Camus' Roman beginnt mit den berühmten Sätzen: «Heute ist Mama gestorben. Oder gestern, ich weiss es nicht.» Ozons Film dagegen beginnt, als Meursault ins Gefängnis geworfen wird: «Was hast du getan?» fragt einer. «J'ai tué un Arabe» (Ich habe einen Araber getötet), antwortet dieser.
In Rückblenden wird erzählt, wie es dazu kam. Meursault, ein Franzose aus Algier, ist ein Typ, der wenig spricht, nie lügt, sich nie verstellt und dem alles egal zu sein scheint. «Ich weiss es nicht» und «es ist mir egal» sind die häufigsten Sätze, die wir ihn im Film sagen hören.
Ein irritierend teilnahmsloser Held
Mit Benjamin Voisin hat Ozon eine geniale Besetzung für die Hauptfigur Meursault gefunden, der nicht einfach nur kalt wirkt, sondern eher wie einer, der eigentlich gar nicht versteht, was um ihn herum passiert.
Als er per Telegramm erfährt, dass seine Mutter gestorben ist, verzieht Meursault keine Miene. Er fährt aufs Land, zum Altersheim, in dem seine Mutter lebte und starb. Als ihm dort jemand den Sarg öffnen will, damit er Abschied nehmen kann, hindert er ihn daran. Ob er denn nicht seine Mutter ein letztes Mal sehen wolle, ist die Frage. Nein, das bringe ja nichts, erwidert Meursault.
Der Beerdigung wohnt Meursault bei, als ob sie ihn nichts anginge. Und als er am Tag nach der Beerdigung seine alte Kollegin Marie wieder trifft und eine Beziehung eingeht, bleibt er ebenso gefühlskalt.
Flirrendes Schwarzweiss
Meursault greift weder ein, als der eine Nachbar Salamano (genial gespielt von Denis Lavant) seinen Hund misshandelt, noch als sein anderer Nachbar, der zwielichtige Sintès (Pierre Lottin) seine Geliebte verprügelt. Und schliesslich erschiesst er – ohne Not – am Strand einen Mann. Vielleicht, weil er sich nervt, dass der andere ihn mit seinem Messer blendet. Vielleicht auch nur, weil er gerade eine Pistole zur Hand hat. Vor Gericht aber wiegt nicht dieser Mord am schwersten.
Das eigentliche Verbrechen, das ihm zur Last gelegt wird, ist die Teilnahmslosigkeit bei der Beerdigung der Mutter. In Szene gesetzt ist «L’Étranger» in flirrendem Schwarzweiss – die blendende Sonne ist geradezu fühlbar.
Gelungene cineastische Umsetzung
Ozon setzt auf die Stärke der Bilder, auf die Möglichkeiten des Mediums Film – statt sich am literarischen Text festzuklammern. Deshalb ist die Umsetzung auch so gut gelungen. Nur in zwei Schlüsselstellen hören wir den Originaltext aus dem Off. Das erste Mal direkt nach dem Mord am Strand: «Mir wurde klar, dass ich das Gleichgewicht des Tages zerstört hatte, die aussergewöhnliche Stille eines Strandes, an dem ich glücklich gewesen war.»
«L'Étranger» bleibt in seiner Erzählung und wunderschönen, detailgetreuen Inszenierung und Ausstattung nah bei der literarischen Vorlage. Ozon unterfüttert den Film allerdings auch subtil mit all dem historischen Wissen darum, was in den fast 80 Jahren seit Erscheinen des Romans passiert ist: der Rassismus der Franzosen gegenüber den Arabern, (man sieht einmal ein Schild, das den «indigènes» den Eintritt ins Kino verbietet), der sich regende Anti-Kolonialismus und der bevorstehende Algerienkrieg.
Am deutlichsten ist das, wenn der Erschossene, der im Roman nur ein namenloser Araber bleibt, im Film am Ende Namen und Grab erhält.
Kinostart: 19. Februar