Es dämmert über den Wohntürmen einer Metropole – ein riesengrosses Thermometer zeigt 49 Grad an und eine Durchsage schallt durch die Strassenschluchten: «Die Sonne ist am Aufgehen. Kinder und ältere Menschen sollten sich in Innenräume begeben und dort den Tag über bleiben.»
Die Nacht zum Tag gemacht
In der unbestimmten Stadt in einer naher Zukunft ist es so heiss, dass nicht mehr viele Menschen dort leben, wahrscheinlich sind sie weggezogen in weniger heisse Gebiete. Die, die geblieben sind, haben die Nacht zum Tag gemacht. Auch die neunjährige Nika (Maria Pia Pepe) geht nachts zur Schule – ein trauriges, stilles Mädchen, das in der Pause allein auf dem dunklen Schulhof sitzt.
Hitze und die Entvölkerung haben die Menschen so einsam gemacht, dass es Agenturen gibt, die Bezugspersonen vermieten. Jonah (Levan Gelbakhiani) ist so ein Dienstleister – er ist mal Freund, mal Student, mal Sohn. Nikas Mutter Cleo (Agnese Claisse) engagiert ihn als Vater für Nika. Die reagiert zuerst abweisend. Irgendwann sagt sie zu Jonah, sie brauche eigentlich keinen Vater. Aber sie möge ihn und sie könnten doch einfach Freunde sein. «Echte Freunde», fügt sie hinzu.
Gefühle im Dunkeln
Wenn Jonah und Nika zusammen sind, reden sie wenig. Umso stärker sind Levan Gelbakhiani und Maria Pia Pepe im Zusammenspiel – manchmal sitzen sie sich einfach gegenüber, die Kamera erforscht ihr Mienenspiel, ihre Augen, die in der Dunkelheit gross und dunkel sind – fast wie die von Eulen (und diese spielen auch eine Rolle im Film).
Manchmal aber fällt ein sprichwörtlicher Lichtschein auf das Dunkel ihrer Gefühle – zum Beispiel in einer Szene in einem nächtlichen Skaterpark. Nika fährt mit ihrem Skateboard herum, das Jonah ihr beim ersten Besuch geschenkt hat.
Das sonst so traurige Mädchen ist fröhlich und fragt Jonah, ob er zu ihrem Schultheater komme. Sie spiele die Sonne. «Als ich so alt war wie du», sagt Jonah, «haben alle die Sonne geliebt …»
Dieses Märchen habe sie auch schon gehört, erwidert Nika und fragt: «Du warst also ein glückliches Kind?» Die Antwort bleibt Jonah schuldig. Aber das Zusammensein mit Nika löst etwas aus, denn das Mädchen zeigt Gefühle noch ungefiltert und unverfälscht. Das bringt Jonahs professionelle Distanz zum Bröckeln.
Poetische Erzählung in brutalistischer Architektur
Jacqueline Zünd hat für ihren ersten Spielfilm perfekte Schauplätze gefunden: Gedreht hat sie im brasilianischen São Paulo und in Wohnkomplexen von Mailand und Genua.
Entstanden sind starke, wunderschöne, zuweilen absurde Bilder und Szenen: Überhelle leere Strassenschluchten wechseln ab mit verdunkelten Räumen und spärlich beleuchteten nächtlichen Plätzen in brutalistischen Überbauungen. Nachts liegen Leute am Strand, schwimmen im rabenschwarzen Meer. Auf einem Sportplatz üben Menschen eine seltsame Sportart aus: Sie prallen mit nacktem Oberkörper immer wieder aufeinander, schweigend. Es gibt ein Lokal, in dem ein alter Mann Eulen hält, die man streicheln darf.
Zünd hat über die Klimakatastrophe keine postapokalyptische Dystopie gemacht, sondern einen poetischen Film über menschliche Beziehungen und das Aufbrechen von Einsamkeit. «Don’t Let the Sun» ist ein selten schönes Kinokunstwerk.
Kinostart: 19. März