.
Es geht, grob gesagt, um zwei Menschen, die sich begegnen und ineinander verlieben, ohne je ganz bei sich selbst anzukommen: Tanja, eine Autorin, Jerome, ein Grafiker, beide ausgestattet mit einem feinen Gefühl für Stimmungen, Möglichkeiten, Unschärfen. Sie könnten sich festlegen, tun es aber nicht.
Zwei Millennials, die ihre Tage der möglichst reibungslosen Herstellung guter Gefühle widmen. Im Roman war das ein schwebendes Sowohl-als-auch, eine Kunst der Ambivalenz. Im Film wirkt es oft wie ein Zögern ohne Richtung.
Wer das Buch damals inhaliert hat, erwartet eine ähnliche Erfahrung und hört in den Filmszenen doch vor allem Sätze, die zurück auf die Seite wollen. E-Mails, die im Roman einen Sog entwickeln, werden hier über Bilder gelegt – Lavalampe, Laptop, Bettkante – und verlieren dabei ihr Tempo.
Nähe auf Abstand
«Der Sex war gar nicht besonders gut. Aber er trug ein Versprechen in sich. Also war es letztlich doch schon fast guter Sex», so Jerome Daimler (Jannis Niewöhner). Als Gedanke hatte das einmal Leichtigkeit. Als Voice-over über nackter Haut wirkt es ausgestellt.
Das ist die entscheidende Verschiebung dieser Verfilmung von Leif Randt unter der Regie von Anna Roller: Sie macht sichtbar, was als Gedachtes stärker war – und findet dafür keine eigene filmische Entsprechung. Der Roman hatte diesen eigentümlichen Flow: weniger Handlung als ein fortgesetztes, fast genüssliches Nachdenken über sich selbst. Nähe und Distanz wurden austariert wie ein Designproblem, alles auf angenehme Zustände hin optimiert.
Rausch ohne Wirkung
Der Film dagegen bleibt oft im Abbild stecken. Selbst die Partys haben keinen Rausch, sondern etwas Mühsames, leicht Erschöpfendes; auch eine Hochzeit unter Drogen, im grellen Tageslicht, entwickelt keinen Taumel. Es ist alles da, nur nicht die Erfahrung.
An den Darstellern liegt das nicht: Jannis Niewöhner, Sylvia Faligant und Luna Wedler als Tanjas Schwester spielen das sehr gegenwärtig, mit einer Genauigkeit, die nichts behauptet und nichts glättet. Gerade diese Präzision zeigt, was fehlt: das Schwebende, das Unentschiedene, das sich nicht festhalten lässt. Stattdessen erdet der Film vieles – Streit, Verletzungen, Überforderung – und verliert dabei an Offenheit, in der man sich verlieren konnte.
Und doch gibt es Momente, in denen der Film fast kippt: Tanja tanzt allein im Club, aus dem Off ein Satz über Scham und Kontrollverlust. Für einen Augenblick öffnet sich etwas. Dann Schnitt, eine Bahnstation, ein Blick – und alles legt sich wieder. Der Film streift seine Möglichkeiten, verfolgt sie aber nicht. So entsteht eine eigentümliche Differenz zwischen Buch und Verfilmung.
Oder ist es weniger der Film als eine Verschiebung im Blick: eine Fanbase, die damals noch näher dran war, empfänglicher für diese Form von Leichtigkeit, und heute nüchterner hinschaut? Man sieht nun, was man sich früher hineingedacht hat. Jetzt schaut man anderen beim Lostsein zu. Und bleibt selbst vollkommen klar.
Kinostart: 16. April